11. September 2001:Der Preis des Terrors

US-ATTACKS-OPTIONS EXCHANGE

Verzweiflung an der Börse: Am Eröffnungstag nach den Anschlägen fiel der Dow Jones um historische 7,1 Prozent.

(Foto: John Zich/AFP)

Der wirtschaftliche Zusammenbruch blieb nach den Anschlägen auf das World Trade Center zwar aus. Die Folgen aber sind bis heute spürbar - weil die Attacken den Kapitalismus selbst in die Krise trieben.

Von Nikolaus Piper

Am Vormittag des 11. September 2001, einem Dienstag, bereitete sich die New York Stock Exchange gerade auf den Beginn des Handels um 9.30 Uhr vor. Doch dazu sollte es nie kommen. Um 8.46 Uhr (14.46 Uhr MEZ) flog das erste entführte Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers. Der Börsenstart wurde daraufhin erst einmal verschoben. Als dann um 9.03 Uhr das zweite Flugzeug in den Südturm krachte, gab es keine Zweifel mehr: Das war kein Unfall, sondern ein geplanter Anschlag von einer bisher nicht gekannten Dimension. Um eine Panik zu vermeiden, wurde die Börse für den Rest der Woche geschlossen. Eine so lange Unterbrechung des Handels hatte es zuletzt 1933 auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise gegeben. In Frankfurt, wo der Handel weiterging, verlor der Dax allein am Dienstag 8,5 Prozent, Gold und Öl wurden schlagartig teurer.

Beim Angriff auf die Zwillingstürme in New York und das Pentagon in Washington verloren fast 3000 Menschen ihr Leben. Die Terroristen von al-Quaida wollten damit ein Symbol des amerikanischen Kapitalismus, der Globalisierung und des westlichen Lebensstils treffen. Das ist ihnen zweifellos gelungen. Es war an der Wall Street, nur wenige Häuserblocks vom World Trade Center entfernt, wo sich die wirtschaftlichen Folgen des Terrors zuerst und mit voller Wucht zeigten. Und die ganze Welt konnte zuschauen.

Erster Helfer in der Not war die Notenbank Federal Reserve. Deren Chef Alan Greenspan versuchte, die Märkte zu beruhigen, indem er umgehend klarmachte, dass die Fed praktisch unbegrenzt Geld bereitstellen würde. Liquidität sollte kein Problem sein, was immer noch geschehen würde. Als die Wall Street am darauf folgenden Montag wieder öffnete, war die Stimmung trotzdem extrem angespannt. Der Dow Jones verlor 7,1 Prozent oder 684 Punkte. Das war in absoluten Zahlen der höchste Tagesverlust in der bisherigen Geschichte des Index. Die Woche endete sogar mit einem Verlust von insgesamt 14 Prozent. Das war zwar dramatisch, aber eben kein Ausdruck von Panik. Der Federal Reserve war es gelungen, die Stimmung an den Finanzmärkten zu stabilisieren.

Verantwortlich für die schnelle Erholung war die Notenbank

Das änderte jedoch nichts daran, dass die Folgen des Terrors einige Unternehmen schwer trafen. Zum Beispiel Fluggesellschaften. Viele Menschen hatten jetzt Angst, ein Flugzeug zu besteigen, der Flugverkehr ging 2001 um 2,7 Prozent zurück, die belgische Sabena und die schweizerische Swissair mussten aufgeben. Zudem waren hohe Investitionen in die Sicherheit nötig. Schwer getroffen war auch die Stadt New York selbst. Nach groben Schätzungen gingen in der Metropole infolge der Anschläge 430 000 Jobs verloren, 18 000 Kleinunternehmen mussten aufgeben. Touristen mieden die Stadt, womit einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren New Yorks monatelang ausfiel.

Für die Weltwirtschaft musste man danach das Schlimmste befürchten. Sie war schon vor dem 11. September in einem kritischen Zustand gewesen. Im März 2001 hatte in den Vereinigten Staaten eine Rezession begonnen. Auslöser war der Zusammenbruch der Spekulation um neue internetbasierte Unternehmen gewesen, der sogenannten Dotcom-Blase. Tatsächlich jedoch blieb die große Krise nach dem Terroranschlag aus. New York erholte sich schnell und war bald schon wieder attraktiver (und teurer) denn je. Die Rezession endete bereits im November 2001 und war damit eine der kürzesten der Geschichte. Verantwortlich für die schnelle Erholung war auch jetzt wieder die Notenbank. Die Fed senkte im Verlauf des Jahres viermal ihren Leitzins bis auf 1,75 Prozent, den niedrigsten Stand seit den 1950er-Jahren.

Einbruch der Immobilienpreise in den USA

Es führt ein direkter Weg von den Terroranschlägen am 11. September über die Immobilienblase zur Finanzkrise 2008.

(Foto: dpa)

Die Politik des billigen Geldes wirkte wie geplant, sie hatte aber auch unerwünschte Nebenwirkungen. Weil Kredite beispiellos günstig waren, begann in Kalifornien, Nevada, Florida und anderen Bundesstaaten ein Immobilienboom, getrieben von immer unseriöseren Finanzierungsmodellen. Im August 2007 platzte die Immobilienblase und die Finanzkrise begann. Insofern führt ein direkter Weg von den Terroranschlägen am 11. September zur Pleite der Investmentbank Lehman Brothers 2008, die fast einen Zusammenbruch der Weltwirtschaft ausgelöst hätte. Die Finanzkrise erschütterte das Vertrauen in den amerikanischen Kapitalismus zutiefst.

Zu den Folgen des 11. September gehört es aber auch, dass Sicherheit in der westlichen Welt wichtiger und teurer geworden ist. Das fängt bei den aufwendigen Kontrollen an Flughäfen an und hört mit Sicherheitsschleusen in Bürohochhäusern noch lange nicht auf.

Der kritische Zustand der US-Staatsfinanzen hat etwas mit dem 11. September zu tun

Vor allem gehört dazu der "Krieg gegen den Terror". Präsident George W. Bush hatte ihn am 20. September 2001 vor beiden Häusern des Kongresses erklärt. Nur zweieinhalb Wochen später griffen die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten das Taliban-Regime in Afghanistan an. Der Irak-Krieg folgte im Jahr 2003. Die USA finanzierten den Krieg gegen den Terror, wie einst den Vietnam-Krieg, überwiegend mit Schulden, was durch die niedrigen Zinsen erleichtert wurde. Dahinter stand eine Wende in der amerikanischen Finanzpolitik. Vor Bush hatte der demokratische Präsident Bill Clinton die Defizitpolitik seiner Vorgänger beendet und steigende Haushaltsüberschüsse erwirtschaftet. Der Schuldenstand der USA sank rapide. Bush beendete diesen Kurs. Der erste Schritt war eine großzügige Steuerreform, die vor allem Unternehmen und Wohlhabende entlastete. Der zweite Schritt war eben der Kampf gegen den Terror. Heute, 20 Jahre danach, ist die Schuldenlast des amerikanischen Staates fast so hoch wie am Ende des Zweiten Weltkriegs.

PRESIDENT BUSH DEPARTS AFTER A JOINT SESSION OF CONGRESS

US-Präsident George Bush nach seiner Rede am 20. September im Repräsentantenhaus.

(Foto: Gary Cameron/Reuters)

Die Wende in der Finanzpolitik unter Bush hat das Land verändert. Dazu ist in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Foreign Affairs ein aufschlussreicher Beitrag erschienen. Autor ist der ehemalige Offizier und Kriegsveteran Elliot Ackerman. Weil der Krieg gegen den Terror auf Pump finanziert und von einer Freiwilligenarmee gekämpft wurde, sei die Mehrheit der Amerikaner hinsichtlich der Kosten dieses Krieges "betäubt" worden. Das habe "tiefgreifende Folgen für die amerikanische Demokratie" gehabt, "Folgen, die erst jetzt ganz verstanden werden können": Die Ausgaben für den Krieg seien ohne öffentliche Debatte beschlossen worden, während die Regierung sich für andere Aufgaben, etwa für das Gesundheitswesen oder den Kampf gegen die Pandemie, immer rechtfertigen müsse. Auch der kritische Zustand der Staatsfinanzen Amerikas hat also etwas mit dem 11. September zu tun.

Wirtschaftliche und politische Folgen wirken hier zusammen. Für den Ökonomen Hans-Werner Sinn war der 11. September 2001 daher eine "Zeitenwende". Die Terroranschläge hätten "die Verwundbarkeit und Ohnmacht der USA vor den Augen der Welt demonstriert", sagt der ehemalige Präsident des Münchner Ifo-Instituts. Es folgten der Irak-Krieg, der Afghanistan-Krieg, die Jasminrevolution in Nordafrika und schließlich der Syrien-Krieg. "Die islamische Welt hat sich selbst zerstört, während Amerika geschwächt und seiner Strahlkraft beraubt am Rande des Trümmerfeldes zurückblieb. Die ausgemergelten Völker Arabiens drängen in die EU und nach Deutschland. In dem Chaos, das entstanden ist, bereitet China den Machtwechsel vor", glaubt Sinn.

Die katastrophale Niederlage des Westens in Afghanistan - fast genau 20 Jahre nach dem Terrorangriff auf Amerika - belegt das.

© SZ/shs
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB