25. September 2014, 10:26 Traditionsmarke Kodak Ein Deutscher will Kodak retten

Fotografen liebten die Filme von Kodak, Kodachrome war Kult - bis die digitale Kamera kam. Nun soll die Traditionsmarke aus den USA wieder aufleben - unter der Führung eines ehemaligen Siemens-Managers. Er setzt auf das gedruckte Foto. Geht das gut?

Von Kirsten Bialdiga

Wenn Miley Cyrus ein Foto von einem Hund twittert, ist das für sie und ihre Fans ein großer Moment. Sie nennt ihn "Kodak Moment". Ein besonderer Augenblick also, der unbedingt im Foto festgehalten werden muss. "Kodak Moment", das ist im Englischen wie Tempo-Taschentuch oder Tesa-Film - ein Produktname, der zum Alltagsbegriff wurde. Jedes Unternehmen wünscht sich das, nur wenige schaffen es.

Kodak hat gleich mehrere davon. "Kodachrome" wurde zum Synonym für den Diafilm, Aussichtspunkte auf die schönsten Landschaften Amerikas heißen offiziell "Kodak Picture Spots". Der Wert dieser Marke ist nicht weit von Coca Cola oder Apple entfernt, den bedeutendsten Brands der Welt. Dabei existiert Kodak gar nicht mehr. Zumindest nicht mehr als das, was es einmal war: ein großer Konzern und eine Legende.

Die Legende möchte Ralf Gerbershagen in das neue Unternehmen Kodak Alaris hinüberretten. Er klingt ein wenig ehrfürchtig, wenn er von der großen Vergangenheit spricht. "Es ist eine sehr emotionale Branche und ein sehr emotionales Unternehmen", sagt der Chef von Kodak Alaris im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, "viele Kunden erzählen auf Anhieb ganz viele Geschichten, die ihr Leben mit der Marke Kodak verbindet."

Kodak Alaris, das ist eine von zwei Nachfolgegesellschaften des US-Konzerns Eastman Kodak mit einst 130 000 Beschäftigten, der nach jahrelangem Niedergang 2012 mit am Ende noch 17 000 Beschäftigten Insolvenz anmelden musste. Das, was nach der Pleite von dieser früheren Eastman Kodak noch übrig ist, trägt den alten Namen weiter und wird sich in Zukunft auf das kommerzielle Druckergeschäft konzentrieren, etwa das Bedrucken von Industrieverpackungen.

Die Hoffnung: Personalisierte Produkte mit aufgedruckten Fotos

Kodak mit dem Namenszusatz Alaris hingegen kümmert sich künftig um das Konsumentengeschäft. Der britische Pensionsfonds Kodak Pension Plan of the United Kingdom (KPP) hatte diesen Teil des Geschäfts vor einem Jahr übernommen. 3400 Beschäftigte wechselten in die neue Gesellschaft, die auf 1,3 Milliarden US-Dollar Umsatz kommt und ihren Sitz im britischen Hemel Hempstead hat. Die gelbe Kodakfotofilmrolle, das Geschäft mit Fotobüchern, das Fotopapier, die Scanner - all das gehört heute zu Kodak Alaris. Was aber das Entscheidende ist: Den Namen "Kodak" darf die neue Firma auf unbegrenzte Zeit nutzen.

"Wir sind ein junges Start-Up-Unternehmen, haben aber einen traditionsreichen Markennamen mit enormer Ausstrahlung - das ist eine unglaubliche Konstellation", sagt Gerbershagen. "Alaris", der Namenszusatz stehe für Beweglichkeit, für eine neue, agile Kodak.

Wie beweglich, das will Gerbershagen in den nächsten Monaten beweisen. In wenigen Tagen schon sollen Kunden in Drogeriemärkten Produkte kaufen können, die mit persönlichen Fotos bedruckt sind: "Sie gestalten Ihr Shampoo mit Ihrem eigenen Foto in der Druckstation direkt im Geschäft und lassen die Shampoo-Flasche damit bedrucken", erläutert Gerbershagen. Eine Weltneuheit sei das - und für Kodak Alaris ein großes Geschäft, hofft er.

Er will die Legende in das neue Unternehmen hinüberretten: Ralf Gerbershagen, Geschäftsführer von Kodak Alaris.

(Foto: PR)

Besonders Tierfreunde könnten Spaß daran finden, Katzenstreu oder Futterdosen mit einem Foto ihres Lieblings zu kaufen - Fotos mit Tieren sind schon jetzt einer der größten Umsatzbringer im Fotobuchgeschäft. Einer der weltweit größten Tierfutterhersteller ist bereits an einer Kooperation interessiert.

Im Industriegeschäft hingegen steckt das Wachstum in etwas profaneren Themen. Die Dokumentenverwaltung ist für Gerbershagen ein solches Zukunftsgeschäft. Viele Unternehmen stünden zurzeit vor der Aufgabe, Kundendaten in ihre IT-Systeme zu schleusen, die sie auf den unterschiedlichsten Wegen erreichen: Per Mail, per Twitter oder über andere soziale Netzwerke, per Fax oder als traditioneller Brief. Scannen allein hilft Unternehmen oder Krankenhäusern da nicht weiter: "Die Software ist so intelligent, dass sie Inhalte ausliest, aufbereitet und in die vorhandenen IT-Systeme der Firmen integriert." Das sei ein 20-Milliarden-Dollar-Markt, meint Gerbershagen.

Der 52-Jährige kam erst im April zu Kodak Alaris. Wenn er von der alten und der neuen Kodak spricht, dann geht es immer wieder um Tradition und Aufbruch. Darum, Bewährtem verhaftet zu bleiben und trotzdem Neues zu wagen. Wie in seiner eigenen Biografie: Gerbershagen stammt aus dem urrheinischen Örtchen Bacharach, das wegen des nahegelegenen Loreley-Felsens manchen Dichter inspirierte. Seiner Heimat blieb Gerbershagen noch im Studium treu - nur wenige Rheinkilometer weiter, in Bingen, schrieb er sich für Elektrotechnik und Informatik ein. Den ersten Job fand er bei Siemens.

1995 war es, da wechselte Gerbershagen ins moderne Fach. Zu Motorola zog es ihn, jenem Unternehmen, das wenige Jahre später mit dem inzwischen kultigen Razr-Klapphandy den Mobilfunkmarkt aufmischte. Wenn Gerbershagen deutsch spricht, klingt inzwischen ein leicht englischer Tonfall durch. Doch den rheinischen Dialekt, den hat er sich auch bewahrt.

Vom Mobilfunk zur Fotografie ist es heute nicht mehr weit. Jedes dritte Foto weltweit wurde im letzten Jahr mit einem Smartphone geknipst. In diesem Jahr wird es schon die Hälfte der kaum fassbaren Summe von 900 Milliarden Bildern sein, die rund um die Erde geschossen werden. Dass Handys, Smartphones und Tablet-Computer eines Tages den Fotoapparat vollständig ersetzen könnten, gilt längst nicht mehr als Außenseitermeinung.

Nicht wieder den Kontakt zum Kunden verlieren

Gerbershagen glaubt dennoch an die Zukunft des Fotoapparats: "Ein Gerät für alles, das funktioniert nicht. Wer will schon mit einer Kamera am Ohr telefonieren?" Es müsse für den Kunden immer klar erkennbar sein, ob er ein Handy oder aber eine Kamera in der Hand halte. Der Trend gehe eher in die andere Richtung: "Ich selbst habe immer mehr elektronische Geräte in der Tasche statt weniger - ein Handy, ein Tablet, einen E-Book-Reader . . ." Der frühere Kodak-Konzern habe oft genug den Fehler gemacht, nicht mehr vom Kunden her zu denken. Das soll sich mit Gerbershagen nicht wiederholen.

Es gibt viele Beispiele dafür, wie Eastman Kodak den Kunden am Ende aus den Augen verlor. Zwar hatte der Konzern 1975 die erste Digitalkamera entwickelt. Der Erfindung trauten die Konzernchefs aber nicht viel zu, erst zwei Jahrzehnte später erinnerten sich die Eastman-Kodak-Manager wieder daran - als die Konkurrenz längst vorbeigezogen war.

Am Kunden vorbei gingen auch die späteren Werbekampagnen mit den "Kodak Girls", die inzwischen in die Geschichte der Fotografie eingegangen sind. Also jene Damen in langen, gestreiften Kleidern, die um 1900 Modell standen, um vor allem Frauen zum Kauf zu motivieren. Denn Kodak hatte damals erkannt, dass es meist die Mütter sind, die in einer Familie für das Bewahren der Erinnerungen zuständig sind.

In den 50er Jahren aber wandelte sich deren Erscheinungsbild. Plötzlich wurden die "Kodak Girls" in Badeanzügen abgelichtet. Der Misserfolg ließ nicht lange auf sich warten - die weibliche Kundschaft wandte sich ab. Gut, dass der "Kodak-Fehler" nicht zum geflügelten Wort in der Alltagssprache wurde.