22. September 2012, 18:50 Streik bei den Sparkassen Callcenter-Mitarbeiter wagen die Rebellion

Noch nie hat es in der Callcenter-Branche einen so harten Arbeitskampf gegeben. Die zentrale Servicestelle der deutschen Sparkassen wird seit 75 Tagen bestreikt. Doch es geht um viel mehr als nur 8,50 Euro Studenlohn.

Von Thomas Öchsner, Berlin, und Harald Freiberger, Frankfurt

956, das ist seine Zahl. Wenn Jan Kowalzik Anfang des Monats auf seinen Gehaltszettel schaut, steht da unten rechts: 956. So viel bleibt Kowalzik netto von seinen 1280 Euro brutto, für 40 Stunden Arbeit in der Woche. "Es ist ein Hungerlohn. Ich muss bei jedem Einkauf schauen, ob und was ich mir noch leisten kann", sagt der 24-Jährige, der in Halle bei S-Direkt arbeitet, dem Callcenter der Sparkassen. Die Wohnungsmiete teilt er sich mit seiner Freundin. Am Ende bleiben ihm nur 600 Euro für Essen, Kleidung, Auto, Handy und sonstiges. Ein Leben als Niedriglohner.

Ob Lotterielose oder Telefontarife, Wein oder Computer - mittlerweile haben 520.000 Menschen in etwa 6700 Callcentern einen Job.

(Foto: dpa)

Er habe deswegen "schon einige schlaflose Nächte" verbracht, sagt Kowalzik. An Altersvorsorge sei nicht zu denken. Neulich hat er sich von einem Berater ausrechnen lassen, wie viel gesetzliche Rente er zu erwarten habe. Das Ergebnis: Bliebe sein Gehalt auf dem jetzigen Stand, müsste er 40 Jahre im Job sein, um auf Hartz-IV-Niveau zu kommen. Um das zu ändern, arbeitet er nicht mehr, seit 75 Tagen schon. Kowalzik streikt.

Und mit ihm 250 Kollegen von S-Direkt. Am 9. Juli begann die Aktion, seitdem fährt Kowalzik jeden Morgen statt ins Großraumbüro in eine benachbarte Halle, die ein Unternehmer den Protestierern zur Verfügung gestellt hat. Etwa 950 Mitarbeiter hat S-Direkt an vier Standorten, rund 800 allein in Halle. Davon sind 500 "in der Produktion", wie Iris Kießler-Müller von der Gewerkschaft das nennt. Sie sitzen mit Kopfhörer am Computer und beantworten Fragen von Sparkassen-Kunden.

Wenn irgendwo in der Republik jemand seine Sparkasse anwählt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er im Callcenter in Halle landet. Dort werden die EC-Karten-Sperren für alle 423 Sparkassen der Republik erledigt, Fragen nach Lastschriften, Überweisungen oder Service in den Filialen für 250 Sparkassen beantwortet, sogar telefonische Wertpapieraufträge abgewickelt.

"Seit 1996 wurde das Bruttogehalt von 1280 Euro nicht erhöht"

Das Hauptziel der Streikenden ist mehr Geld. "Seit es S-Direkt gibt, seit 1996, wurde das Bruttogehalt von 1280 Euro nicht erhöht", sagt Gewerkschafterin Kießler-Müller. Das entspreche einem Stundenlohn von 7,38 Euro. Gefordert wird nun eine Erhöhung auf 8,50 Euro sofort und auf neun Euro bis Mitte nächsten Jahres. "8,50 Euro würden für mich netto 150 Euro im Monat mehr bedeuten", sagt Kowalzik. "Das würde mir sehr helfen, da kann man schon etwas damit anfangen." Als erstes würde er eine private Altersvorsorge abschließen.

Aus der Sicht von S-Direkt-Geschäftsführer Thomas Henkel schreibt sich das Thema anders. "Die Forderung der Gewerkschaft gefährdet Arbeitsplätze", sagt er. Eine schnelle Umsetzung der Lohnerhöhung würde das Unternehmen einen Millionen-Betrag im Jahr kosten.

Die Preise mit den Kunden ließen sich nicht so schnell erhöhen, weil die Sparkassen die Dienstleistung sonst wieder selbst übernehmen würden oder andere Callcenter beauftragten. Deshalb will Henkel den Mitarbeitern jetzt nur eine stufenweise Erhöhung auf 8,50 Euro Stundenlohn bis Ende 2015 zahlen - unabhängig vom Ausgang der Tarifverhandlung. Verdi ist das zu wenig, der Streik geht weiter.

Die Gewerkschaft kritisiert zudem die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter. "Viele gehen abends mit Kopfweh heim, weil die Luft so schlecht ist und der Platz so gering", sagt Kießler-Müller. Bis vor einiger Zeit hätte jeder Mitarbeiter nur 2,9 Quadratmeter Platz gehabt, "da hat jedes Biohuhn mehr". Das sei angepasst worden, aber bei Weitem nicht auf die nötige Größe von rund neun Quadratmetern. Geschäftsführer Henkel weist auch das zurück: Alle Arbeitsvorschriften seien umgesetzt.

Halle ist Deutschland: Schlechte Bezahlung, Arbeit im Akkord, wenig Urlaub, keine Tarifverträge - die Branche gehört bundesweit zu den Schmuddelkindern der Arbeitswelt, aber sie wächst und wächst. Mittlerweile haben 520.000 Menschen in etwa 6700 Callcentern einen Job. Ob Lotterielose oder Telefontarife, Wein oder Computer - sie preisen Produkte an, nehmen Beschwerden entgegen und beruhigen vergrätzte Kunden.

Neueinsteiger im Osten verdienen unter sechs Euro

Ganz unten bei den Arbeitsbedingungen stehen dabei die knapp 100.000 Beschäftigten in mehr als 1000 Unternehmen, deren Arbeitgeber ausschließlich die Telefonzentralen betreiben und nicht in anderen Branchen tätig sind. 68 Prozent von ihnen beziehen nach Angaben des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden einen Niedriglohn von weniger als 10,36 Euro die Stunde.

Umfragen der Gewerkschaft zeigen, dass dabei in vielen Unternehmen Grundvergütungen von unter sieben Euro üblich sind. Hinzu können, je nach Leistung, Boni oder Prämien kommen. Besonders knapp sind die Löhne in Ostdeutschland. Neueinsteiger, die in Neubrandenburg oder Görlitz 40 Stunden die Woche telefonieren, bekommen laut Verdi nicht einmal sechs Euro brutto die Stunde.

Nur bei Walter Services, für das sich mehr als 8000 Mitarbeiter am Telefon melden, gibt es einen mit der Gewerkschaft ausgehandelten Mindestlohn. Er liegt bei 7,60 Euro brutto die Stunde. Nach mehreren Warnstreiks wird derzeit über eine Erhöhung auf 8,50 Euro verhandelt. Ansonsten sind Tarifverträge bei unabhängigen Callcenter-Unternehmen unbekannt.

Wegen der schlechten Bezahlung sind deshalb Zehntausende Telefonisten zusätzlich auf staatliche Hilfe angewiesen. Sie stocken ihre Löhne mit Hartz IV auf. "Der Anteil der sogenannten Aufstocker ist in dieser Branche fast dreimal so hoch wie in der Wirtschaft insgesamt", sagt die Linke-Abgeordnete Sabine Zimmermann, die sich auf Zahlen der Bundesregierung beruft. Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Partei nennt es einen Skandal, dass die Politik die Branche gleich doppelt subventioniert, erst durch die Wirtschaftsförderung aus den Ausbau-Ost-Fördertöpfen und dann noch durch ergänzendes Arbeitslosengeld II (Hartz IV).

So flossen allein 2010 in Callcenter-Firmen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen 1,68 Millionen Euro aus dem Programm "Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur". Davon profitierte auch S-Direkt in Halle, das bereits vor mehr als zehn Jahren 266.843 Euro Steuergeld kassierte.

Inzwischen kämpft die Branche gegen ihr schlechtes Image. Dabei soll ein gesetzlicher Mindestlohn helfen. Der Callcenter-Verband versucht derzeit, zunächst die 25 größten Unternehmen für die Gründung eines Arbeitgeberverbands zu gewinnen. Er soll dann mit den Gewerkschaften verhandeln. Liegt ein Tarifvertrag mit einer Lohnuntergrenze vor, kann ihn das Arbeitsministerium für die ganze Branche verbindlich erklären. Doch ein Erfolg ist ungewiss. "Die Gespräche laufen noch", sagt ein Verbandssprecher.

Helge Biering, Gewerkschaftssekretär von Verdi in Berlin-Brandenburg, hat früher selbst bei Walter Services im Callcenter gearbeitet. Er ist sich sicher, dass die Unternehmen künftig mehr bieten müssen. Schon jetzt fehlen ihnen Zehntausende Fachkräfte. "Die werben die qualifizierten Mitarbeiter gegenseitig ab", sagt er.

Auslagerung als Drohkulisse

Dass die Callcenter verstärkt ins billigere Ausland abwandern, glaubt Biering nicht. "Das ist ein Drohung, um die eigenen Mitarbeiter ruhigzustellen." Infrage kämen dafür nur zwei Standorte: Istanbul und Mallorca, weil es dort viele potenzielle Arbeitskräfte mit Deutschkenntnissen gebe. "Mir kann aber keiner erzählen, dass sich ein paar Hunderttausend Arbeitsplätze dahin verlagern lassen." Auch hätten Großkonzerne mit Callcentern im Ausland schlechte Erfahrungen gemacht. "Die Qualität stimmt nicht. Bürger aus Deutschland stören sich daran, wenn sie jemanden ans Telefon bekommen, der womöglich gebrochen deutsch spricht."

Auch die Linke-Politikerin Zimmermann hofft, dass die Streikenden bei S-Direkt nicht der Mut verlässt: "Der Streik zeigt, dass sich Beschäftigte in neuen prekären Branchen nicht alles gefallen lassen. Ein Erfolg wäre ein wichtiges Zeichen in die Callcenter-Branche." So sieht das auch Jan Kowalzik.

Es gehe ihm um die Kollegen in der Branche, sagt er, auch wenn er selbst um den Job fürchten müsse. Sein Vertrag ist bis Februar befristet, die Verlängerung ungewiss. Andere befristete Kollegen hätten sich gescheut mitzustreiken, ihm sei das egal. "Ich möchte hier aus dem Streiklokal nicht weggehen", sagt Jan Kowalzik, "ohne etwas erreicht zu haben."