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Wellness:Kotz dich glücklich

No pain, no gain: Das gilt bei Kambô für Frösche und Menschen.

(Foto: mauritius images / Alamy / Pawel)

Behandlungen mit dem Gift des grünen Amazonas-Frosches sind ein neuer Lieblingstrend gestresster Großstädter. Aber sind sie auch sinnvoll?

Einfaches Detoxing war gestern. Da hat man noch, in der Hoffnung, den Schmutz des Lebens wieder loszuwerden, Smoothies geschlürft oder sich in die Sauna gesetzt. Heute vergiftet man sich erst mal, bevor man sich entgiftet - und zwar mit Kambô, dem Gift des Riesenmakifroschs. Seit Jahrhunderten schon nutzen Schamanen am Amazonas das Hautsekret des grünen Frosches, der korrekt Phyllomedusa bicolor heißt und so giftig ist, dass für einen Moment irregeleitete Schlangen ihn sofort wieder ausspucken.

Inzwischen haben auch Großstadtschamanen sein Gift für sich entdeckt, bei Anhängern diverser Yoga-Schulen oder besonders ursprünglicher Naturheilverfahren, die über eine gehörige Portion Leidensfähigkeit verfügen, ist Detoxing mithilfe des Froschgifts gerade voll im Trend. "Viele empfinden die Behandlung als Wiedergeburt in ein besseres Leben", erzählt ein Berliner Heilpraktiker, der Kambô bei Patienten anwendet. Kosten pro Sitzung: zwischen 70 und 150 Euro.

Mehr als 42 000 Beiträge zum Thema Kambô finden sich mittlerweile auf Instagram. Nutzer schwärmen von der Kraft des Frosches, der nicht nur ihre Körper von giftigen Substanzen reinigen und so alle möglichen Krankheiten heilen, sondern auch noch ihren Geist und ihre Seele von negativer Energie befreien soll. Aber kann er das wirklich?

Unstrittig ist, dass das Gift des Frosches in jedem Fall eine Wirkung hat. Das merkt jeder, der sich dem Kambô-Ritual unterzieht, das am Amazonas ursprünglich Jäger ausdauernd und erfolgreich machen und sie außerdem vor Gelbfieber und Malaria schützen sollte. In Europa hat der Frosch andere Aufgaben, Malariaprophylaxe und Jagdglück sind hier seltener gefragt. Dafür hat sich Kambô den Ruf erworben, gegen sämtliche Leiden der Zivilisation zu helfen - von Allergien über Impotenz bis hin zu Depressionen. Die Erklärung für diese vielfältige Wirkung? "Die Energie des Frosches geht dahin, wo Probleme bestehen", sagt der Heilpraktiker. Es muss ja ohnehin eine besondere Form von Energie sein, die in einem eher unterkühlten Lebewesen wohnt.

Dazu brennen Heilpraktiker ähnlich wie ihre Vorbilder im Regenwald punktförmige Male in die Haut. Doch während die Schamanen klassischerweise Pünktchenreihen einbrennen, kreieren westliche Heiler gerne ästhetisch ansprechende Muster, die sich später gut auf Instagram präsentieren lassen. In die frischen Brandwunden werden dann Tröpfchen des Gifts gepresst. Wenige Minuten später geht es los: Bevor der Kambô-User sein besseres Leben findet, fängt er erst einmal kräftig an zu schwitzen; er bekommt Herzklopfen, der Blutdruck steigt, und die Ohren sausen, am Ende muss er sich lang und fürchterlich übergeben. Das Motto: No pain, no gain.

Freunde der Methode berichten, ihre langjährigen Leiden seien nach der Prozedur plötzlich verschwunden. Kritische Geister hingegen wenden ein: Dass man sich, wenn man das erst einmal überstanden hat, erheblich besser fühlt, ist wenig erstaunlich. Die medizinische Fachliteratur sieht jedenfalls eher Risiken als Chancen. "Die vorteilhaften Effekte sind wissenschaftlich nicht bewiesen, daher könnte der Heilungseffekt nur ein Placeboeffekt sein", sagt etwa Maarten Bronkhorst, der sich als Chirurg am Bronovo-Krankenhaus in Den Haag vor einigen Jahren erstmals einem Patienten mit Kambô-Narben gegenüber sah und dem Phänomen nachging. Er warnt vor der Behandlung. Wie so oft bei bioaktiven Substanzen aus der Natur gibt es diese selten als Reinstoff. Auch das Sekret des Kambô-Frosches ist eine Mischung von Dutzenden verschiedenen Molekülen. Darunter sind morphinähnliche Stoffe ebenso wie Substanzen, die die Gefäße weiten, die Muskeln anspannen und im Gehirn wirken. Während Kambô-Fans also von ihren Heilserlebnissen schwärmen, kennt die Fachwelt Berichte von schwerwiegenden Problemen nach einer Kambô-Session, es kam auch schon zu Psychosen und Todesfällen.

Um an das Gift zu kommen, fangen die Menschen am Amazonas die Frösche übrigens ein und spannen sie wie ein X zwischen vier Pflöcken auf. Das Ergebnis: echt gestresste Tiere, die aus Angst jede Menge Sekret produzieren. Ob so etwas überhaupt gut und gesund sein kann? Das Tierwohl-Zeichen bekommt Kambô jedenfalls nicht.