Inneneinrichtung:An die Wand

Ausstellung 'Typisch Deutsch' in Berlin

Röhrender Hirsch: Das Bild war 2011 in der Ausstellung "Typisch Deutsch - Deutschland für Anfänger" in Berlin zu sehen.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Vom Ölgemälde bis zum Selfie: Die Deko ist schön, macht aber ganz schön viel Arbeit. Warum tun wir uns das nur an?

Von Oliver Herwig

Einfach so rumhängen gilt nicht mehr. Es muss schon nach was aussehen. Wirkung entfalten. Genau das tun Rahmensets, die seit einigen Jahren als schnelle Einrichtungsidee kurz vor der Kasse lauern. Es gibt sie auch genau abgestimmt auf das eben erworbene Sofa - und natürlich als High-End-Fassung mit aufwendigen Holzrahmen und Fotoabzügen in Galeriequalität.

Es hat sich viel getan, wenn es um die Dekoration der zunehmend nackten Wände unserer Zimmer geht. Wir haben Platz geschaffen in den optimierten Miniwohnungen. Die Schrankwand in Eiche ist verschwunden, ebenso wie die Bibliotheken mit halbledernen Einbänden und die vielen Setzkästen, die in den Achtzigerjahren so schrecklich modern waren - als viele Typostudios und Setzereien ihre bleierne Seele ausräumten. Geblieben ist eigentlich nur der Fernseher, der sich im Lauf der Zeit zum veritablen Kino-Ersatz aufgebläht hat, als Plasma-Ultra-HD-Screen mit Dolby Surround und LED-Lichtkranz für das passende Ambiente zum Fußball- oder Gaming-Abend.

Mancher Bildschirm gibt sich längst selbst als Kunstwerk aus, auf einer Staffelei oder im Rahmen ist da fast einerlei. Solche "LED-Kunst" gibt es als moderne Version einer kuratierten Galerie, bei der wir aus Dutzenden Arbeiten auswählen, die dann über den Bildschirm gestreamt werden. Bilder stammen teils von renommierten Landschafts- und Architekturfotografinnen und -fotografen, teils aus dem klassischen Kanon großer Museen. Samsung warb schon mit einer Kunst-Flatrate: "Für einen monatlichen Preis von 4,99 Euro erhalten Nutzer uneingeschränkten Zugriff auf alle Werke im Art Store."

Die große Revolution lautet: Wir sind selbst Künstler.

CeBIT 2008 - Aufbau

Digitale Bilderrahmen gehörten zu den technischen Neuerungen, die 2008 auf der Computermesse Cebit in Hannover gezeigt wurden.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Die Frage "Schatz, womit dekorieren wir die Wände?" wäre damit schon ziemlich gut gelöst. Kunst und Technik, die sich so lange skeptisch gegenüberstanden, scheinen sich im digitalen Zeitalter endlich gefunden zu haben. Das ist zugleich Teil einer großen Emanzipationsbewegung gegenüber Standards und Traditionen, alten Meistern und Erbstücken - ohne Garantie freilich, damit echte Freiheit zu erlangen.

Die große Revolution an den Wänden der eigenen Wohnung lautet doch: Wir sind selbst Künstler. Wir dekorieren nicht nur Zimmer, wir setzen uns und unsere persönlichsten Momente in Szene: Die Meeresbrise an der Steilküste von Trani, die illuminieren Schiffswerften in Pula, die Fahrt durch den Mittleren Westen. Alles Fotos aus unserem eigenen Erfahrungsschatz, alles profimäßig nachbearbeitet und ausbelichtet in Online-Fotolaboren, die damit werben, eigentlich für die großen Fotokünstlerinnen und die Galerien der Welt zu arbeiten.

Fotos sind die Ölgemälde unserer Zeit. Fotokunst ist aber auch das DIY (Do-it-Yourself) der Gegenwart. Die Weiten des Netzes eröffnen eine unglaubliche Inspirationsquelle, locken aber auch, den Schnappschuss auf edlem Alu-Dibond groß an die Wand zu klatschen. Seltsamerweise kehren auch Klassiker zurück. Ikea bietet etwa Motive von "Odilon Redon, Albrecht Dürer, Theodor Severin Kittelsen, Théophile Steinlen und Paul Cézanne". Im praktischen Set. Nach den vielen Wandtattoos gefallen nun Petersburger Hängungen.

Ein Rahmen kommt selten allein. Es muss mindestens ein Sixpack für die Wand sein. Oder das praktische "Bild 8er-Set": Wichtiger Tipp vom Hersteller (wieder Ikea): "Mit der beigepackten Aufhängeschablone lassen sich die größenmäßig abgestimmten Bilder ganz leicht zu einer harmonischen Collage ordnen." Wer schon einmal stundenlang an der Wand stand und Bilderhaken einschlug - ständig korrigiert vom Regisseur oder der Regisseurin im Hintergrund - "ein bisschen höher. Stopp. Geh' mal zur Seite. Nein, tiefer. Jaaahaaa, das passt schon eher ..." - wird die Erfinder dieser Schablone umarmen.

Stimmungskanone Wand: Früher musste der "Bravo"-Starschnitt her

Inneneinrichtung: Was darf's denn sein? Schöner Rahmen, viele Möglichkeiten.

Was darf's denn sein? Schöner Rahmen, viele Möglichkeiten.

(Foto: imago stock&people)

Das Rundumsorglos-Paket für kleine Rahmen-Armadas zeigt, wie schnell sich Moden durchsetzen, wenn sie gut lanciert werden. Dabei scheinen sich die Dekorationswellen immer wieder zu jagen und zu überschlagen. Schließlich gab es auch vor den röhrenden Hirschen und den gestickten Bildern Standards: Ahnengalerie und Kruzifix im Herrgottswinkel etwa.

Lange Zeit war die Wand so etwas wie eine bürgerliche Erziehungsanstalt. Bilder hatten Vorbildcharakter und sollten die Jugend - tja: eintunen auf das große Erbe der Kulturnation? Jedenfalls hingen große Künstler an der Wand, und im Regal standen ledergebundene Werkausgaben. Da erstaunt es fast, dass die Raufasertapete bereits 1864 vom Apotheker Hugo Erfurt erfunden wurde. Gefühlt hat Erfurt das Leben ganzer Generationen geprägt, die vor dem Einschlafen auf eine kleine Mondlandschaft starrten mit unregelmäßigen Bergen und Dellen und sich drei Jahre später freuten, dass sich die Tapete beim Umzug ganz einfach überstreichen ließ.

Die Frage: Was darf an die Wand - Deko, Kunst oder Lieblingsfotos der letzten Fernreisen? - stellte sich in den Siebziger- und Achtzigerjahren nicht so. Erstens gab es nur wenige, die sich mal eben nach Asien aufmachten oder in die Staaten. Und zweitens gab es ja schon Allerlei: Wandteller und Wandteppiche, gerahmte Karten und Platzteller, die etwa Rosenthal zu Tausenden herstellte. Kaum ein Wohnzimmer, in dem nicht schon Bjørn Wiinblad hing, samt süßlichen Motiven aus Tausendundeiner Nacht und schwerer Goldkante. Wer etwas auf sich hielt, tauchte daher in den Grafikboom der Zeit ein, befördert durch lokale Vereine und die Büchergilde Gutenberg. Schade nur, dass es die schönen Stücke heute eher schwer haben beim Wiederverkauf, da Auflagen um und über 100 eher die Regel waren. So mancher Rahmen kostete wohl mehr als die Arbeit selbst. Dem persönlichen Wert der Lithografien, Radierungen und Kaltnadelblätter tut dies natürlich keinen Abbruch.

Den Platz der Auflagengrafik hat seit der Jahrtausendwende Fotografie eingenommen. Besonders eine Galerie hat sich hier einen Namen gemacht mit Editionen für alle, Kleinserien und mehr: Lumas. Dem Prinzip der hohen Auflage in einem halben Dutzend Formaten werden Kunstkennerinnen und Kunstfreunde wohl wenig abgewinnen, eine Lanze für Fotografie brach das Geschäftsmodell allemal.

Fotografie hängt längst gleichberechtigt, ja dominant an allen Wänden. Wer das bezweifelt, sollte mal über einige Hinterhofflohmärkte flanieren, wo immer wieder schöne Fundstücke auftauchen, neben Kinoplakaten und anderem Wandbehang. Apropos: Wo sind eigentlich die Starschnitte von Bravo gelandet? Thermisch entsorgt und auf dem Müll, wie jene großformatigen Kalender von Wüsten und dem Mount Everest, die noch vor gar nicht allzu langer Zeit an der Wand prangten?

Wand-Deko ist schön, macht aber ganz schön viel Arbeit. Warum tun wir uns das nur an? Antwort liefert wieder Großwohnungsausstatter Ikea, dessen Ansprache unwidersprochen gilt: "Hübsch gerahmte Bilder an deiner Wand erlauben dir, dich in eine bestimmte Stimmung zu versetzen. Weite Landschaften, pulsierende Städte, verträumte Motive - alles ist möglich in der Kunst. Toll sehen auch Gruppierungen von gerahmten Bildern aus, die du aus mehreren Rahmen und Objekten zusammenstellen kannst."

Stimmt. Aber muss die Wand immer als Stimmungskanone dienen, die uns aus dem trüben Alltag reißt? Früher reichte die Ahnentafel als eine Art Selbstvergewisserung, woher wir eigentlich kommen. Heute fragen die digitalen Rahmen: Warst du da eigentlich schon? Und willst du da noch hin - oder bleibst du lieber nachhaltig zu Hause?

© SZ/Kö
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Three dimensional render of yellow colored corner of living room SPCF01212

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