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Umschulung von Ex-Schlecker-Mitarbeitern:"Wir haben längst einen Pflege-GAU"

Null Motivation, völlig überfordert und untauglich: In der Pflege arbeiten Menschen, "die in einem Tierpark keine Anstellung finden würden", sagt der Sozialexperte Claus Fussek. Seiner Meinung nach könnten die arbeitslosen Schlecker-Mitarbeiter helfen, das lädierte Image der Altenpflege aufzubessern.

Claus Fussek, 59, gilt als Deutschlands bekanntester Pflegekritiker. Der Buchautor (Im Netz der Pflegemafia) hält es für keine schlechte Idee, geeignete Schlecker-Frauen zu Altenpflegerinnen umzuschulen. Er sagt: In vielen Heimen arbeiten zu viele Menschen, die "völlig überfordert sind"

Arbeitsagentur hat bisher 133 Millionen fuer Schlecker-Pleite gezahlt

Die Arbeitsagentur hat bisher 133 Millionen für die Schlecker-Pleite gezahlt - das Geld für Umschulungen zur Erzieherin fehlt aber.

(Foto: dapd)

SZ: Schlecker-Frauen werden Altenpflegerinnen. Was halten Sie davon?

Claus Fussek: Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Warum sollen diese Frauen, die zum Teil viel Lebenserfahrung mitbringen und alleine in Filialen Verantwortung getragen haben, nicht in Frage kommen? Solche Menschen könnten die Heime doch dringend gebrauchen, sofern sie geeignet und motiviert sind.

SZ: Warum?

Fussek: Ich habe in den vergangenen 15 Jahren mehr als 40.000 Berichte und Anrufe von verzweifelten Pflegekräften oder Angehörigen von Pflegebedürftigen erhalten. Und die zeigen, dass in der Pflege viel zu viele Menschen arbeiten, die null Motivation haben und völlig überfordert sind. Zugespitzt gesagt, da sind Mitarbeiter dabei, die in einem Tierpark keine Anstellung finden würden.

SZ: Wie bitte?

Fussek: Wir brauchen in der Pflege Menschen, die auch soziale Kompetenzen haben, die verantwortungsbewusst, freundlich und höflich sind. Das ist leider bei zu vielen Pflegekräften nicht der Fall, weil Fachkräfte fehlen und an vielen Altenpflegeschulen wegen des Personalmangels - und weil die Klassen voll sein müssen - praktisch jeder oder jede genommen wird. Da werden Leute vom Jobcenter geschickt, die als allerletztes in die Altenpflege gehören. Auch holen wir Menschen aus aller Herren Länder, fragen aber nicht nach kulturellen Problemen oder wie gut sie Deutsch können.

SZ: Die Kritiker von Arbeitsministerin von der Leyen argumentieren, sie würde mit ihrem Vorschlag den Beruf des Pflegers und Erziehers entwerten.

Fussek: Was die Pflege angeht, ist dieser Vorwurf scheinheilig. Das Image der Altenpflege ist leider in weiten Teilen längst am Boden - das aber nicht, weil es selbstverständlich auch großartige Pflegekräfte und gute Heime gibt, sondern weil wir längst einen Pflege-GAU haben. In vielen Heimen ist es normal, dass zwei Pflegekräfte 30 Menschen betreuen. Es kann doch keine gute Pflege sein, wenn alte Menschen wegen Personalmangels angebunden oder mit Psychopharmaka ruhiggestellt werden. Die Mitarbeiter von allen Sozialberufen müssen sich solidarisieren und für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne kämpfen. Die Schlecker-Frauen könnten dabei helfen.

SZ: Wieso?

Sozialexperte Claus Fussek glaubt, dass arbeitslose Schlecker-Mitarbeiter helfen könnten, das lädierte Image der Altenpflege aufzubessern.

(Foto: Renate Schmidt)

Fussek: Weil viele von ihnen gelernt haben, bei Schlecker für ihre Rechte zu kämpfen, weil sie stärker gewerkschaftlich organisiert sind. Die wissen, wie das ist, wenn man während der Arbeit keine Zeit hat, auf die Toilette zu gehen.

SZ: Eigentlich gibt es doch niemanden, der gegen eine bessere Bezahlung dieser Berufe ist. Woran scheitert es?

Fussek: An den Tarifparteien. Pfleger oder Erzieher sind eine der krisensichersten Berufe in unserer Gesellschaft. Wenn diese sich zu einer starken Gewerkschaft zusammentun würden, wären sie mächtiger als die Fluglotsen und Lokomotivführer. Stattdessen sind die Berufsverbände heillos zerstritten. Auf der anderen Seite jammern die Arbeitgeber, vor allem Wohlfahrtsverbände und kirchliche Träger, immer nur über den Pflegekollaps, tun aber nichts für eine bessere Bezahlung und fangen zum Beispiel an, billigere Leiharbeitskräfte einzusetzen.

SZ: Wer soll denn am Ende für die bessere Bezahlung aufkommen?

Fussek: Pflege ist ein äußerst intransparentes Milliardengeschäft, bei dem leider das Geld weder bei den Patienten noch bei den Pflegekräften ankommt. Würden die Angehörigen in der Pflege sehen, dass ihr Vater oder ihre Mutter wirklich etwas von ihren eigenen Ausgaben haben, würden sie mit Sicherheit auch mehr bezahlen.

SZ: Viele haben das Geld gar nicht.

Fussek: Dann muss dafür die Solidargemeinschaft aufkommen. Wir brauchen eine Diskussion darüber, wie viel uns eine menschliche und gute Pflege wert ist.

© SZ vom 15.06.2012/ina

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