100 Tage Bahn-Chef Grube:Rüdiger ... wer?

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Ein Konzern, unzählige Baustellen: Die ersten 100 Tage des neuen Bahn-Chefs waren geprägt von Aufräumarbeiten. Doch wohin steuert die Bahn unter Rüdiger Grube? Ein Zwischenzeugnis.

Tobias Dorfer

Es gibt einfachere Jobs in dieser Republik, als den von Rüdiger Grube. Dass Deutschlands oberster Bahner unter äußerst kritischer Beobachtung der Öffentlichkeit steht, ist ein Dauerzustand. Ob es um verspätete Züge geht oder zu teure Tickets. Ob die Gehaltssprünge der Angestellten zu niedrig sind oder die Waggons zu dreckig - einen Schuldigen gibt es immer.

Rüdiger Grube, Foto: dpa

Rüdiger Grube ist seit dem 1. Mai 2009 Chef der Deutschen Bahn.

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Fast zehn Jahre lang hieß dieser Schuldige Hartmut Mehdorn. Kein anderer Manager wurde so sehr mit dem Staatsunternehmen in Verbindung gebracht, wie der raubauzige 67-Jährige - weswegen er seine Berufsbezeichnung auch, möglicherweise ungewollt, als inoffiziellen Vornamen mit sich herumtrug: Bahn-Chef Mehdorn war die Bahn und die Bahn war Hartmut Mehdorn.

Vermutlich säße der umstrittene Manager heute noch immer in seinem Chefsessel, wäre da nicht die hässliche Datenaffäre gewesen. Große Teile der Belegschaft wurden bespitzelt, E-Mails kontrolliert, am Ende musste Mehdorn aufgeben - ohne seinen Traum vom Börsengang der Deutschen Bahn zu realisieren.

Jede Menge Baustellen

Den hat sein Nachfolger Rüdiger Grube nun für 2010 oder 2011 anvisiert. Dass der ehemalige Daimler-Strategievorstand auf den Bahn-Chefsessel rückte, war eine faustdicke Überraschung. Als Chefbahner ohne Stallgeruch kam er nach seinem Antritt am 1. Mai 2009 in eine heikle Phase: Mitten in der schwersten Wirtschaftskrise musste er einen der größten Logistikkonzerne der Welt durch schwere Gewässer führen. Grubes Credo lautete: "Ich brauche 100 Tage, um zuzuhören."

Diese 100 Tage sind am Sonntag vorüber. In den ersten Monaten seiner Amtszeit hat der Neue jedoch nicht nur zuhören, sondern jede Menge Baustellen beackern müssen. Probleme gibt es mehr als genug: Das Chaos bei der Berliner S-Bahn hält den Konzern in Atem, ebenso die brüchigen Achsen bei ICE-Zügen, Güterwaggons und S-Bahnen. Die Datenaffäre will einfach nicht abebben, vor wenigen Tagen erst kam heraus, dass in dem Unternehmen Listen mit Krankheitsdaten von Mitarbeitern geführt wurden. Und dann wären da noch die Folgen der Finanzkrise - in zwei Wochen wird Grube wohl katastrophale Halbjahreszahlen vorlegen.

Ist es dem neuen Chefbahner inmitten des Krisenwirrwars bereits gelungen, eigene Duftmarken zu setzen? sueddeutsche.de hat Menschen befragt, die sich von Beruf wegen mit der Deutschen Bahn befassen - auf den nächsten Seiten lesen Sie ihre 100-Tage-Bilanz.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Von Daimler zur Bahn - wie sich Rüdiger Grube eingearbeitet hat.

Fachkompetenz

Fachkompetenz

Rüdiger Grube, Foto: AP

Die Lister der potentiellen Kandidaten war lang: Am Ende wurde jedoch Rüdiger Grube zum Nachfolger von Bahn-Chef Hartmut Mehdorn bestimmt.

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Ein Führungswechsel mitten in der Krise - das ist für jedes Unternehmen eine Gratwanderung. Dass Hartmut Mehdorn ein Manager ohne Stallgeruch folgte, hat jedoch viele Beobachter erstaunt. Denn die Liste der Kandidaten war lang: Vom Logistik-Vorstand Norbert Bensel über Fraport-Chef Wilhelm Bender bis zum ehemaligen EnBW-Patron Utz Claassen wurden etliche prominente Top-Manager genannt - ein ganz heißer Favorit war auch Andreas Meyer, der noch junge Chef der Schweizerischen Bundesbahnen.

Am Ende des Posten-Pokers saß mit Daimler-Strategievorstand Rüdiger Grube ein Überraschungskandidat auf dem Chefsessel.

Rüdiger... wer? Man habe Grube zuvor nicht gekannt, gesteht Alexander Kirchner, Chef der Bahngewerkschaft Transnet. Doch Klaus-Dieter Hommel, Chef der Verkehrsgewerkschaft GDBA, sagt, Grube habe sich "hervorragend eingearbeitet." Ohnehin, so Kirchner, gehe es in der jetzigen Situation der Bahn nicht primär um Logistik-Insiderwissen, sondern vor allem um eines - einen zerrissenen Konzern zu einen. Da brauche man vor allem die vielbeschworenen Soft-Skills, findet der Transnet-Chef - und dass er die habe, habe Grube bereits gezeigt.

Auf der nächsten Seite: Hart aber herzlich - das Auftreten des neuen Bahn-Chefs.

Auftreten

Rüdiger Grube, Foto: dpa

"Konsequent und zielstrebig" hat Rüdiger Grube den obersten Führungszirkel der Bahn fast komplett ausgetauscht.

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Auftreten

Verbindlich in der Sprache, hart in den Entscheidungen - so lässt sich das Auftreten des neuen Bahnchefs charakterisieren. Besonders die alte Führungsebene hat dies zu spüren bekommen. Quasi der gesamte Zirkel um Hartmut Mehdorn hat den Vorstand inzwischen verlassen - nur Finanzvorstand Diethelm Sack ist übrig geblieben. Vier Vorstände setzte Grube vor die Tür. Norbert Bensel (Logistik), Otto Wiesheu (Politik) mussten gehen, Margret Suckale (Personal) flüchtete zum Chemiekonzern BASF und der ehemalige Transnet-Chef Norbert Hansen verließ die Bahn aus gesundheitlichen Gründen.

Rüdiger Grube setzt nun auf neue Köpfe - und neue Zuständigkeiten. Künftig wird es bei der Bahn ein Vorstandsressort für Compliance und Datenschutz geben und außerdem - auch im Hinblick auf die jüngste Pannenserie - ein Technikressort. Hier habe Grube "konsequent und zielstrebig" gehandelt, lobt GDBA-Chef Hommel.

Genau diese Zielstrebigkeit könnte dem neuen Bahnchef auch noch Ärger bereiten. Grube habe der Bahn "in der letzten Zeit einen radikalen Kulturwechsel verordnet", sagt Bahn-Experte Thomas Puls vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Andererseits sei es nicht ausgeschlossen, dass etliche Manager, die unter den Umstrukturierungen zu leiden hätten, gegen den Kulturwandel rebellieren würden.

Bei der Bahn-Basis kommt die verbindliche Art des neuen Chefbahners jedoch gut an. Grube sei bestrebt, sich unters Volk zu mischen, sagt Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft GDL. "Vor allem ist er sehr wissbegierig." Das käme bei den Lokführern gut an.

Kritik gibt es jedoch auch am Auftreten des Neuen. Reden und zuhören, das kann der neue Bahnchef. Doch am Krisenplan "React 09", mit dem die Bahn bis einschließlich 2012 zwei Milliarden Euro sparen will, scheiden sich die Geister. Zwar unterstütze er das Vorhaben, sagt GDBA-Chef Hommel. Doch bei dem Maßnahmenpaket seien Mitarbeiter und Betriebsrat nicht vernünftig eingebunden worden, meckert er. Das sei unter Mehdorn so gewesen - und unter Grube genauso.

Auch in der Zukunft wird es ohne Spannungen nicht gehen, mutmaßt GDL-Chef Weselsky. Schließlich laufe im Juli der Tarifvertrag aus - dann geht es wieder ans Verhandeln. Einen Eklat, wie unter Hartmut Mehdorn erwartet Deutschlands oberster Lokführer jedoch nicht. "Wir wollen streiten, aber nicht streiken", sagt Weselsky.

Auf der nächsten Seite: Ein Konzern, viele Baustellen - wie Rüdiger Grube als Bahn-Chef die Wirtschaftskrise meistert.

Krisenmanagement

Rüdiger Grube, Foto: dpa

Gefragt als Krisenmanager: Bahn-Chef Rüdiger Grube muss gleich die Ärmel hochkrempeln.

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Krisenmanagement

Das Unternehmen Bahn ist eine einzige Großbaustelle. An vielen Stellen im Unternehmen brennt es lichterloh. Zwei Drittel der Berliner S-Bahnen hat das Eisenbahn-Bundesamt stillgelegt, die Datenaffäre ist noch längst nicht ausgestanden - und dann ist da auch noch die Wirtschaftskrise, deren Auswirkungen die Bahn treffen. Im ersten Halbjahr ist der Umsatz um fast 14 Prozent eingebrochen. Besonders der Güterverkehr leidet, denn die großen Auftraggeber aus der Auto- und Stahlindustrie haben derzeit nur wenig zu befördern.

Fatal für Grube ist, dass er für all diese Dinge eigentlich nichts kann. Die Achsenprobleme, die Datenaffäre, das Sparprogramm React 09 - all das sind Vermächtnisse, die der alte Bahn-Chef Mehdorn seinem Nachfolger hinterlassen hat.

In den ersten 100 Tagen seines Wirkens hat Grube das getan, was möglich war - vor allem, um die Datenaffäre aufzuklären. "Er hat im Vorstand aufgeräumt", sagt Transnet-Chef Kirchner. Seinem GDBA-Kollegen Hommel reicht das jedoch nicht - er macht Druck: "Jetzt müssen Konzepte auf den Tisch, wie Grube die Bahn aus der Krise führen will."

Auf der nächsten Seite: Vom knorrigen Mehdorn zum ruhigen Grube - wie sich die Kommunikation bei der Bahn unter dem neuen Chef geändert hat.

Kommunikation

Rüdiger Grube, Klaus-Dieter Hommel, Alexander Kirchner, foto: getty

Kommunikation ist alles: Bahn-Chef Rüdiger Grube (Mitte) mit GDBA-Chef Klaus-Dieter Hommel (rechts) und Transnet-Chef Alexander Kirchner (links).

(Foto: Foto: getty)

Kommunikation

Ein zweiter Mehdorn wollte Rüdiger Grube nie werden. Dem knorrigen Konzernführer ist ein Manager gefolgt, der den Dialog sucht. Der Neue sei ein ganz anderer Typ als Mehdorn, sagt GDL-Chef Weselsky. "Trotzdem ist er hart genug, einen so großen Konzern zu führen." Vor allem könne Grube jedoch gut zuhören, attestiert GDBA-Chef Hommel.

Besonders glücklich ist man beim Fahrgastverband Pro Bahn mit dem neuen Chefbahner. "Mehdorn hat uns immer 'Kläffer' und 'Meckerverein' genannt", sagt Vorstand Hartmut Buyken. Inzwischen gebe es sogar Kontakte in den Bahn-Vorstand. Für die Fahrgast-Initiative ist das ein ganz neues Gefühl. "Da war früher Sendepause", sagt Buyken.

Auch IW-Experte Puls lobt die kommunikativen Fähigkeiten des neuen Bahn-Chefs. Grube sei ein guter Kommunikator. So habe er es geschafft, dass die Bahn trotz Krise und jeder Menge Negativschlagzeilen nicht am Pranger der Öffentlichkeit stehe.

Auf der nächsten Seite: Wo sind die Duftmarken? Warum Bahn-Chef Rüdiger Grube auch ohne eigene Visionen auskommt.

Strategie und Vision

Deutsche Bahn, Foto: AP

Wohin geht die Reise der Deutschen Bahn? Diese Frage hat der neue Konzernchef Rüdiger Grube noch nicht beantwortet.

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Strategie und Vision

Hartmut Mehdorn stand für eine Deutsche Bahn, die im internationalen Logistikmarkt mitmischt. Hartmut Mehdorn stand genauso für den Börsengang. Und wofür steht Rüdiger Grube? Bisher wurde das nicht deutlich. Der neue Bahnchef müht sich, die Strategie seines Vorgängers fortzuführen. Bis 2010 oder 2011 will Grube ein Viertel der Betriebsgesellschaft DB Mobility Logistics an die Börse bringen - und ebenso wie Mehdorn steht auch der Neue für den integrierten Konzern aus Infrastruktur und Betrieb. "Fortführung der Mehdorn-Linie in einem anderen Ton", sagt Transnet-Chef Alexander Kirchner dazu. Eigene Duftmarken - bislang Fehlanzeige.

Das Schlimme an der aktuellen Situation: Grube sind quasi die Hände gebunden. Der neue Bahnchef sei zum Abwarten verdammt, sagt IW-Experte Puls. Die Vergangenheit, ein Vermächtnis von Hartmut Mehdorn - und auch die Zukunft ließe sich derzeit nur schwer planen. Schließlich sei noch nicht klar, wie sich die politischen Verhältnisse nach der Bundestagswahl Ende September entwickeln würden. Nur die SPD stehe felsenfest zu einem integrierten Bahn-Konzern, sagt Puls. Grüne und FDP liebäugelten dagegen mit der Lösung, die Infrastruktur und die Bahnhöfe im Konzern zu belassen und den Rest - Fern-, Regional- und Güterverkehr sowie die Logistiksparte - zu privatisieren.

Ohne die Klarheit über die politische Konstellation nach der Wahl sei es unmöglich für Grube, eine Strategie zu entwickeln, sagt Puls. "Nur der Bund als Alleineigentümer kann die wichtigen strategischen Entscheidungen fällen." Auch GDL-Chef Weselsky honoriert die Zurückhaltung des neuen Bahn-Chefs: "Am Ende entscheidet der Bund. Da ist mir ein leiser Herr Grube lieber, als ein Herr Mehdorn, der ständig die Richtung vorgeben will."

Wofür der neue Mann an der Spitze der Bahn steht, wurde bislang jedoch nicht klar. Einmal rief Grube seine Manager-Kollegen zur Mäßigung auf, dann forderte er eine Befreiung von der Mehrwertsteuer - doch den Blick auf das große Ganze, der fehlte bisher.

"Da muss noch mehr kommen", kritisiert Transnet-Chef Kirchner. Nach den Aufräumarbeiten der vergangenen Wochen brauche es jetzt endlich einen klaren Fahrplan, fordert GDBA-Chef Hommel.

Trotzdem - in ihrer Bewertung für Rüdiger Grube sind sich die Bahn-Gewerkschaften einig. Grube habe einen "starken Start hingelegt", sagt Transnet-Chef Kirchner. Pro-Bahn-Vorstand Buyken schreibt dem neuen Chefbahner eine 2-3 ins Zeugnis - und auch der GDBA-Vorsitzende Hommel meint über Rüdiger Grube: "Wir haben beschlossen, dass er bleiben darf."

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