Wasser in Wiener Cafés kann künftig kosten Kulturkampf um das Gläschen in Ehren

Für einen Liter Leitungswasser zur Melange soll der Gast zwei Euro aufs Bistrotischchen legen, einen Euro für den halben Liter. Alles freiwillig, für den guten Zweck. Doch trotz der edlen Idee ist die Empörung groß in der österreichischen Haupstadt - die Wiener wähnen ihre Kaffeehauskultur in Gefahr.

Von Cathrin Kahlweit, Wien

Der Kellner in der Pizzeria im achten Bezirk schaut entsetzt. Geld für Leitungswasser kassieren? Wer denn auf eine solch hirnverbrannte Idee komme? Noch entsetzter schaut der Mann, als er erfährt, dass sein Lokal neuerdings zu jenen Wiener Gastronomiebetrieben gehört, die sich an der Aktion "Wasserspende" beteiligen: Die bislang kostenlose Karaffe oder das Glas Leitungswasser, die in Österreichs Kaffeehäusern Ehrensache waren, sollen in Wien der Vergangenheit angehören, wenn sich die Idee der Initiatoren durchsetzt.

So kennt und liebt der Wiener seine Kaffee-Spezialitäten: Serviert mit einem - kostenlosen - Glas Leitungswasser.

(Foto: iStock)

Für einen Liter Wasser zwei Euro, für einen halben Liter einen Euro, alles freiwillig natürlich - und ein Großteil des Erlöses soll an soziale Projekte, vorzugsweise an Wasserprojekte in der Dritten Welt fließen.

Dumm nur, dass niemand dem Kellner in der Pizzeria an der Albertstraße Bescheid gesagt hat. Jedenfalls steht sein Laden auf der Liste "www.wasserspende.at".

Noch steht die Spendenuhr auf Null

Was so revolutionär klingt, braucht wahrscheinlich eine Weile, um sich durchzusetzen. Wenn es sich denn durchsetzt. Denn für ein Glas Wasser zum Kaffee zu zahlen, und sei es für einen guten Zweck, das gilt vielen Wienern als Kulturbruch. Seit Wochen lassen sich die Feuilletons der Zeitungen über den Beginn der Aktion aus und diskutieren, ob die Idee tragfähig sein könne, wo doch gewöhnlich zum kleinen Schwarzen oder zur Melange automatisch ein Glas vom Ober dazu serviert wird. Und wo doch die Kaffeehauskultur, wie sie seit dem Ansturm der Türken existiert, zum immateriellen Kulturerbe der Unesco gehört.

So ernst nehmen die Wiener ihre Kaffeehäuser, dass sie tatsächlich am 10. November vergangenen Jahres per Urkunde von der UN-Kulturorganisation heilig gesprochen wurde. Samt kleinen Tischen mit Marmorplatten, Thonet-Stühlen, aktuellen Tageszeitungen jedweder Couleur auf Holzhaltern und gern auch Lüstern an der Decke. Und nun kommen Menschen wie Herbert Rohrmair-Lewis, einer der Begründer der Wasserspenden-Aktion, und sagen: "Wir wollen mit unserer Initiative versuchen, Bewusstsein für den Wert von Wasser zu schaffen und gleichzeitig damit etwas Gutes tun."

In Zürich, berichtet die Presse, funktioniere die Idee sehr gut. In Wien allerdings machen bisher erst zehn Betriebe mit, wenngleich auch so bekannte wie das Tel Aviv am Donaukanal oder Neni am Naschmarkt dabei sind. Auch die Spendensumme ist bisher eher niedrig: Auf der Internetseite von "Wasserspende" findet sich ein Piktogramm mit einem leeren Glas, das den Geldeingang anzeigen soll. Noch steht es auf Null.

Der Wiener muss sich halt erst an die neuen Umstände gewöhnen. Und das fällt ihm schwer, wie auch der Autor Thomas Kapielski in seinem großartigen Text "Kaffääfahrt" feststellt, in dem er eine Rundreise durch berühmte Wiener Etablissements beschreibt: "Der Gast erträgt keine Veränderung. Er altert und schwindet lieber synchron mit seinen Wirtschaften. Schon gewaschene Gardinen sorgen für drei Tage Fassungslosigkeit."

Was wird dann erst Geld für Wasser anrichten, sei es auch noch so gut gemeint?