Süddeutsche Zeitung

Mobilfunk:Endspiel ums schnelle Internet

  • Mit dem Mobilfunkstandard 5G soll Deutschland seinen Rückstand beim schnellen Internet aufholen. Schon im kommenden Jahr sollen die ersten Frequenzen versteigert werden.
  • Doch Verbraucherschützer warnen, dass viele Kunden nicht profitieren werden, vor allem diejenigen, die in ländlichen Regionen leben.

Die Hoffnung auf schnelleren Mobilfunk besteht aus einer Zahl und einem Buchstaben: 5G. Der neue Standard soll Deutschland dem Koalitionsvertrag der Bundesregierung zufolge an die Weltspitze der digitalen Infrastruktur katapultieren. 5G soll bis zu 20 Mal schneller Daten übertragen als das derzeitige LTE-Netz. Vor allem aber erlaubt es den verbundenen Geräten, quasi in Echtzeit zu kommunizieren. Schließlich sollen schon in ein paar Jahren autonome Autos durch Deutschland fahren, Patienten in jedem Winkel des Landes digital überwacht werden und Industrieroboter einander Befehle geben - natürlich ohne Funklöcher.

Doch ausgerechnet in der entscheidenden Phase der Einführung mehren sich Zweifel. Die Bundesnetzagentur will am 26. November die Regeln für den neuen Standard festlegen; die Versteigerung erster Frequenzen soll im kommenden Jahr beginnen. Schon am Montag will die Behörde ihren finalen Vorschlag an ihren Beirat verschicken. Damit wird auf Jahre festgelegt, mit welchen Angeboten Kunden rechnen können.

Verbraucherschützer fürchten, dass die Interessen der Kunden in der Auktion auf der Strecke bleiben. "Verbrauchern drohen weiterhin mangelhafte Qualität und hohe Preise", sagt Klaus Müller, Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands. Dabei habe Deutschland großen Nachholbedarf. "Wir rangieren bei der Qualität im unteren und beim Preis im oberen Drittel", sagt er, "das muss sich ändern."

Bislang plant die Bundesnetzagentur Vorgaben für den Mobilfunkausbau, wonach die Netzbetreiber bis Ende 2022 mindestens 98 Prozent der Haushalte bundesweit mit mindestens 100 Megabit pro Sekunde versorgen müssen. "Was gut klingt, bedeutet in der Fläche allerdings nur ungefähr 70 Prozent Versorgung", warnt Müller. Damit sei klar: "Die für Telekomfirmen wenig rentablen ländlichen Räume bleiben erneut auf der Strecke." Funklöcher und Verbraucherfrust seien vorprogrammiert. "Wir fordern deshalb von der Regierung, einzugreifen und eine Abdeckung der Fläche des Landes durchzusetzen", sagt Müller.

Derzeit teilen sich drei große Netzbetreiber den hiesigen Mobilfunkmarkt auf: O2, die Deutsche Telekom und Vodafone. Um die Auflagen zur Netzabdeckung zu erfüllen, soll es nun ausreichen, wenn in jedem Landstrich mindestens ein Anbieter seinen Kunden schnelles Netz bietet. Die anderen Kunden hätten davon nichts. Zwar will der Staat die Anbieter verpflichten, dass sie wenigstens entlang von Bundes- und Landstraßen sowie Wasserwegen ihre Funkmasten gemeinsam nutzen müssen. Ein sogenanntes nationales Roaming - also eine solche Pflicht für ganz Deutschland - ist aber nicht vorgesehen. Dabei ließen sich so Versorgungslücken schließen, kritisieren Verbraucherschützer: "Die Anbieter sollten hier kooperieren."

Alle sind sich einig, dass etwas passieren muss. Nur wie?

Ganz anders sieht das die Telekom. "Wer verpflichtendes National Roaming fordert, stellt sich gegen den Ausbau im ländlichen Raum", sagt Vorstandschef Tim Höttges. Der Konzern verweist auf entsprechende Erfahrungen in Kanada. Dort ist vor wenigen Jahren ein vierter Netzbetreiber in den Mobilfunkmarkt eingestiegen; die gestandenen Anbieter mussten ihm Zugang zu ihren Netzen gewähren. Doch habe der neue Konkurrent sein schnelles Netz vor allem in den Städten aufgebaut, wo es sich am meisten lohnte, argumentiert die Telekom. Daraufhin hätten die Etablierten ebenfalls in den Städten investiert, auf dem Land sei der schnelle Mobilfunk so nicht angekommen.

Höttges warnt, dass viele unterschiedliche Forderungen aus der Politik nicht miteinander kompatibel seien. "Wenn die regulatorischen Rahmenbedingungen falsch gesetzt werden oder überzogen sind, droht Deutschland ein industriepolitisches Desaster", sagt der Telekom-Chef.

Tatsächlich hatten sich mehrere Politiker und Verbände für ein nationales Roaming ausgesprochen, um das Oligopol der drei Netzbetreiber zu brechen. Vor allem der Konkurrent 1&1, zu dem auch Mobilfunkmarken wie Simply oder Smartmobil gehören, hat Interesse bekundet, ein viertes Handynetz aufzubauen. Allerdings lehnt die Bundesnetzagentur bislang eine bundesweite Roamingpflicht ab.

Fürs Land fordern die Verbände eine Mischung aus 5G und LTE

In der Politik kursiert derweil ein Papier, in dem Industrieverbände und Netzbetreiber gemeinsame Forderungen zum Mobilfunkausbau stellen. Geht es nach den Unternehmen, sollten die ersten Hochfrequenzen, die der Staat bald versteigern will, zunächst nur kleine Flächen abdecken. Dies hätte den Vorteil, dass Daten dort sehr schnell verschickt werden könnten. Für den flächendeckenden Ausbau auf dem Land fordern die Verbände hingegen eine Mischung aus 5G und LTE. Zu diesem Zweck sollte der Staat demnach später andere Frequenzen anbieten.

Hinter dem Appell steckt, dass immer mehr Firmen auf schnellen Mobilfunk angewiesen sind. Etwa benötigen moderne Maschinen in der Landwirtschaft, die präzise einzelne Stellen bearbeiten, schon heute LTE auf dem Acker. Damit selbstfahrende Fahrzeuge oder Industrieroboter künftig in Echtzeit funken können, brauche es noch mehr Tempo, heißt es in dem Papier: "5G muss in vollem Umfang im industriellen Feld zur Verfügung stehen."

Indes kritisiert die Gewerkschaft Verdi, dass der Staat die neuen Funkfrequenzen am besten nicht versteigern sollte; das würde nur die Preise treiben. Stattdessen sollte die Politik die drei Netzbetreiber verpflichten, den schnellen Mobilfunk im ganzen Land auszubauen: "Anstatt in Auktionen sollten die Mobilfunkbetreiber ihr Geld besser in den Ausbau der Infrastruktur und die flächendeckende Erschließung investieren", sagt Verdi-Vorstand Lothar Schröder. Dies würde Tausende Arbeitsplätze sichern, ländlichen Regionen helfen und Deutschland technologisch voranbringen, glaubt der Gewerkschafter.

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Quelle:
SZ vom 10.11.2018
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