16. Mai 2016, 07:31 Filmgeschäft Albtraumjob Schauspieler

Es gibt kaum einen Berufsstand, in dem Traum und Wirklichkeit weiter auseinanderklaffen als bei Schauspielern. Selbst bekannte Akteure leben oft von der Hand in den Mund.

Report von Uwe Ritzer

Das Café im Münchner Literaturhaus. Schnell stellt sich heraus, dass dieser zufällig gewählte Treffpunkt mitten in der Altstadt eine gute Kulisse ist, um mit Monika Baumgartner, 64, zu sprechen. Früher war in dem Gebäude nämlich eine "Mittelschule für Haustöchter". Baumgartner, Kind eines Postbeamten und einer Buchhalterin, lernte hier Maschinenschreiben, Stenografie und Buchführung. In der Theatergruppe von Lehrer Nowak begann sie mit der Schauspielerei. "Ich bin so froh, dass man aus dem Haus nicht irgendeinen Laden, sondern etwas Besonderes gemacht hat", sagt Baumgartner, kaum dass sie Platz genommen hat.

Ihre Stimme klingt rauer, als man sie aus dem Fernsehen kennt. Monika Baumgartner ist erkältet und hat einen dicken Schal um den Hals gewickelt. Sie dürfe jetzt nicht schlappmachen, sagt sie, die nächsten Tage seien voll verplant. Kostümproben, Text lernen, die Termine abstimmen, wann genau sie nach Ellmau in Tirol muss. Bis Dezember wird dort die neue Staffel vom ZDF-Bergdoktor gedreht, sieben Neunzigminüter. Und Monika Baumgartner wird wieder eine Hauptrolle spielen: Lisbeth Gruber, die clevere Mutter des Bergdoktors. Das tut sie seit dem Jahr 2008. "Die Serie ist mein Grundstock", sagt sie, "ohne ihn wäre alles schwieriger."

Schwierig, wieso schwierig?

Ist diese Frau nicht seit Jahrzehnten eine der gefragtesten Schauspielerinnen hierzulande, dauerpräsent auf dem Bildschirm? Eine Paradebesetzung, wenn es um bodenständige Frauenrollen geht, bevorzugt bayerische. Sie müsste doch in Geld und Glamour förmlich baden! Baumgartner winkt ab. "Ich kenne Existenzängste", sagt sie, "aber ich hatte Gott sei Dank immer Glück." Soll heißen: genug zu tun.

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"Die erschießen mich, und ich soll vorher unterschreiben, dass ich mich erschossen habe."

Auch Gregor Weber, 47, arbeitet viel, er schreibt Bücher. Zuletzt einen Fantasy-Roman über verschwundene Köche, davor ein Buch über die Bundeswehr im Auslandseinsatz und Krimis. In dem Metier kennt er sich besonders gut aus. Jahrelang ermittelte Weber als Assistent und schließlich als Hauptkommissar im "Tatort" aus Saarbrücken. Bis der Saarländische Rundfunk ihn und seinen kongenialen Filmpartner Maximilian Brückner 2012 eiskalt abservierte. "Die wollten tatsächlich noch, dass wir das den Leuten als einvernehmliche Trennung verkaufen", erzählt Weber. Er hat empört abgelehnt. "Die erschießen mich und ich soll vorher unterschreiben, dass ich mich selbst erschossen habe."

Überhaupt sei die Schauspielerei "eine Branche, die rund um die Uhr Engagement und Unterwerfung fordert". Gregor Weber will da nicht mehr mitspielen. Kommt ein Rollenangebot, ist es gut. Wenn nicht, dann eben nicht. Er verkaufe sich nicht mehr unter Wert und spiele für "brutale Dumping-Gagen", sagt er. "Ich beherrsche diesen Beruf, aber ich definiere mich nicht mehr darüber, er ist nicht mehr meine Welt." Lieber schreibt er Bücher.

Es gibt kaum einen Berufsstand, in dem Schein und Sein weiter auseinanderklaffen als bei Schauspielerinnen und Schauspielern. Speziell bei denen, die ein Millionenpublikum von der Leinwand und vom Bildschirm kennt. Ständige Wiederholungen im TV, Promi-Magazine, Talkshows, die Boulevardpresse - alle suggerieren, es handele sich ausnahmslos um Gutverdiener, die pausenlos Filme drehen und ansonsten fröhlich über rote Teppiche flanieren und Party machen. Eine scheinbar glamouröse Kaste, stets umschwärmt von Kameras, die sie prominent in Szene setzen.

Und natürlich sagen Schauspieler bei jeder Gelegenheit, wie gut es ihnen gerade gehe und wie viel sie zu tun hätten. Bei wem auffällt, dass er/sie schon länger nicht mehr in neuen Filmen auftauchte, der/die antwortet etwas in der Art, dass die Drehbücher alle so schlecht seien, und er/sie deshalb die vielen Angebote reihenweise ablehne.

Alles nur Show.

Die Wirklichkeit ist ein Drama. Die meisten Film- und Fernsehschauspieler sind übers Jahr gesehen an mehr Tagen arbeitslos gemeldet als zum Drehen am Set. Selbst bekannte TV-Gesichter leben von der Hand in den Mund und wissen oft nicht, ob sie in einem halben Jahr ihre Miete noch zahlen können. Nur von der Schauspielerei kann kaum jemand leben. Viele sind froh, wenn sie zwischendurch ein Hörbuch einsprechen oder Kurse auf der Schauspielschule geben können. Manche treten als Sänger auf, andere verdienen als Synchronsprecher, Rezitatoren oder Rhetoriktrainer ein paar Euro hinzu. Einzelne fahren sogar Taxi, kellnern oder leben zeitweise von Hartz IV. Christian Kahrmann, 43, der frühere "Lindenstraße"-Star, ließ sich zum Barista ausbilden und eröffnete in Prenzlauer Berg in Berlin ein Café. Über die Brotlosigkeit reden will kaum ein Betroffener.

Und Demonstrationen wie vor fünf Jahren, als am Rande des Münchner Filmfestes hundert Darsteller für bessere Bezahlung auf die Straße gingen, sind die krasse Ausnahme. Nur selten spielt jemand im Glamour-Theater nicht mehr mit. Wie Michael Mendl, 72. Er war schon als Papst Johannes Paul II. zu sehen, als Willy Brandt, oder als letzter Kampfkommandant von Berlin in dem sogar für einen Oscar nominierten Kino-Hit "Der Untergang". Mendl hat unzählige Hauptrollen in Kino- und TV-Produktionen gespielt und eine Goldene Kamera gewonnen. Und dann offenbart ausgerechnet dieser Michael Mendl im Januar in der Bild-Zeitung: "Ich drehe schon lange nicht mehr, weil mich keiner will."

Die Klage hallte medial nach. Womöglich zu laut und zu lange, denn nun mag Mendl "über das Thema nicht mehr sprechen", wie seine Agentin nach mehreren Nachfragen ausrichtet. Es gibt so etwas wie ein Schweigegebot. "Kein Schauspieler redet gerne darüber, wenn es ihm schlecht geht", sagt Hans-Werner Meyer, 52. "Denn das schmälert seinen Marktwert. Wir leben nun einmal davon, dass man uns haben will. Wer will schon einen Verlierer?"

Meyer sitzt entspannt im alten Ledersessel eines Berliner Cafés; der Blick fällt durch die große Fensterfront in einen kleinen Park. Es ist noch früh am Tag und wenige Gäste sitzen im Lokal. Hans-Werner Meyer zieht ihre Blicke nicht nur an, weil er ein Fernsehgesicht ist; der Mann sieht einfach gut aus. Er hat schon für eine Anzugfirma gemodelt. "Das hat mich über einige Jahre gerettet", sagt er, "ohne diesen Job hätte es düster ausgesehen."

"Die qualitative Schmerzgrenze ist natürlich davon abhängig, ob man gerade Geld braucht."

Ob er jede Rolle annehmen würde? "Die qualitative Schmerzgrenze ist variabel", sagt Meyer und lächelt dabei. "Sie sinkt im Lauf der Jahre und ist natürlich davon abhängig, ob man gerade Geld braucht oder nicht." Er hat in mehr als 120 Filmen mitgespielt. Seit vier Jahren fahndet er für das ZDF als Hauptkommissar Radek in "Letzte Spur Berlin" nach Vermissten. Die Einschaltquoten sind gut; von Juni bis Dezember wird die sechste Staffel gedreht, zwölf Folgen à 45 Minuten. "Ohne die Kontinuität dieser Serie wäre unser Lebensstandard ein Risiko", sagt Meyer mit Blick auf die Familie. Seine Frau ist ebenfalls Schauspielerin, also auch unsicher beschäftigt. Zwei Kinder sind zu versorgen und ein Häuschen in Berlin ist abzuzahlen.

Hans-Werner Meyer kennt nicht nur gute, sondern auch schlechte Zeiten. Ein Dreivierteljahr ohne Rollenangebot, dafür mit wachsenden Selbstzweifeln und bohrenden Fragen: Ist meine Zeit vorbei? Bin ich nicht mehr gefragt? Woran liegt es? Was kann ich tun? Muss ich auf etwas anderes umsatteln? Es ist eine ständige Angst, die nahezu jeder der insgesamt 15 000 deutschen Schauspieler kennt. Davor, in Vergessenheit zu geraten. "Ein Schauspieler, der nicht spielt, fühlt sich nicht als Schauspieler", sagt er. Zu lange möchte sich Hans-Werner Meyer mit Klagen allerdings nicht aufhalten. "Es geht nicht um Jammern, sondern darum, die Strukturen und die Rahmenbedingungen zu verbessern."

Nebenrolle: Die Schauspielerin Monika Baumgartner mit ihrer Schwester als Raumausstatterin.

(Foto: Action Press)

Also hat er mit sechs Kolleginnen und Kollegen den Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler gegründet, eine Art Schauspielergewerkschaft. Zehn Jahre später zählt dieser BFFS 2800 Mitglieder und Meyer sitzt im ehrenamtlichen Vorstand. 2010 ließ der Verband von Soziologen der Universität Münster die soziale Situation von Schauspielern hinterfragen. An der habe sich seither kaum etwas geändert, sagen Experten. Demnach verdienen nicht einmal fünf Prozent der Schauspieler hierzulande 100 000 Euro brutto oder mehr pro Jahr. Zwei Drittel allerdings bringen es auf kaum mehr als 30 000 Euro.

Mehr als die Hälfte der befragten Darsteller gab an, in den zurückliegenden zwei Jahren weniger als sechs Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen zu sein. Was wiederum erschwert, im Bedarfsfall Arbeitslosengeld zu erhalten. Schauspieler werden als befristet Beschäftigte behandelt, die in Sozialkassen einzahlen. Leistungen erhält jedoch nur, wer es in zwei Jahren auf 360 sozialversicherungspflichtige Arbeitstage bringt. Und das schafft kaum ein Schauspieler. Mit einer Ausnahmeregelung, die der BFFS angestoßen hat, wurde die Beschäftigungszeit auf 180 Tage halbiert. Aber auch das geht nach Ansicht des Verbandes längst nicht weit genug. Nur ein Bruchteil der Darsteller profitiert davon. Und auch was ihre Renten angeht, schrammen die meisten von ihnen im Alter am Existenzminimum entlang.

Sibylle Flöter, 66, kennt das Geschäft in- und auswendig. Seit Februar ist sie Vorsitzende des Schauspieler-Agentenverbands VdA. Zuvor hat sie 28 Jahre lang selbst Darsteller vermittelt. Zu ihren Klienten zählten Thekla Carola Wied, Dieter Pfaff oder Mechthild Großmann, die man als rauchende Staatsanwältin aus dem Münsteraner "Tatort" kennt. Flöter spricht in ruhigem Ton und mit weichem bayerischen Einschlag. Sie wirkt im Gespräch sehr geduldig.

Agenten müssen zuhören können. Im Idealfall sind sie nicht nur Berater und Manager von Schauspielern, sondern auch deren Kummerkasten und Motivatoren. Spielkameraden, die mit der Befindlichkeit einer empfindsamen Klientel behutsam umzugehen wissen. "Schauspieler sind leicht zu verunsichern", sagt Flöter. "Wer vor einem großen Publikum spielt, kehrt sein Innerstes ohne Schutz ein Stück weit nach außen. Das macht verletzlich."

Agenten sind aber auch Seismografen dafür, wohin sich das Film- und Fernsehgeschäft entwickelt. "2001 war das letzte Jahr, in dem ich gut verdient habe", erzählt Sibylle Flöter. Und schwärmt von den Neunzigerjahren, als die Privatsender aufkamen, massenhaft eigene Produktionen starteten und nicht nur etablierte Schauspieler mit hohen Gagen lockten. Es waren die Jahre, in denen deutsche Filmproduzenten bei den Festspielen in Cannes mit riesigen Yachten ankerten und wilde Partys schmissen. "Damals war mehr Geld da als gute Filmideen", sagt Flöter. Dann aber sei "die Blase geplatzt".

Die Eigentümer der Privatsender fordern Rendite, die Öffentlich-Rechtlichen leiden angesichts einer latenten Gebührendiskussion unter politischem Druck. Seither haben sich die Bedingungen für die Filmschaffenden drastisch verschlechtert. Das heißt zum Beispiel, weniger aufwendige Serien, dafür mehr billige Soaps.

"Für einen ordentlichen 45-Minüter werden pro Drehtag etwa acht Sendeminuten produziert", rechnet VdA-Chefin Flöter vor. "Für eine Soap 45 Minuten."

Lieber Buchautor: Ex-"Tatort"-Kommissar Gregor Weber. Auftritt im eigenen Prenzlauer-Berg-Café: Christian Kahrmann, früher ein Star in derTV-Dauer-Serie "Lindenstraße".

(Foto: Stefan Rumpf, Daniel Naupold/dpa)

Filmarbeit wurde zur Fließbandware. "Jeder überlegt sich heute doppelt, ob er eine einmal gedrehte Szene wiederholt, um sie einen Tick besser zu machen, denn das kostet Geld", schildert ein Darsteller.

"Vor Jahren waren 30 Drehtage für eine 'Tatort'-Folge normal; heute müssen 21 oder 22 reichen."

Die Budgets werden tendenziell immer knapper, also wird gespart. Vor allem an den Drehtagen. "Vor einigen Jahren noch waren 30 Drehtage für eine "Tatort"-Folge normal; heute müssen 21 oder 22 reichen", so ein Insider. Statt elf oder zwölf für einen 45-Minüter sind heute noch acht veranschlagt. Dafür beginnen Drehtage frühmorgens und enden spät in der Nacht.

Für Schauspieler bedeutet dies teilweise drastische Einkommensverluste, denn sie werden nach Drehtagen bezahlt. 750 Euro, so hat es die BFFS ausgehandelt, sind der Mindestsatz. Nach oben gibt es keine Grenzen, theoretisch. Auf fünfstellige Gagen bringt es nur ein Bruchteil der Künstler. Gregor Weber sagt, als "Tatort"-Kommissar habe er 2000 Euro pro Drehtag verdient. Das klingt ganz ordentlich, ist aber wenig. Denn die Tagesgage ist eine Pauschale, die auch Vorbereitung, Proben, Texte lernen, PR-Termine und etwaige Nachsynchronisation abgeltet. Und für eine wochen-, vielleicht monatelange Zeit ohne Dreharbeiten reichen muss. Denn pausenlos engagiert wird kaum jemand. Auch ständige Wiederholungen verzerren das Bild. Sie werden schon seit einigen Jahren nicht mehr gesondert honoriert.

Inzwischen klafft die Einkommensschere auseinander. "Auch, weil die Sender und Produzenten immer fantasieloser werden und stets dieselben Leute engagieren", kritisiert Gregor Weber. Man setze auf wenige Publikumslieblinge, aus Angst, neue Gesichter könnten die Zuschauer verstören. Die Auswahl ist ohnehin meist ein von außen schwer durchschaubares undurchsichtiges Prozedere. Castingfirmen machen Vorschläge, wer zu welcher Rolle passen könnte. Sender, Produzent und vor allem natürlich der Regisseur wählen aus. Zum Casting selbst müssen die Schauspieler nicht selten auf eigene Kosten anreisen.

Um überhaupt im Geschäft zu bleiben, müssen Darsteller investieren. Etwa in immer neue Demofilmchen oder professionelle Fotos. Auch das kostet Geld, ebenso wie der Agent, der im Normalfall bis zu 20 Prozent der Gage kassiert.

Die Macht in der Branche, sie ist klar konzentriert. Vor allem bei den TV-Sendern, aber auch bei den Produktionsfirmen. Nicht selten hängt alles irgendwie zusammen; die Degeto etwa kauft als ARD-Tochter Filme für das Erste ein, finanziert und produziert aber auch selbst. Sie diktieren den Markt und die Preise. Zuletzt, erzählt Ex-Agentin Flöter, habe sie immer öfter den Satz "Take it or leave it" gehört, wenn sie bessere Gagen für ihre Klienten herausholen wollte.

Im Literaturhaus denkt Monika Baumgartner laut nach, wie alles anders hätte kommen können. Als junges Mädchen, erzählt sie, wäre sie beinahe in der kleinen Reifenhandelsfirma geblieben, in der sie als kaufmännischer Lehrling angeheuert hatte. "Ich habe dort sehr gerne gearbeitet", sagt sie. Dann aber habe besagter Theaterlehrer Nowak sie überredet, die Aufnahmeprüfung für die renommierte Otto Falckenberg Schauspielschule zu machen. Baumgartner wurde genommen und ihre Karriere nahm einen glücklichen Lauf.

Und wenn es schiefgegangen wäre? Dann wäre Monika Baumgartner vielleicht ganz in den Laden eingestiegen, den sie seit 17 Jahren nebenher mit ihrer Schwester betreibt: ein kleines Geschäft für Raumausstattung im Münchner Westend.

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