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70 Jahre Ifo-Institut  :Wetterwarte der Wirtschaft

Das Ifo-Institut wurde gegründet, um die Politik wissen­schaftlich fundiert zu beraten. Eine zentrale Rolle spielten der spätere Wirtschaftsminister Ludwig Erhard und der Ökonom Adolf Weber.

Am 18. April 1945 marschieren Truppen der 3. US-Armee in die weitgehend kriegszerstörte fränkische Industriestadt Fürth ein. Tags drauf meldet sich beim amerikanischen Stadtkommandanten John D. Cofer ein Fürther Bürger, der sich als Ökonom vorstellt und seine Hilfe beim Wiederaufbau anbietet. Sein Name ist Ludwig Erhard.

Die Amerikaner nahmen Erhards Angebot an, vermutlich weil der damals 48-Jährige niemals Mitglied der NSDAP war. So begann der sagenhafte Aufstieg Erhards zum Währungsreformer, zum ersten Bundeswirtschaftsminister, Vater des westdeutschen Wirtschaftswunders und schließlich zum Bundeskanzler in Bonn. Weniger bekannt ist, dass Erhard in den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch eine zentrale Rolle beim Aufbau einer unabhängigen, wissenschaftlich fundierten Politikberatung in Deutschland hatte. Dass das Münchner Ifo-Institut in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen feiert, hat sehr viel mit Erhard zu tun, wie der frühere Ifo-Vorstand Meinhard Knoche in einem Aufsatz schildert. Das Institut war am 24. Januar 1949 gegründet worden. An diesem Donnerstag zelebriert dessen Jahresversammlung in der Aula der Ludwig-Maximilians-Universität das Ereignis.

Ludwig Erhard jedenfalls überzeugte die Amerikaner so sehr, dass sie ihn im Oktober 1945 zum Wirtschaftsminister im neu gegründeten Freistaat Bayern unter dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner machten. Sein Wirken war aber nur mäßig erfolgreich, denn bereits im Dezember 1946 wurde er aus seinem Amt entlassen. Anlass waren wohl vor allem Klagen über die Art, wie er sein Ministerium führte. Doch was zunächst wie ein Rückschlag aussah, erwies sich im Nachhinein als "nächste Stufe von Erhards Karriere", wie Knoche schreibt. In München lebte der damals schon berühmte Ökonom Adolph Weber. Um ihn hatte sich eine "Volkswirtschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Bayern" gebildet, in der sich Experten über die Wirtschaftsordnung Nachkriegsdeutschlands austauschten. Der schloss sich Erhard an, und genau hier fand er Gehör für seine Ideen von professioneller ökonomischer Beratung für Politiker und Unternehmer.

Wirtschaftsforschung war in früheren Jahren noch stärker als heute Männersache, zumindest abseits der Schreibstube.

(Foto: oh)

Erhard hatte Erfahrung mit dem Thema. Während des Krieges leitete er das Institut für Industrieforschung in Nürnberg, das von Aufträgen der Reichsgruppe Industrie lebte, einem Vorläufer des BDI. Dabei befasste er sich unter anderem damit, wie die deutsche Währungsordnung nach dem Krieg aussehen sollte. Allein die Erwägung, dass der Krieg verloren gehen könnte, grenzte im NS-Staat an Hochverrat. Erhard war sicher kein Widerstandskämpfer, aber er hielt bewusst Distanz zur NSDAP. Er stand in Verbindung zu Carl Goerdeler, einem der Verschwörer des 20. Juli 1944. Goerdeler, der am 2. Februar 1945 hingerichtet wurde, schrieb noch auf der Flucht vor der Gestapo an seine Mitverschwörer: "Doktor Erhard vom Forschungsinstitut der deutschen Industrie

in Nürnberg (...) wird Euch gut beraten." Zusammen mit Weber und anderen Mitgliedern der Volkswirtschaftlichen Arbeitsgemeinschaft gründete Erhard bereits im September 1946 das "Institut für Wirtschaftsbeobachtung und Wirtschaftsberatung" (später: "Süddeutsches Institut für Wirtschaftsforschung") mit der erklärten Intention, "die Verbindung mit der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung in der Welt" wiederherzustellen, die während des Dritten Reiches verloren gegangen sei. Das Institut sollte sich über Forschungsaufträge finanzieren. Die Chancen schienen gut zu sein, denn die Reputation der bestehenden Institute in Deutschland hatte gelitten, da sie in der Nazizeit alle gleichgeschaltet waren.

Doch der ehrgeizige Plan funktionierte kaufmännisch nicht, die Aufträge blieben aus, und binnen kurzer Zeit schien Erhards Gründung vor dem Aus zu stehen. Da traf es sich gut, dass in München ein konkurrierendes Institut gegründet worden war, das finanziert werden musste. Karl Wagner, der Leiter des Bayerischen Statistischen Landesamtes, plante den Aufbau einer Forschungsstelle für Wirtschaftsbeobachtung. Wagner hatte vor 1945 am Statistischen Reichsamt in Berlin gearbeitet, sein Ehrgeiz reichte daher weit über die bayerischen Grenzen hinaus. Deshalb musste sein Projekt organisatorisch vom Landesamt getrennt werden. Aus diesem Grund entstand im April 1948 die "Informations- und Forschungsstelle für Wirtschaftsbeobachtung". Unterdessen geriet das Süddeutsche Institut nach der Währungsreform in akute Finanznot. Geld war plötzlich wieder knapp in Westdeutschland. Das gab wohl den letzten Anstoß zur Fusion der beiden Institute im Januar 1949 zum "Ifo Institut für Wirtschaftsforschung". Am 9. August überschrieb die Süddeutsche Zeitung ihren Bericht über eine Pressekonferenz des neuen Instituts mit "Bayerische Wirtschaftswetterwarte", eine zutreffende Umschreibung der Ziele der Gründer. Leiter der Volkswirtschaftlichen Abteilung des Instituts war Walter Slotosch, der 1951 selbst zur SZ kam und bis 1965 deren Wirtschaftsredaktion leitete.

In den folgenden Jahrzehnten begleitete das Ifo-Institut die Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik mit zum Teil einflussreichen Gutachten. Als etwa die Bundesregierung 1968 die alte, ungerechte Bruttoumsatzsteuer abschaffte und durch die moderne Mehrwertsteuer ersetzte, errechneten Finanzwissenschaftler aus München, wie hoch der Satz sein musste, um weder zu Einnahmeausfällen für den Staat, noch zu Mehrbelastungen für die Bürger zu führen (es waren genau zehn Prozent). Außerdem nimmt das Ifo bis heute an der halbjährlichen Konjunkturprognose der großen Forschungsinstitute teil.

Ifo Konjunkturprognose 2016

Hans-Werner Sinn war von 1996 bis 2016 Präsident des Ifo-Instituts. Er führte es aus einer tiefen Krise.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Der eigentliche Trumpf in der Hand des Ifo-Instituts ist der Geschäftsklima-Index, den die Forscher seit 1973 jeden Monat erheben . Er beruht auf der Erkenntnis, dass man vernünftige Trendaussagen über die Wirtschaft bekommen kann, wenn man Handelnde, in diesem Fall also Unternehmer, nach ihren Erwartungen fragt. Das Konzept stammt aus Amerika, galt aber in Deutschland zunächst nur als exotisch. Der Ifo-Index änderte dies. Heute werden unzählige derartiger Indizes erhoben.

Die größte Krise seit der Gründung erlebte das Ifo im Jahr 1996. Damals evaluierte der deutsche Wissenschaftsrat alle staatlich geförderten Wirtschaftsinstitute und beschloss, das Ifo zu einer reinen Forschungsstelle abzuwerten. Das hätte das Aus für das Institut in seiner bisherigen Form bedeutet. Es war vor allem der damalige bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (CSU), der den Kampf um die Erhaltung des Institutes aufnahm. Wiesheu holte den Münsteraner Wirtschaftsprofessor Hans-Werner Sinn nach München. Sinn änderte das Ifo von Grund auf. Er band es enger an die Universität an, sorgte dafür, dass Ifo-Forscher mehr publizierten und dass internationale Wissenschaftler regelmäßig nach München kamen. Und er verschaffte dem Ifo Publizität. Kaum ein Tag, an dem das Institut oder Sinn selbst nicht in der Zeitung standen.

In der Rückschau kann man sagen: Sinn hat das Ifo gerettet. Sein Nachfolger Clemens Fuest führt den Kurs Sinns seit 2016 fort.