9. März 2018, 18:55 Air Berlin Als gäbe es kein Morgen

Vier Monate nach dem letzten Flug von Air Berlin expandieren die deutschen Fluggesellschaften in rekordverdächtigem Tempo. Erste Stimmen warnen aber schon vor neuen Überkapazitäten.

Von Jens Flottau

Derzeit wird in einem Wiener Bürokomplex Tag und Nacht gearbeitet. Irgendwie versuchen dort die Mitarbeiter von Niki Laudas Laudamotion, innerhalb weniger Wochen eine Fluggesellschaft in die Luft zu bekommen. Am 25. März sollen bereits die ersten Flieger des Nachfolgers der insolventen ehemaligen Air Berlin-Tochter Niki starten, in eine unter normalen Umständen sehr ungewisse Zukunft.

Was Laudas Leute in Wien gelingt oder nicht, könnte den deutschen Fluggesellschaften eigentlich egal sein, die kleine Firma würde in keinem Fall den Branchengrößen hierzulande besonders weh tun können. Doch zumindest kurzfristig interessiert sie sehr, was die übernächtigten Manager in dem Start-up hinbekommen. Denn sie haben Zugriff auf ein derzeit sehr knappes Gut: "Niki hat Flugzeuge. Und im Moment sucht jeder Flugzeuge", sagt ein Insider. Deswegen soll Niki bald sowohl für Condor als auch für Eurowings fliegen und Flugzeuge mit Besatzungen für einige Zeit vermieten.

Gut vier Monate, nachdem Ende Oktober 2017 ein Airbus A320 nach dem letzten Linienflug der insolventen Air Berlin am Flughafen Berlin-Tegel die Motoren abgestellt hat, herrscht im deutschen Flugmarkt Goldgräberstimmung. Praktisch alle Fluggesellschaften haben für den Sommer Wachstumsraten angekündigt, von denen sie normalerweise nur träumen können.

Der Lufthansa-Billigableger Eurowings legt zu, als gäbe es kein Morgen mehr. Condor, die deutsche Ferienfluggesellschaft des Thomas Cook-Konzerns, versucht, mit der eigenen Flotte und angemieteten Kapazitäten schnell möglichst viel vom Markt zu übernehmen. Easyjet baut ihr innerdeutsches Netz von Tegel aus - und mietet dabei zeitweise Condor-Flugzeuge. Die unabhängige Germania macht ebenso mit, nur Tuifly steht weiter auf der Bremse. "Wir halten uns zurzeit bewusst etwas zurück, werden aber Chancen wie zum Beispiel in Düsseldorf nutzen", so Tuifly-Chef Roland Keppler. Spätestens im Sommer werden in Deutschland wieder so viele Flüge stattfinden, wie zu Air Berlin-Zeiten. "Die Lücken sind gefüllt", sagt Lufthansa-Verkaufschefin Heike Birlenbach. Auch die extrem hohen Preise im innerdeutschen Verkehr haben sich weitgehend normalisiert, vor allem dank Easyjet.

Es gibt zwei Hauptgründe für die ausgebrochene Hektik. Alle wollen ein möglichst großes Stück des Air Berlin-Kuchens abbekommen. "Keiner tritt freiwillig zurück", sagt Birlenbach. Und all dies findet vor dem Hintergrund eines extrem starken Marktes statt. "Wir sehen eine sehr hohe Nachfrage weltweit. Sie ist kaum irgendwo rückläufig." Deutschland werde auch als Reiseziel aus dem Ausland immer wichtiger. Davon profitieren alle Gesellschaften, vor allem aber die Lufthansa.

Deren Tochtergesellschaft Eurowings nimmt die Sache besonders ernst. Sie will den Markt dichtmachen, bevor sich Ryanair und Easyjet allzu breit machen. Im Sommerflugplan, der Ende März in Kraft tritt, wird Eurowings rund 60 Prozent mehr Flüge anbieten als im vergangenen Winter. Im Sommer wird zwar immer mehr geflogen als im Winter, doch der Sprung ist dieses Mal extrem groß. Schon im Vorjahr war Eurowings um 77 Prozent gewachsen. In diesem Jahr werden 30 zusätzliche Flugzeuge in die Flotte integriert, die Fluggesellschaft rechnet mit acht Millionen zusätzlichen Passagieren.

Nicht jeder in der Branche versteht die Taktik. "Wenn ich die wäre, dann würde ich mal dringend auf die Bremse treten", sagt ein Airline-Vorstand. Denn es mehren sich die warnenden Stimmen, die sinkende Margen prognostizieren, vor allem dann, wenn die Treibstoffpreise weiter steigen. "Meiner Einschätzung nach werden wir es 2018 mit Überkapazitäten zu tun haben", warnt auch Keppler. "Einige Marktteilnehmer geben noch immer zusätzliches Angebot in den Markt. Ryanair-Chef Michael O'Leary ist zwar "relativ optimistisch", was die Aussichten der europäischen Flugbranche angeht. Andererseits: "Der nächste Abschwung steht bevor, wir hatten drei, vier wirklich gute Jahre", so O'Leary bei einer Veranstaltung des Airline-Verbandes A4E in Brüssel. Eurowings-Chef Thorsten Dirks betont, es sei "enorm wichtig", dass das Wachstum auch profitabel sei. Eurowings schreibt seit 2017 trotz Expansion schwarze Zahlen, ist aber weit von den Margen entfernt, die Easyjet und Ryanair seit vielen Jahren erreichen.

"Wir haben unser Angebot für den Sommer 2018 massiv erweitert."

Auch die von großen Konzernen unabhängige Fluggesellschaft Germania setzt voll auf Wachstum. Im Sommer wird die Kapazität um 39 Prozent erhöht. Sieben Flugzeuge mehr als ursprünglich geplant werden für die Airline fliegen, die Flotte wird auf 36 Maschinen ausgebaut. "Die Pleite von Air Berlin war eine besondere Situation", sagt Germania-Chef Karsten Balke. Trotz der geplanten Expansion hält Balke das Risiko für sein Unternehmen für "überschaubar", denn "die Veranstalter haben viel abgenommen, und der Bedarf an unabhängigen Airlines ist da." Germania bietet rund 40 Prozent ihrer Kapazität im Einzelplatzverkauf an, aber die großen Reiseveranstalter nehmen immer noch mehr als die Hälfte der Kapazität ab und tragen das Risiko, diese auch zu füllen.

"Wir haben unser Angebot für den Sommer 2018 massiv erweitert", sagt auch Condor-Chef Ralf Teckentrup. Alleine in Düsseldorf werden fünf zusätzliche Flugzeuge stationiert, dort wo auch Eurowings nach dem Verschwinden von Air Berlin besonders stark zulegt. Ein Ableger mit Basis in Palma de Mallorca befindet sich in Gründung, und zuletzt kaufte die Gesellschaft noch eine Fluglizenz aus der Insolvenzmasse von Air Berlin. Condor vermarktet zudem Kapazitäten von Laudamotion an mehreren Standorten. Insgesamt fliegen in diesem Sommer etwa 20 zusätzliche Flugzeuge für Condor, das Wachstum dürfte damit bei rund 40 Prozent liegen, genaue Zahlen gibt das Unternehmen aber nicht heraus.