12. Juni 2019, 18:24 Klimaschutz Norwegen steckt mehr Geld in erneuerbare Energien

Von Felicitas Wilke, München, und Nils Wischmeyer, Köln

Man kann sich den norwegischen Staatsfonds vorstellen wie ein ziemlich gut gestreutes Wertpapierdepot. Darin liegen Aktien, Anleihen und Immobilien, verschiedene Anlageklassen also, um das Risiko zu minimieren. Was die Norweger von typischen Privatanlegern unterscheidet, ist das Ausmaß, in dem sie investieren können: Der Staatsfonds hält Anteile an mehr als 9000 Unternehmen in 73 Ländern und verwaltet ein Kapital von umgerechnet rund 930 Milliarden Euro.

Das durch Öl und Gas reich gewordene nordeuropäische Land steckt das Geld, das es mit den Rohstoffen verdient, in den Staatsfonds. Mit dem angelegten Vermögen will Norwegen die Generationen finanziell absichern, die womöglich nicht mehr vom Öl leben können. Von alten Rohstoffen und Technologien wendet sich Norwegen nun auch immer stärker ab, wenn es um die Anlagestrategie für den staatseigenen Fonds geht.

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Statt in Öl, Gas und Kohle sollen Milliarden in erneuerbare Energien fließen

Am Mittwochabend hat das Parlament in Oslo darüber abgestimmt, in welche Unternehmen der Staatsfonds künftig stärker investieren soll - und in welche nicht. Die meisten Abgeordneten stimmten für die Pläne der Regierung, die Anteile von mehr als 150 Unternehmen zu verkaufen, die viel Geld mit Öl, Gas und Kohle verdienen. Stattdessen sollen die staatlichen Fondsmanager rund um Ölfonds-Chef Yngve Slyngstad künftig bis zu zwei Prozent der Anlagesumme in erneuerbare Energien investieren. Das bedeutet, dass Norwegen rund 5,8 Milliarden Dollar aus der Kohle herauszieht und acht Milliarden Dollar aus dem Öl- und Gassegment. Ein Strategieschwenk, den es in diesem Ausmaß noch nicht gegeben hat. Im Gegenzug werden voraussichtlich 14 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien gesteckt.

Schon seit 2015 wagt der Fonds einen schrittweisen Rückzug aus den klimaschädlichen Industrien Öl, Gas und Kohle - auch, um sich vor den stark schwankenden Preisen zu schützen und sich nicht doppelt, als Volkswirtschaft und als Anleger, von den Rohstoffen abhängig zu machen. Zu den bereits geltenden Regeln gehört, dass der Fonds nicht mehr auf Unternehmen setzen darf, die mit Kohle mehr als 30 Prozent ihrer Einnahmen generieren. Neu ist, dass die regierende Mitte-rechts-Koalition auch Firmen aus dem Fonds verbannen will, die pro Jahr mehr als 20 Millionen Tonnen Kohle fördern oder Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von mehr als 10 000 Megawatt betreiben. Von diesen verschärften Regeln werden nun wohl internationale Grubenunternehmen wie Glencore genauso betroffen sein wie die deutschen Energiekonzerne RWE und Uniper.

Bereits im April, als das norwegische Finanzministerium die Pläne vorstellte, hieß es dort, der Ölfonds habe ein Ziel: maximale Rendite bei verschmerzbarem Risiko. Ein Satz, der klarstellen sollte, dass es der Finanzministerin Siv Jensen, die gleichzeitig die rechtspopulistische Fortschrittspartei anführt, weniger um die Rettung der Welt geht als um einen wirtschaftlichen Schachzug. Denn obwohl der Ölfonds bei der Zentralbank angesiedelt ist, kann das Parlament bestimmte Regeln vorgeben. Neben Einschränkungen bei Energiefirmen darf der Fonds grundsätzlich nicht in Waffen und Tabak investieren.

"Ein großartiger Tag für den Klimaschutz", lobt Greenpeace

Legt Norwegen sein Geld künftig nach noch strengeren Nachhaltigkeitskriterien an, dürfte dies einen dreifachen Effekt haben. Erstens wird der Ausstieg des Staatsfonds die Firmen selbst betreffen, deren Aktien nun auf den Markt geworfen werden. Zweitens wird der Schritt grüne Investments beeinflussen, die auf eine Anschubfinanzierung durch die Norweger hoffen dürften. Und drittens dürfte die neue Strategie eine Symbolwirkung auf andere Investoren haben. Sowohl von Analysten als auch von Umweltverbänden war bereits im Vorfeld zu hören, die Strategie der Norweger zeige, dass es mittlerweile ein unkalkulierbares Risiko sei, in fossile Brennstoffe zu investieren.

"Es könnte zwar immer noch mehr getan werden, aber trotzdem ist heute ist ein großartiger Tag für den Klimaschutz", sagte Martin Norman von Greenpeace Norwegen am Mittwoch. Seine Organisation habe schon 2015 gefordert, was die Regierung nun mit der Mehrheit der Abgeordneten plant umzusetzen. "Davon geht ein klares Signal an Regierungen und Unternehmen aus", glaubt Norman. Am liebsten wäre es ihm und anderen Nichtregierungsorganisationen wie den deutschen Umweltschützern von Urgewald, wenn der Fonds künftig auch nicht mehr in Unternehmen investieren würde, die Kohlekraftwerke planen und errichten.

Wie groß die Auswirkungen des weitgehenden Ausstiegs aus Kohleinvestments sein werden, zeigen Zahlen, die Greenpeace und Urgewald aufbereitet haben. So müsste sich der norwegische Staatsfonds von seinem 2,03-Prozent-Anteil trennen, den es an Glencore hält und der zuletzt rund eine Milliarde Dollar wert war. Auch an RWE und Uniper hält der Staatsfonds jeweils mehr als ein Prozent der Firmenanteile, die millionenschwer sind.

Der norwegische Staatsfonds hat zuletzt immer mal wieder mit Kurswechseln in seinem riesigen Depot auf sich aufmerksam gemacht. So trennte er sich von rund der Hälfte seiner VW-Aktien und gab bekannt, künftig weniger auf Anleihen aus Schwellenländern setzen zu wollen. Oft lagen die Norweger mit ihren Beteiligungen richtig, doch sind auch sie nicht gefeit vor Rückschlägen. Im schlechten Börsenjahr 2018 verloren die Aktien im Fonds fast zehn Prozent an Wert. Das ging ins Geld. Die Norweger verloren 50 Milliarden Euro. Die erneuerbaren Energien, so die Hoffnung, sollen sich als besseres Investment entpuppen.