Es ist ja jedes Jahr dasselbe: Die späte September- oder frühe Oktobersonne hat noch einmal ihr Bestes gegeben, um Augsburg, Karlsruhe und Leipzig in Nizza zu verwandeln, in den Straßencafés sitzen die Menschen im T-Shirt bei Spritz oder Flat White, und man selbst wird bei einem kurzen Supermarktbesuch eiskalt erwischt: Lebkuchen und Dominosteine? Wo kommen die denn so plötzlich her? Muss das wirklich jetzt schon sein?
Die kühle Realität der Logistik lehrt allerdings, dass man mit dem Weihnachtswahnsinn gar nicht früh genug beginnen kann. Damit ist zwar nicht gemeint, dass "Last Christmas" in Endlosschleife schon vor den Herbstferien eine gute Idee ist, wie offenbar gar nicht so wenige Menschen finden, Zahlen von Streamingdiensten belegen das. Aber in der Küche ist frühe Planung wichtig für alle, die Wert auf einen kulinarisch gelungenen Advent legen. Anfang November zu starten, ist da fast schon spät.
Der Christstollen etwa sollte, wenn man ihn denn selbst backt, jetzt idealerweise schon fertig sein, damit sein Aroma sich entwickelt. Lebkuchen werden, wie manches Weihnachtsgebäck, durch ein bisschen Lagerung in der geschlossenen Dose nur besser. Und auch mit den Vorbereitungen für Früchtebrot kann man nun starten. Denn wenn es ein paar Tage durchziehen darf, gehört es zum Besten, was die Vorweihnachtszeit zu bieten hat: Aromatisch, vielseitig (schmeckt auch zum Frühstück!), wandelbar, nicht so süß wie anderes Gebäck und - im Gegensatz zu Stollen - überraschend einfach zu backen.
Seinen Ursprung hat Früchtebrot im alpenländischen Raum, eine besondere Rolle spielt es in Bayern, Tirol und Norditalien, wo konventionelles Brot zur Adventszeit mit getrockneten Birnen (Kletzen) verfeinert wurde. In Südtirol gibt es auch helle Varianten mit Äpfeln. Doch mit wachsendem Wohlstand verlängerte sich die Zutatenliste, wanderten Rosinen, Nüsse, Dörrzwetschgen oder auch Südfrüchte wie Datteln und Feigen in den Teig. Noch ein wenig später kamen Zitronat und gelegentlich Orangeat hinzu. Traditionell wurde Früchtebrot um den Andreastag am 30. November herum gebacken und, je nach Region, zu Nikolaus oder auch nach der Christmette an Heiligabend verzehrt. Inzwischen darf man das aber flexibler handhaben. Auch weil Früchtebrot heute nicht nur in der Weihnachtszeit gegessen wird und angenehm lange hält.
Am Südpol fand man das Früchtebrot des Entdeckers Robert Falcon Scott. 110 Jahre alt - und tadellos
Wie lange, das war kürzlich im National Geographic nachzulesen, der sich eher selten als Küchenfachblatt hervortut; für das mehr als hundert Jahre alte Früchtebrot, das Mitarbeiter des neuseeländischen Antarctic Heritage Trust in diesem Jahr in einer Hütte der Antarktis fanden, machte man allerdings eine Ausnahme. Es stammte von der britischen Firma Huntley & Palmers, war in Pergament eingeschlagen und machte einen deutlich intakteren Eindruck als die Blechdose, in der es lagerte. Man vermutet, dass das Gebäck dem Team des britischen Entdeckers Robert Falcon Scott auf ihrer Terra-Nova-Expedition zum Südpol (1910 - 1913) als Wegzehrung diente. Ein Teil der Gruppe, von der kein Teilnehmer lebend nach Europa zurückkehrte, hatte in der Hütte am Kap Adare Zuflucht gesucht. Die neuseeländischen Forscher berichteten, dass das Früchtebrot nach 110 Jahren fast noch essbar gewirkt (und gerochen) habe. Ausprobieren wollte das zwar niemand, ganz abwegig ist es aber nicht. Selbst ohne die trockene Eiseskälte der Antarktis ist die Lagerfähigkeit von karamellisiertem Fruchtzucker beachtlich - und auch für eine Expedition auf die Münchner Hausberge interessant.
In der eigenen Küche ist ein Früchtebrot schnell zubereitet. Wobei einer der wichtigsten Schritte die Auswahl qualitativ exzellenter Zutaten ist. Dort ein bisschen mehr auszugeben, vor allem für die Nüsse, lohnt sich. Schon drei, vier muffige Exemplare aus einem billigen Supermarktpäckchen können das Ergebnis ruinieren. Zwar mögen Nüsse, egal welche Sorte, insgesamt die Haltbarkeit des Gebäcks verkürzen, sie schmecken darin aber so fantastisch, dass man nicht mehr darauf verzichten möchte.
Wer sehr gute Zutaten hat, dem reicht zunächst mal ein schönes Basisrezept. Dafür 125 g (am besten flüssigen) Honig mit vier Eiern und 2 TL Rum mit einem Mixer schaumig rühren. 175 g Dinkelvollkornmehl (alternativ Weizenmehl) mit 1 gehäuften TL Backpulver und 2 TL Zimt vermischen, durchsieben und glatt in die Eier-Honig-Masse rühren. Von 175 g Haselnüssen etwa die Hälfte halbieren, die andere Hälfte ganz lassen (das ist Geschmackssache), 175 g getrocknete Feigen und 125 Datteln grob hacken, 125 g Zitronat in sehr feine Streifen schneiden und alles zusammen mit 325 g Sultaninen möglichst gleichmäßig unter den Teig heben. Den Teig in eine mit Backpapier ausgelegte Kastenform füllen und das Früchtebrot auf der untersten Schiene bei 160 Grad (Ober- und Unterhitze) für etwa eine Stunde backen. Nach dem Auskühlen in Folie wickeln oder in einer Tupperdose luftdicht verschließen und kühl lagern.
Vor dem Anschneiden sollte Früchtebrot mindestens zwei bis drei Tage durchziehen. Experimentieren und abwandeln lohnt sich, etwa indem man neue Frucht- oder Nussorten zufügt. Oder Gewürze wie Anis, Zimt, Kardamom. Oder die Früchte für ein paar Stunden in Rum einweicht.
Der Antarctic Heritage Trust, der gerade dabei ist, die Hütte am Kap Adare zu restaurieren, hat angekündigt, Scotts Früchtebrot und andere originale Gegenstände später wieder dort unterzubringen. Man hofft auch darauf, dass die Hütte so mehr Besucher anzieht. Ein Früchtebrot als Touristenattraktion. Da sage noch mal einer, Weihnachtsgebäck sei unwichtig.


