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Wellness:So schön virenfrei

Den Körper wappnen – mit allem, was „Wellbeing“ verspricht.

(Foto: Tetiana Vitse/mauritius images)

Pulverisierte Ananas und Jade: Warum Naturkosmetik und Nahrungsergänzungsmittel boomen.

Von Anne Goebel

Ein funktionierendes Immunsystem ist ein hohes Gut, und in Zeiten von Corona entdeckt das auch der Beauty-Onlinehandel samt der entsprechenden Blogs: Überall ist gerade von Seren, Cremes oder Pulvern die Rede, die angeblich die Haut und damit gleich den ganzen Organismus kräftigen und Reserven aktivieren. "Energy" oder "Immunity Boost" sind Schlagwörter, mit denen die Hersteller operieren, auch von "Antioxidantien" ist gern die Rede. Wobei die wenigsten Käufer genau wissen dürften, welche Inhaltsstoffe sich jeweils dahinter verbergen - und das müssen sie auch nicht unbedingt. Es geht ja meistens nicht um den Ernstfall, sondern um den beruhigenden Gedanken, etwas zur Vorbeugung getan zu haben.

Auch wenn die prophylaktische Wirkung von aktivierendem Serum oder angeblichen Energietees überhaupt nicht erwiesen ist. Wer etwa bei Welleco, einer von dem ehemaligen Supermodel Elle MacPherson ins Leben gerufenen Firma für Wohlfühlprodukte, 300 Gramm "Super Elixir" für 65 Euro ersteht, wird damit kaum eine Covid-19-Erkrankung zu heilen versuchen. Man kauft damit eher ein Gefühl: 45 supergesunde pulverisierte Zutaten, von Ananas bis Weizengras, das verschafft morgens beim braven Anrühren des Nahrungsergänzungsmittels etwas Trost, alles werde schon nicht ganz so schlimm kommen. Auch Detox-Tee von Susanne Kaufmann oder die von der kalifornischen Trendmarke Moon Juice kreierten Dragees mit dem schönen Namen "Super You" suggerieren in Zeiten der Pandemie:

Draußen mag das Virus toben - wer zu Hause seinem Körper Wellnessanwendungen verabreicht, ist gestärkt und gewappnet. Dass seit Beginn der Corona-Krise vollkommen unterschiedliche Produkte und Utensilien gefragt sind, bestätigt Laetitia von Hessen von Niche Beauty. Gemeinsamer Nenner: Wellbeing zu Hause als flankierende Maßnahme zu Schutzmasken und Händewaschen. Man hat ja jetzt Zeit, und schaden kann es hoffentlich nicht. Niche Beauty, erfolgreicher Onlineanbieter für luxuriöse Schönheitspflege, legt der Kundschaft medizinisch anmutende Cremes ("clinical strength") ebenso ans Herz wie Massage-Sets aus Quarz oder "Energy Food"-Pulver. "Besonders Marken, die auf cleane Inhaltsstoffe setzen, wie The Nue Co aus New York oder Welleco aus Australien, boomen zur Zeit", sagt Laetitia von Hessen. Neben gesunder Ernährung und regelmäßiger Bewegung gehöre jetzt Gesichtspflege aus sogenannten Immunboostern zur "Beauty-Routine".

Auch bei Amazingy, einem Berliner E-Shop, laufen Nahrungsergänzungsmittel und vor allem Naturkosmetik gut. Offenbar treibt die Menschen im Angesicht einer aggressiven Krankheitswelle die Frage um, wie sie ihre Haut (und damit sich selbst) vor negativen Einflüssen schützen können. Fast täglich kämen Anrufe von Kundinnen, die konventioneller Kosmetik nicht mehr vertrauten, berichtet Christin Pasemann von Amazingy. "Viele sagen, ich will ab jetzt Produkte verwenden, die mir wirklich guttun." Oft gebe es schon länger Skepsis gegenüber herkömmlichen Anbietern, "und jetzt ist der Moment da, um umzusteigen".

Es muss ja nicht gleich der Griff zum gerade angesagten Gua-Sha-Stone sein, einem blank polierten Massagestein aus Jade oder Rosenquarz, der zwar wunderschön, aber doch sehr nach esoterischem Heilerzubehör aussieht. Dass die Suche nach Alternativen in Krisenzeiten verbreitet ist, weiß der Medizinhistoriker Thomas Schnalke. Der 62-Jährige, Leiter des Medizinhistorischen Museums der Charité in Berlin, sieht "ein ganzes Bündel von Hoffnungen und Motiven" als Ursache dafür, dass sich die Menschen derzeit "mit allerlei Mitteln und Methoden immunologisch aufrüsten". Da es noch keinen Impfstoff gegen Covid-19 gebe und zusätzlich Sport und Bewegung an der frischen Luft eingeschränkt seien, "liegt es nahe, nach anderen Mitteln zu suchen, die angeblich Energie spenden und das Immunsystem kräftigen". Geschichtlich betrachtet hatten laut Schnalke immer dann, "wenn in der Medizin rationale Verständnisse vom Körper boomten, auch alternative Deutungen von Gesundheit und Krankheit, von Befund und Behandlung Konjunktur". Als Beispiele nennt er das katholische Votiv- und Wallfahrtswesen während der weltlichen "Eroberung" des Körpers in der neuzeitlichen Anatomie oder die Entstehung der Homöopathie parallel zur aufgeklärten Medizin im 18. Jahrhundert.

Und während in der Corona-Krise Virologen und Immunologen die Welt tagtäglich über Kurven und Fallzahlen in Kenntnis setzen, suchen manche eben ihr Heil in granulierter Ananas oder jadegrünen Massagesteinen. Solange das nur dem Wohlbefinden dient und nicht als effektive Schutzmaßnahme missverstanden wird, bleibt Thomas Schnalke gelassen. "Glaube versetzt auch Berge."

© SZ vom 18.04.2020
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