Süddeutsche Zeitung

Feierlichkeiten zum 1. Mai:Mit der Kraft der Floskel

Sollte DGB-Chef Michael Sommer vorgehabt haben, an diesem 1. Mai die Gewerkschafter mit seiner Rede zu fesseln - es ist ihm nicht geglückt. Die Stimme ist laut, doch man hört ihm nicht so richtig zu. Vielleicht auch, weil so viele unzufrieden mit ihm sind.

Es ist der 1. Mai. Für die meisten Deutschen ein Tag des Müßiggangs, für viele Bayern ein Tag, an dem ein weiß-blau gehaltener Maibaum aufgerichtet wird - und für alle Gewerkschaften der Tag der Arbeit, den es mit Macht zu verteidigen gilt.

Das zu tun ist am heutigen Mittwoch die Sache des Chefs des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer. Er macht das in München, wo in diesem Jahr die sogenannte Hauptkundgebung des DGB stattfindet. Die Sonne scheint, es ist grell und der Empfang für Herrn Sommer frostig: Wenig Beifall, viele Pfiffe auf dem Marienplatz. Warum das so ist, wird noch zu klären sein.

Doch zunächst macht Sommer klar: "Der 1. Mai ist unser Tag. Es ist der Tag, an dem wir für die sozialen Rechte und die Würde der arbeitenden Menschen demonstrieren. Der 1. Mai ist unser Tag der Solidarität." Er nimmt die Sonnenbrille ab und setzt sie nicht wieder auf. Zu abweisend ist vielleicht das dunkle Glas.

Sommer betont das "unser Tag" zu Beginn seiner Rede, weil das vor 80 Jahren nicht so gesagt wurde. Damals seien die Grundwerte der deutschen Gewerkschaftsbewegung "von den Nazis mit Füßen getreten worden". 1933, dem Jahr, in dem Adolf Hitler den 1. Mai zum Feiertag machte, "hatte die stolze deutsche Gewerkschaftsbewegung nicht die Kraft, sich den braunen Horden zu widersetzen."

Spuren harter Zeiten

Doch der DGB wolle den Nazis überall die Stirn bieten und fordert (wenn schon nicht damals, dann heute) das Verbot einer rechtsextremistischen Partei, also der NPD. Sommer spricht entschieden. In diesem Moment ist ihm der Beifall sicher. Noch.

Der DGB-Chef hat harte Zeiten hinter sich. In einem Interview mit der Welt am Sonntag hatte er unlängst von seinen zwei schweren Operationen erzählt, obwohl er, wie Sommer Süddeutsche.de sagt, nicht gern darüber rede. "Aber da man es mir ja ansieht, habe ich mich zu den Operationen geäußert. Sie sind natürlich nicht ganz spurlos an mir vorüber gegangen."

Der Mann ist schmal geworden, seine Stimme aber nicht schwach. Laut reden - das kann er immer noch. Vielleicht, weil es ihm Spaß macht: "DGB-Vorsitzender ist für mich das schönste Amt", formuliert er etwas vage auf die Frage, ob er stolz darauf sein, Chef des DGB zu sein. Leute, die öfter mit ihm zu tun haben, sagen, dass Sommer zuweilen so wirke, als könne er es selbst gar nicht glauben, Deutschlands oberster Gewerkschafter zu sein.

An diesem Tag wirkt es freilich nicht so, routiniert hangelt sich Sommer im Rest seiner Rede von Parole zu Parole, von Floskel zu Floskel. So bekommt das Ereignis seine eigene, eintönige Rhythmik. Einige Sätze reden, etwas Beifall, oft genug Pfiffe. Die Hände wandern dabei im ruhigen Takt vom Pult in die Tasche und zurück. Dann und wann mahnt der Zeigefinger das Publikum.

Er durchpflügt dabei das sattsam Bekannte: Mindestlohn, Euro-Krise, Renten zum Beispiel. Und natürlich Steuererhöhungen. Ein typischer Sommer-Satz hört sich dann so an: "Eine vernünftige Erbschaftssteuer, eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes, eine Reichensteuer, die den Namen verdient, die Vermögenssteuer, die Besteuerung aller Finanztransaktionen, insbesondere von Spekulationsgeschäften im Hochfrequenzhandel sind doch mehr als überfällig."

Und: Es geht um das "Spardiktat á la Merkel" und "eine andere, eine bessere Politik" und eine "neue Ordnung der Arbeit".

Am Ende tun sich die Leute auf dem Marienplatz schwer, Inhalte der Rede wiederzugeben. "Nicht richtig zugehört" - sagen die einen, "gedanklich abgeschweift" andere, "leidenschaftslos" Dritte.

Ob es Höhepunkte in der Rede gegeben habe? Man zuckt mit den Achseln. Dahinter steckt womöglich auch eine Form inneren Widerstands: Viele Leute auf dem Marienplatz haben so ihre Probleme mit Herrn Sommer, dessen Amtszeit im kommenden Jahr endet.

Ein Rentner, der Mitglied bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten ist, sagt, er habe eine geteilte Meinung über Sommer. Genauer mag er seine Kritik dann aber nicht formulieren, es habe ja auch "schlechtere als Sommer" gegeben.

Eine ältere Dame, seit Jahrzehnten Gewerkschaftsmitglied, wird da schon deutlicher: Ihr sei Sommer "nicht geheuer"; er stehe der SPD zu nahe, ihm fehle Phantasie und Kampfkraft.

Wie Weihnachten und Ostern

Doch da ist noch etwas - und viele der hochgehaltenen Plakate auf dem Marienplatz zeugen davon, dass gerade deswegen viele Leute derzeit große Probleme mit Sommer haben: Es ist die Annäherung des DGB an die Bundeswehr. Anfang Februar hatte Verteidungsminister Thomas de Maizière auf Einladung Sommers im DGB-Haus in Berlin vorbei geschaut. Danach hagelte es böse Überschriften: "DGB ist jetzt Teil der Truppe" hieß es etwa bei Neues Deutschland. Aber auch andere Medien spotteten über den "Rekruten DGB".

Darum bleibt an diesem Mittwoch auch der Beifall aus, als Sommer in die Menge ruft: "Nie wieder Krieg heißt für uns: Zivile Produktion statt Rüstungsexporte." Sommer spricht plötzlich schnell, fast, als wolle er diese Sätze rasch hinter sich bringen. "Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee und - und das muss so bleiben". Es hagelt Buh-Rufe. "Sie hat im Innern nichts zu suchen und in der Welt ausschließlich mitzuhelfen, Frieden zu sichern, Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen." Kein Spur von Zustimmung.

Leicht abweichend vom Redetext fügt er dann hinzu: "Vielleicht nicht jeder hier, aber die deutschen Gewerkschaften stehen zu unserem Grundgesetz. Und dieses Bekenntnis zu unserem Grundgesetz ist unteilbar." Es gelte für den Verfassungsauftrag der Bundeswehr genauso wie für die Sozialpflichtigkeit des Eigentums". Sommer ist sehr laut an dieser Stelle - und plötzlich gibt es auch wieder verzagten Beifall.

Die Frage von Süddeutsche.de, ob für ihn der 1. Mai nach all den Jahren nur noch bloße Gewerkschaftsroutine sei, hatte Sommer zuvor mit einem besonderen Vergleich beantwortet: Dieser Tag sei "für uns das, was für einen frommen Christen Weihnachten und Ostern sind". Es ist gut, dass er das so formulierte. In seiner Rede wurde das nicht deutlich.

Kurz - prägnant - bedeutsam, diese drei Anforderungen gelten für jede Ansprache, aber besonders für die letzten Worte, hatte Sommers Vorrednerin, die Münchner DGB-Chefin Simone Burger, gesagt. Sommers letzten Worte sind: "Einigkeit macht stark."

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