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60 Jahre soziale Marktwirtschaft:Erhards Erbe

Der Anfang eines beispiellosen Aufschwungs: Mit der Währungsreform 1948 begann fast über Nacht das Wirtschaftswunder. Sechs Jahrzehnte später hadern die Deutschen mit ihrem Wirtschaftsmodell.

"Nach den seelischen Spannungen der letzten Tage hat nun wieder der Alltag von uns Besitz ergriffen. Das deutsche Volk ist heute ruhig und besonnen an seine Arbeit gegangen, und ich glaube, es werden wenige darunter sein, die sich dabei nicht mit einem Gefühl der Befreiung bewusst geworden sind, wie hart am Abgrund wir gewandert sind." Worte der Erleichterung und des Stolzes am Tag nach einer mutigen Tat. Gesprochen in einer Rundfunkansprache für die westlichen Besatzungszonen in Deutschland, am 21. Juni 1948, vor beinahe 60 Jahren.

Der Aufstieg ist möglich - das wichtigste Versprechen der sozialen Marktwirtschaft verfängt heute nicht mehr so wie früher.

(Foto: Foto: AP)

Erhard schrieb Geschichte

Der Mann, der diese Worte sprach, hieß Ludwig Erhard und war damals 51Jahre alt. Ein Bayer aus Franken, ebenso korpulent wie enthusiastisch und über alle Maßen verliebt in Zigarren. Ein promovierter Ökonom, gescheiterter Familienunternehmer und nun Direktor für "Verwaltung der Wirtschaft" der amerikanischen und britischen Besatzungszonen. Viele Spuren hat dieser Ludwig Erhard, der spätere Minister und Kanzler, hinterlassen, Reden gehalten, Dokumente unterzeichnet - am 20. Juni 1948 aber hat er Geschichte geschrieben.

Was Erhard tags darauf im Rundfunk vage als "Abgrund" bezeichnete, war bittere Not. Deutschland lag am Boden, und seine Wirtschaft war aus der Bahn geworfen. In den Regalen herrschte gähnende Leere, obwohl im Land eine riesige Geldmenge unterwegs war. Geld, das nichts mehr wert war. Der Schwarzmarkt blühte, Ware gegen Ware. Das Recht des Stärkeren triumphierte, und das Hamstern gehörte ebenso zum Alltag wie das Plündern von Kohlezügen.

Vertrauen auf den freien Wettbewerb

Zwölf Jahre lang war Deutschland unter dem Banner der Nazis zentral verwaltet worden. Bei einer bestimmenden Rolle des - nun freilich demokratischen und freiheitlichen - Staates sollte es nach herrschender Meinung bleiben. "Wir wollen die zentrale Planung in der Wirtschaft", sagte der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher unmissverständlich. Und der CDU-Politiker Karl Arnold erklärte: "Die Neuordnung der Eigentumsverhältnisse an der Ruhr und darüber hinaus ist ein unaufhaltsames soziales Gesetz geworden."

In dieser Zeit konnte es nur ein beinahe Verrückter wagen, dem freien Wettbewerb zu vertrauen und den Lehrsatz umzusetzen, dass freie Preisbildung dazu führen werde, dass die Wirtschaft ihre Produktivkräfte optimal ausnütze und das höchstmögliche Sozialprodukt schaffe, also "Wohlstand für alle".

Angeordnet wurde die Währungsreform von den Alliierten. Doch Erhard, dem Marktwirtschaftler, war es zu wenig, Reichsmark durch D-Mark zu ersetzen, er wollte mehr. Was, wenn die neue Währung käme und sich nichts änderte außer der Anmutung der Geldscheine? Wenn Hunger und Mangel blieben? Also hob der deutsche Wirtschaftsdirektor von alliierten Gnaden zum Geniestreich an und kündigte am Tag vor dem offiziellen Inkrafttreten der Reform und an den Amerikanern vorbei die Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung und vieler Preis- und Mengenvorschriften an.

Und siehe da: Über Nacht füllten sich die leeren Auslagen der Geschäfte. Es gab Butter, Bohnenkaffee und Südfrüchte. Jeder Bürger erhielt 40 Mark und einen Monat später noch einmal 20 Mark. Mit einem Schlag schien es, als seien alle Deutschen gleich reich oder gleich arm. Das deutsche Wirtschaftswunder nahm seinen Anfang; allerdings nicht sofort.

Die Mehrheit der Bürger ging leer aus

Noch sah die Wirklichkeit im zerstörten Deutschland anders aus. Die Währungsreform begünstigte vor allem Aktionäre, Besitzer von Immobilien und Fabriken, während die Mehrheit der Bürger leer ausging. Besonders hart traf es die Besitzer von Sparguthaben, weil diese Gelder im Verhältnis 100 zu 6,5 abgewertet wurden. Ein Vermögensausgleich fand nicht statt.

Die Experten waren sich dessen bewusst. So sagte einer von Erhards Mitarbeitern in jener Zeit mit Blick auf "unsere alten Leute, unsere Sozialrentner oder auch unsere zu Unrecht aus der Heimat Vertriebenen, die außer dem Leben vielleicht nur ein Päckchen Geldscheine gerettet haben: Was die Währungsreform nimmt, was sie zerstört, das sind keine echten Vermögenswerte mehr gewesen, sondern Illusionen".

Die Einführung der Reform verlief nicht so reibungslos wie geplant. Schon in den ersten Tagen waren die Läden leer gekauft, die Preise schossen bei ihrer Freigabe in die Höhe. Schließlich wurde öffentlich das Ende des marktwirtschaftlichen Experiments verlangt. Die Arbeitslosigkeit stieg bis 1950 auf mehr als zehn Prozent. Schon im November 1948, wenige Monate nach Erhards Wirtschafts- und Währungsreform, folgten etwa neun Millionen Arbeiter einem Streikaufruf der Gewerkschaften. Es war der einzige Generalstreik in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Schwieriger Anfang

Erst allmählich setzte das Wirtschaftswachstum ein und mündete bis 1954 praktisch in der Vollbeschäftigung. Ludwig Erhard hatte, jedenfalls in der Öffentlichkeit, nie an seinem Weg gezweifelt. Für ihn war die Währungsreform nur ein erster Schritt zu einer neuen, sozialen Wirtschaftsordnung. In ihrem Zentrum sollten die Freiheiten des Verbrauchers stehen, die Gewerbefreiheit, Freiheit der Berufs- und Arbeitsplatzwahl sowie das Recht auf Privateigentum und auf Tarifautonomie.

Zugleich sollte diese liberale Wirtschaftsordnung durch ein soziales Netz abgesichert werden, durch ein gerechtes, sich an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Einzelnen orientierendes Steuersystem sowie die Idee, das Eigentum verpflichtet. An eine Rundumversorgung durch den Staat hatte Erhard nicht gedacht - was die Entstehungsgeschichte der Erhardschen Reformen nachdrücklich belegt.

Damals schon war der Kern des Problems zu beobachten, das die soziale Marktwirtschaft bis heute begleitet: Wer der Wirtschaft Raum lassen will, muss von der Gestaltungskraft des Marktes überzeugt sein und darf ihn reglementieren, aber nicht strangulieren. Wo genau diese Grenze verläuft, ist ein umstrittenes Thema - das wiederum auf die Ausgangssituation von 1948 zurückführt: Was kann der Markt leisten? Bis heute bewegen sich die Deutschen bei dieser Frage zwischen Vertrauen und Misstrauen.

© SZ vom 19.06.2008/jkr
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