Süddeutsche Zeitung

Ab-in-den-Urlaub.de und Fluege.de:Zukunft vieler Reiseportale plötzlich ungewiss

Eine Zerschlagung des Reiseanbieters Unister wird wahrscheinlicher. Beim Verkauf der Einzelteile könnte der TV-Konzern Pro Sieben Sat 1 ins Spiel kommen.

Von Heinz-Roger Dohms, Hamburg

Noch kurz vor Schluss gab es einen letzten Rettungsversuch, doch aus ihm sprach bereits die Verzweiflung. Einer der drei verbliebenen Gründer des Online-Reisevermittlers Unister - besser bekannt unter dem Namen seiner Plattformen wie Ab-in-den-Urlaub.de oder Fluege.de - glaubte, einen Investor aufgetrieben zu haben. Doch die anderen Partner wollten davon nichts mehr wissen. Nach dem Unfalltod von zwei Gründungspartnern, darunter Firmenchef Thomas Wagner, Ende vergangener Woche, war die Bereitschaft, einen neuen Sanierungsversuch zu wagen, nicht mehr groß. Zu hoch war auch die Schuldenlast. So zogen die Partner die Reißleine - und stellten für den größten deutschen Online-Vermittler von Pauschalreisen und Flügen Insolvenzantrag.

Kann das Unternehmen nun noch gerettet werden? Seit sich das deutsche Insolvenzrecht vor ein paar Jahren dem amerikanischen angenähert hat, werden Unternehmenspleiten nicht mehr als sofortiges Ende gesehen, sondern bieten die Chance für einen Neuanfang. Ein Beispiel ist der Windkraftbauer Prokon. Da verzichteten Tausende von Kleingläubigern nach der Insolvenz auf einen Teil ihrer Ansprüche, schlossen sich zu einer Genossenschaft zusammen und führen das Unternehmen gemeinsam fort. Fast so, als wäre nie etwas gewesen.

Theoretisch ist ein ähnliches Szenario nun auch im Fall Unister denkbar. So beschwor der vorläufige Insolvenzverwalter Lucas Flöther in einer ersten Stellungnahme die "Einheit des Unternehmens". Es gelte, Unister langfristig wieder stabil zu machen. Dass es so kommt, ist eher unwahrscheinlich.

Die Probleme von Unister reichen tief

Auch Flöther scheint inzwischen zu ahnen, dass er einen besonders schwierigen Fall übernommen hat. Während es zunächst geheißen hatte, die operativen Töchter seien von der Pleite nicht unmittelbar betroffen, meldete Flöther am Dienstagabend auch für das erste Tochterunternehmen Insolvenz an: Die Urlaubstours GmbH ist in Schieflage geraten.

Die Probleme von Unister reichen tief. Unter dem Dach der insolventen Holding verbirgt sich ein Geflecht von sehr unterschiedlichen Tochtergesellschaften, die Internetportale betreiben, denen aber vor allem eines gemein sein dürfte: Sie arbeiten mutmaßlich defizitär. Hinzu kommt: Die technische Ausrüstung gilt als überholt. Und die Belegschaft - auch wenn sie bereits von fast 2000 auf gut 1100 Mitarbeiter geschrumpft ist - noch immer als vergleichsweise überdimensioniert.

Die Suche nach werthaltigen Unternehmensteilen wird dadurch erschwert, dass Unister sich in den vergangenen Monaten bereits von einigen wertvollen Teilen getrennt hatte. Um frische Liquidität zu generieren, wurde die Finanzsparte names Geld.de ebenso veräußert wie ein großes Grundstück in Leipzig, auf dem ursprünglich eine schicke neue Firmenzentrale entstehen sollte - eines der vielen Unister-Projekte, die mit viel Tamtam angestoßen, aber nie umgesetzt wurden.

Ab-in-den-Urlaub.de und Fluege.de könnten einzeln abgegeben werden

Hört man sich in der Internetbranche um, welche Tochtergesellschaften für potenzielle Investoren interessant sind, dann fallen fast ausschließlich die Namen der beiden großen Portale Ab-in-den-Urlaub.de und Fluege.de. Daneben gilt der hauseigene Reiseveranstalter Urlaubstours als attraktiv. "Diese drei Assets sind hochspannend", sagt ein Manager aus der Branche. "Dagegen kann ich mir kaum vorstellen, dass sich jemand Unister komplett ans Bein binden will."

Was gegen das "Modell Prokon" spricht, ist auch die Gläubigerstruktur. Als größter Kreditgeber von Unister gilt der Versicherer Hanse Merkur, der die Leipziger Portale als Plattform für den Vertrieb von Reiseversicherungen nutzt. Dass sich die Hamburger nun in die Rolle des Retters begeben, dürfte eher nicht passieren, stattdessen wird die Hanse Merkur darauf erpicht sein, im Zuge des Insolvenzverfahrens die Verluste in Grenzen zu halten. Das gleiche dürfte für andere potenzielle Gläubiger gelten. Zu denen könnte auch der US-Konzern Google gehören. Der Suchmaschinenkonzern verdiente jahrelang gut an Unister, weil die Leipziger über Google-Anzeigen einen Großteil ihrer Kunden gewannen. Vermutlich sind in diesem Zusammenhang noch Rechnungen offen. Die Amerikaner wollen sich zum Fall Unister ebenso wenig äußern wie die Hanse Merkur.

Pro Sieben Sat 1 wird Interesse an Unister-Portalen zugetraut

Im Reisemarkt wittern unterdessen viele ihre große Chance. Pauschalreisen, Flüge und Mietwagen im Volumen von fast zwei Milliarden Euro vermittelt Unister jährlich und gilt damit im Onlinebereich als klarer Branchenführer. Nun wird der Markt neu verteilt. Das auf Finanzen spezialisierte größte deutsche Vergleichsportal Check24 drängt ins Tourismusgeschäft. Gab man früher bei Google eine Suchkombination wie "Mallorca + Urlaub" ein, dann wurde als oberster Anzeigentreffer meist ein Unister-Portal angezeigt. Zuletzt poppte immer öfter Check24 auf. Zu dieser Strategie passt, dass Check24 sein Reisegeschäft von Leipzig aus betreibt und bei Unister Mitarbeiter abwirbt. Als Käufer werden sie aber nicht gehandelt.

Interesse am Erwerb von Ab-in-den-Urlaub.de und Fluege.de wird eher Pro Sieben Sat 1 zugetraut. Der Münchner Medienkonzern besitzt das Reiseportal Weg.de und prüfte bereits in der Vergangenheit einen Einstieg in Leipzig. Konzernchef Thomas Ebeling hatte gerade angekündigt, auf der Suche nach größeren Akquisitionen im Onlinebereich zu sein. Der Charme dieses Modells: Über seine Fernsehsender kann der Dax-Konzern im großen Stil für seine hauseigenen Portale werben. Aus demselben Kalkül heraus soll sich auch Bertelsmann in der Vergangenheit bereits für Unister interessiert haben. Ein weiterer potenzieller Interessent ist der Ticket-Vermarkter CTS Eventim. Er könnte mithilfe von Teilen aus der Insolvenzmasse künftig spezielle Eventreisepakete schnüren.

Leidtragende der Unister-Pleite sind hingegen neben den Mitarbeitern die Schnäppchenjäger unter den Reisenden. Mit ihrer Alles-oder-Nichts-Strategie zwangen die Leipziger selbst seriöse Anbieter wie das Burda-Portal Holidaycheck dazu, Kunden mit Gutscheinen und anderen Angeboten zu ködern. "Diese ruinösen Praktiken haben mit der Insolvenz von Unister hoffentlich endlich ein Ende", sagt ein Branchenmanager.

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SZ vom 20.07.2016/vit
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