ABB Bitteres Ende

Ulrich Spiesshofer, 55, braucht einen neuen Job. Der frühere Unternehmensberater musste die ABB-Führung überraschend abgeben.

(Foto: Ennio Leanza/dpa)

Das überraschende Ausscheiden von Konzernchef Spießhofer wirft Fragen auf. Geht es um den Kulturwandel?

Von Isabel Pfaff, Bern

Im Februar hat Ulrich Spiesshofer noch einmal alles gegeben. Mit Pathos und jeder Menge Superlativen präsentierte er in einer Eventhalle im Zürcher Norden das Jahresergebnis von ABB, dem größten Industriekonzern der Schweiz. Smarte Brille, offener Kragen, breitbeinig - der Auftritt sollte klar machen: ABB ist nach Jahren der verpassten Ziele wieder zurück und bereit für die Zukunft. Und damit auch er, Spiesshofer, der schon bald nach seinem Start als CEO 2013 immer wieder unter Druck geraten war. "Die Arbeit macht Spaß, ich stehe gerne weiter zur Verfügung", hatte er kurz zuvor der NZZ in einem Interview gesagt. Am Mittwoch trat dann doch ein, was immer wieder gemunkelt wurde: ABB gab Spiesshofers sofortigen Abgang bekannt. Übergangsweise übernimmt Peter Voser, Präsident des Verwaltungsrats, die Konzernleitung. Die Suche nach einem neuen CEO sei eingeleitet.

Ein dann doch überraschender Abschied, mitten in der wohl schwierigsten Umbauphase, die der Konzern mit rund 145 000 Mitarbeitern je erlebt hat: Seit Dezember ist klar, dass ABB sich von seiner Stromnetzsparte trennen wird, einem einstigen Schlüsselbereich, der immer noch etwa ein Viertel des Umsatzes ausmacht. Mitte 2020 soll der Verkauf an den japanischen Mischkonzern Hitachi abgeschlossen sein. Zusätzlich gab ABB bekannt, seine komplizierte Matrix-Struktur aufzugeben. Dabei griffen bisher zwei Dimensionen ineinander: die Regionen, in denen ABB tätig ist, und die thematischen Einheiten des Konzerns. Die "neue ABB", die schon in diesem Monat voll funktionsfähig sein soll, besteht nur noch aus einer schlanken Geschäftsleitung und vier Geschäftsbereichen - Elektrifizierung, Industrieautomation, Antriebstechnik sowie Robotik und Fertigungsautomation -, die deutlich autonomer agieren sollen als bisher.

Die Konzernleitung unter Ulrich Spiesshofer hat diesen Umbau nicht ganz freiwillig angestoßen. 2015 ist die berüchtigte schwedische Investmentfirma Cevian Capital bei ABB eingestiegen. Cevian hält etwa fünf Prozent der ABB-Anteile, der Mitgründer Lars Förberg sitzt außerdem im Verwaltungsrat. Cevian gilt als sogenannter aktivistischer Aktionär, also als Anteilseigner, der sich gezielt in Unternehmen einkauft, die in Schwierigkeiten stecken. Leute wie Förberg mischen sich lautstark ein ins Management, sie wollen die Firmen fokussieren, oft auch aufsplitten, um sie an der Börse wertvoller zu machen und schließlich ihre Anteile mit Gewinn wieder zu verkaufen. Bei ABB hatte Cevian schon lange darauf gedrängt, die Stromnetzsparte abzustoßen. Spiesshofer wehrte sich - und gab schließlich im Dezember auf.

Nach diesem Knall hatten Beobachter eigentlich damit gerechnet, dass Ruhe einkehren würde. Jetzt der überraschende Rücktritt, außerdem noch kein Ersatz für Spiesshofer. Das Bild, das ABB seit Mittwoch abgibt, wirkt alles andere als harmonisch, auch wenn Interim-CEO Peter Voser auf Medienanfragen hin beteuert, dass Spiesshofers Rücktritt einvernehmlich erfolgt sei. Haben die Aktivisten unter den Aktionären weiter Druck ausgeübt? Voser verneint. Der CEO-Wechsel habe mit dem "tief greifenden Kulturwandel" zu tun, den der Umbau mit sich bringe. "Wir werden viele Dinge, die vorher in der Verantwortung der Konzernleitung lagen, in die verschiedenen Geschäftsbereiche verlagern." Der Verwaltungsrat sei dafür verantwortlich, für diese neue Kultur das richtige Führungsteam zu finden.

Tatsächlich gilt der 55-jährige Spiesshofer, der die deutsche und die schweizerische Staatsbürgerschaft besitzt, als detailversessen, als jemand, der gerne Mikromanagement betreibt. Investor AB, mit rund elf Prozent Anteilen der größte ABB-Aktionär, äußerte sich jedenfalls offen zufrieden: "Wir unterstützen die Entscheidung des Verwaltungsrats, dass jetzt die richtige Zeit für eine neue Person an der Spitze ist", teilte eine Sprecherin Reuters gegenüber mit. Cevian hält sich bedeckter. Man unterstütze die neue Ausrichtung von ABB und habe volles Vertrauen in Peter Voser. Aus firmennahen Kreisen ist indes zu hören, dass Spiesshofers Abgang die logische Konsequenz sei aus dem Umbau. Man mache ja sozusagen aus dem zentralisierten Frankreich eine dezentrale Schweiz. Spiesshofer sei aber wie Macron - das passe nicht mehr. Die Leiter der ABB-Divisionen, so ist zu hören, hätten am Mittwoch jedenfalls aufgeatmet.