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Abstand erwünscht:Bleib mir vom Leib

Jeder Mensch hat vier verschiedene Sicherheitszonen um sich herum. Nur sehr vertraute Menschen kommen sich richtig nahe, zu Fremden halten die Leute Abstand.

Wenn sich zwei Menschen mögen, dann spricht man davon, dass sie "sich nahe kommen". Wenn sie sich nicht leiden können, dann sagt man: "Sie gehen sich aus dem Weg." Diese zwei Redensarten zeigen schon, dass der räumliche Abstand im Zusammenleben von Menschen sehr wichtig ist. Vertraute Menschen brauchen wenig Platz zwischeneinander, Fremde brauchen mehr Abstand. Der amerikanische Wissenschaftler Edward T. Hall hat das vor 50 Jahren untersucht. Sein Ergebnis: Man kann vier verschiedene räumliche Abstände (Distanzen) unterscheiden, die Menschen im Umgang mit anderen zulassen. Wie groß die Distanzen genau sind, kann je nach Situation, Stimmung und Typ schwanken. Natürlich kann man sich auch im Laufe eines Gesprächs näher kommen. Die Kultur spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: Deutsche kommen sich zum Beispiel nicht so gerne nahe wie Menschen in Lateinamerika oder Südeuropa. Wissenschaftler nennen die Länder dort "Kontaktkulturen".

Wie hält man es in einem vollen Zug aus?

In manchen Situationen kann man sich nicht aussuchen, wie nahe man seinen Mitmenschen kommt. Im Zug zum Beispiel hat man oft viel weniger Abstand zu fremden Menschen, als man eigentlich möchte. Die meisten versuchen deshalb, ihre Distanzzone zu markieren. Wenn sie sich auf einen freien Platz setzen, legen sie noch ihre Jacke oder ihre Tasche als Abstandshalter daneben.

Wenn möglich, vermeiden es andere Fahrgäste aber ohnehin, sich direkt neben einen Fremden zu setzen. Nur wenn es nicht mehr anders geht, sitzen die Leute direkt nebeneinander. In einer vollen U-Bahn wäre das mit der Tasche natürlich sehr unhöflich. Dann kommen sich Fremde gezwungenermaßen viel zu nah. Doch sie bleiben auf Abstand, indem sie Blickkontakt vermeiden oder den Kopf abwenden. Auch Geruch kann die Distanzzonen stören. Deshalb empfinden es die meisten Leute als unangenehm, wenn jemand eine stark riechende Brotzeit auspackt.

Die Zugfahrt ist auch ein Beispiel dafür, dass der gebotene Abstand von Kultur zu Kultur anders sein kann. Gerade in ländlichen Regionen des Nahen und Mittleren Ostens ist es zum Beispiel eher üblich, sich zusammenzusetzen und sich (auch mit Fremden) zu unterhalten, wenn man gemeinsam wartet oder unterwegs ist. So einen "Small Talk" sind die meisten Deutschen nicht gewöhnt. Sie fühlen sich dann manchmal in ihrer Privatsphäre verletzt oder sogar belästigt.

Sebastian Fischer und Anne Kostrzewa