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Cocooning:Warme Gedanken

Durchlüften! Stoßlüften! Querlüften! Wie gut, wenn man da eine Wolldecke zur Hand hat.

(Foto: david dvoracek/unsplash)

Wolldecken sind das ideale Accessoire in diesem Corona-Winter. Im Home-Office, im quergelüfteten Klassenzimmer, beim allerletzten Restaurantbesuch draußen.

Von Claudia Fromme

Dieser Winter wird hart, ohne Zweifel. Wie schön wäre es da, wenn man die schönen Momente des Lebens, die man vor Corona achtlos übersehen hat, einfach eingepackt hätte zur Wiedervorlage? Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain schrieb einmal an seine Tochter: "Wenn ihr einen schönen Sonnenuntergang habt, leg eine Wolldecke drauf und bewahr ihn auf, bis ich da bin." Was für ein schöner Gedanke, das Glück warm einzupacken und es herauszuholen, wenn man es braucht.

Wenn es kalt wird, holen alle ihre Wolldecken heraus, und in diesem Jahr der Pandemie sind sie das Accessoire der Stunde. Sie sind Beinwärmer, Schnupfenbewahrer, Seelentröster.

Im Home-Office im schlecht isolierten Altbau hält eine Wolldecke wunderbar warm (und bei langen Netflix-Sessions auf dem Sofa sowieso). Bei Videokonferenzen muss man sie auch nicht hektisch abstreifen, man nimmt an ihnen ja als Frau oder Mann ohne Unterleib teil, und da kann den einen die feine Kaschmirdecke nur recht sein, wenn den anderen die olle Jogginghose billig ist.

Im Klassenzimmer (Durchlüften! Stoßlüften! Querlüften!) lässt sich mit einer Wolldecke coronakompatibel lernen. Der Deutsche Philologenverband konstatierte unlängst in Bild, dass eine Decke neben Pullover und Schal für die kalten Monate "zur Grundausstattung der Schülerinnen und Schüler" gehöre. Natürlich wäre es schöner, wenn die Fenster nicht bei Winterskälte im Klassenzimmer offen stünden, um böse Aerosole aus dem Raum zu jagen. Aber unschöner wäre es, wenn die Schulen schließen müssten.

Wolldecken ermöglichen den Restaurantbesuch

Und nicht zuletzt ermöglichen Wolldecken einen allerletzten Besuch von Restaurants, bevor sie am Montag für eine Weile schließen müssen. Mit steigenden Infektionszahlen saßen immer mehr Unentwegte bei jedem Wetter auf den Freischankflächen, selbst wenn da keine Heizpilze oder Babywickelstrahler standen. Die fröstelnden Anderen begaben sich drinnen ins Plexiglasseparee.

Viele Restaurants hielten Wolldecken bereit, was nicht immer sauber den Hygieneregeln entsprach. Ein Bremerhavener Gastwirt bat darum seine Gäste, eigene Decken mitzubringen, auch anderenorts sah man in der Außengastronomie Menschen leichte Plaids aus ihren Handtaschen ziehen. In Darmstadt hat der Oberbürgermeister höchstselbst die Produktion einer "Darmstadt-Decke to go" angeschoben. Die soll handlich, warm und robust sein und das Logo der Stadt tragen. Das Prinzip ähnelt dem des Mehrwegkaffeebechers.

Kaufen die Leute mehr Wolldecken? Anruf bei Natalie Gray, die in Frankfurt den "Blanket Store" führt, der sich auf Wolldecken spezialisiert hat. "Es gibt deutlich mehr Interesse", bestätigt sie. Im Schnitt gäben Kunden 300 Euro für ein Plaid aus, im Laden biete sie Ware mit Einzelpreisen von 90 bis 1200 Euro an, beliebt seien gerade Decken in italienischen Naturtönen, in Curry, Cognac und Khaki. Auffällig sei, dass sich seit einem halben Jahr viele für fair gehandelte Naturfaserdecken interessierten. "Die Klimakatastrophe und Corona führen zu einem Umdenken", sagt Natalie Gray. Die Menschen fragten sich, was nachhaltig sei, was sie nun wirklich bräuchten. Eine Fleecedecke aus Plastikfasern sei es eher nicht.

Corona macht Cocooning erst recht salonfähig

"In dieser außergewöhnlichen Zeit wird das traute Heim noch mehr zum Mittelpunkt des täglichen Lebens und trägt damit entscheidend zur Lebensqualität bei", sagt Robert Waloßek, Geschäftsführer von Betten Rid. Viele Menschen beschäftigten sich gerade sehr intensiv mit ihrem Zuhause, was sich bei dem Münchner Fachhändler positiv auf den Umsatz im Geschäft mit Wolldecken und Plaids auswirke. Von Hersteller Zoeppritz, eine der ältesten Wollwebereien Europas, ist Ähnliches zu erfahren. Cocooning spiele seit Corona eine noch größere Rolle, heißt es dort. "Besonders in so schwierigen Zeiten mag man sich selbst etwas Gutes tun und sich einkuscheln und sich geschützt fühlen."

Alpakadecken sind dünn und eignen sich zum Überwerfen, Mohair ist voluminös aber leicht, Kaschmir ist weich und warm, ohne dem Träger zu sehr einzuheizen, Schurwolldecken sind für richtig kalte Tage und wegen ihres Gewichts eher nicht für die Handtasche geeignet, vom Lamm ist die Wolle feiner als vom Schaf. Kamel eignet sich für die meisten Allergiker. Alpakawolle speichert Körperwärme am besten. Decken aus der Wolle des Merinoschafs sind leicht, weich und kratzen nicht. Alle Decken aus tierischen Fasern sind atmungsaktiv, temperaturausgleichend und haben eine hohe Selbstreinigungskraft, meist reicht es, sie an der frischen Luft aufzuhängen, bei Flecken ist Waschen in Ausnahmefällen möglich, bei robusten Baumwolldecken geht das natürlich problemlos.

Auch wenn Wolldecken jetzt Hochkonjunktur haben, sind sie auch im Rest des Jahres äußerst dienlich. Die Natur hat das so eingerichtet. Das Kamel, das Alpaka oder die Mohairziege zum Beispiel leben in Regionen, in denen es tagsüber heiß ist und nachts bitterkalt. Vor beiden Extremen schützt sie ihr Fell. So gesehen eignen sich Wolldecken aus ihrem Fell wunderbar für jeden Sonnenuntergang. Im Hochsommer wie im tiefen Winter.

© SZ/vs

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