10. November 2016, 19:30 US-Wahl Trumps Nationalismus löst keine Probleme, er schafft neue

Bisher galt es als gegeben, dass Globalisierung Wohlstand bringt. Nicht aber in der Welt von Donald Trump. Für ihn zählt: America First. Oder gleich: Wir gegen die anderen.

Kommentar von Nikolaus Piper

Die Wahl von Donald Trump ist ein Desaster für Amerika, für die Welt, auch aus ökonomischer Sicht. Das große Unbehagen an der Globalisierung, in vielen Ländern über 20 Jahre hinweg gewachsen, diktiert spätestens jetzt die Tagesordnung der Weltpolitik: der wütende Nationalismus in Europa, die Fremdenangst, die Massendemonstrationen gegen die Freihandelsabkommen TTIP und Ceta in Deutschland, der Brexit und jetzt eben die Wahl eines hemmungslosen Populisten zum mächtigsten Mann.

Es ist eine Zäsur: Bisher galt es, zumindest in den Chefetagen, als gegeben, dass die Welt immer enger zusammenwächst, dass sich die internationale Arbeitsteilung vertieft und dass dabei der globale Wohlstand steigt. Die Zeiten sind vorbei. Heute heißt es: America First. Oder gleich: Wir gegen die anderen. Protektionismus ist mehrheitsfähig, Freihandel nicht mehr.

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Der illegale Einwanderer als Feindbild

Dabei ist vor Vereinfachungen zu warnen. Ja, unter den Trump-Wählern gibt es Abgehängte der Globalisierung, Industriearbeiter aus Ohio, deren Jobs nach China verschwunden sind, Bergarbeiter in West Virginia, die arbeitslos wurden, weil die Welt wegen des Klimaschutzes weniger Kohle braucht. Aber zu der Koalition, die hinter Trumps Sieg stand, gehören auch Millionen Wähler, die überhaupt keine materiellen Nachteile durch die Globalisierung erlitten haben, die aber trotzdem offene Grenzen und Multikulti als Erfindung der Eliten verachten. Inkarnation dieses Projekts ist dann der illegale Einwanderer.

Das Bild ist voller Widersprüche, besonders jenseits der US-Grenzen. Deutschland gehört, zusammen mit der Volksrepublik China, zu den großen Gewinnern der Globalisierung. Die Nettobilanz der Arbeitsplätze ist positiv. Die Behauptung, die Reichen würden in Deutschland immer reicher, die Armen immer ärmer, stimmt schon seit gut zehn Jahren nicht mehr. Trotzdem grassiert auch hier das Unbehagen an der Globalisierung.

Das Thema, früher eine Domäne der Linken, wird heute, im Zeichen der Flüchtlingskrise, zunehmend von der Rechten übernommen. Das hat kaum mit materiellen Verlusten zu tun und lässt sich daher auch nicht so einfach mit Sozialpolitik kurieren. Die Menschen fühlen sich fremdbestimmt und machtlos. Die Überfülle an Informationen, die heute jedem mit einem Smartphone zur Verfügung stehen, verschärft das Problem, die Komplexität der Welt verlangt nach einfachen Antworten. Insofern liegen die Angst vor den Migranten und die vor den amerikanischen Konzernen gar nicht so weit auseinander.

Die Probleme der Menschheit sind mit Nationalismus nicht zu lösen

Nun ändern die Angst und die Wut ja nichts daran, dass Globalisierung Wohlstand schafft, dass die Probleme der Menschheit mit Nationalismus nicht zu lösen sind. Protektionismus schadet in der Regel den Armen mehr als den Reichen, weil die Armen mehr auf billige Konsumprodukte angewiesen sind. Nicht zuletzt schützt Abschottung heimische Machteliten.

Als Zyniker könnte man sagen: Soll Trump doch ruhig einen Handelskrieg mit China und Mexiko vom Zaun brechen, dann werden seine Wähler schon lernen, dass internationale Arbeitsteilung Wohlstand schafft und deren Einschränkung arm macht. Der nicht-zynische Schluss wäre dagegen: Man muss wieder lernen, für die offene Gesellschaft zu kämpfen, für eine liberale Weltwirtschaftsordnung ohne Diskriminierung und Zölle. Dazu gehört es, dass die Staaten ihren Bürgern dabei helfen, in Sachen Globalisierung und Digitalisierung zu bestehen, dazu gehört es auch, Probleme nicht zu verschweigen, weder wenn es um die Kosten der Flüchtlingspolitik geht, noch um die Verwerfungen, die Billigimporte auslösen können. Dazu gehört es schließlich, Europas Handelspolitik besser verstehbar zu machen.

Nach dem Wahlsieg von Trump ist bis auf Weiteres nichts mehr selbstverständlich. Das gilt auf sehr fundamentale Weise auch für die Wirtschaft.

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