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Walmart-Pulli:Streit um den Koks-Weihnachtsmann

Der Weihnachtspulli von Walmart Canada mit einem koksenden Weihnachtsmann.

(Foto: walmart.ca)
  • Ein vom nordamerikanischen Einzelhandelunternehmen Walmart angebotener Pullover hat einen Streit ausgelöst.
  • Der Pulli zeigt einen Kokain schnupfenden Weihnachtsmann - Walmart hat das Angebot mittlerweile wieder aus seinem Sortiment genommen.
  • Kolumbien allerdings fordert eine Wiedergutmachung wegen eines Satzes, mit dem Walmart zuvor für den Pulli geworben hatte.

Eigentlich soll Weihnachten ja die stille Zeit sein. Ein bisschen singen neben dem geschmückten Baum, ein wenig Andacht beim Plätzchenteller. Dumm nur, dass die Wirklichkeit meist anders aussieht. Gerade in den Weihnachtstagen liegen die Nerven oft blank, ein falsches Wort und schon bricht Streit aus, nicht nur innerfamiliär, zwischen zickigen Tanten und dem ungeliebten Schwager, sondern auch auf internationaler Ebene.

So verkündete nun ein Vertreter der kolumbianischen Regierung, das nordamerikanische Unternehmen Walmart auf Schadenersatz verklagen zu wollen, sollte dieses nicht freiwillig eine Entschädigung für einen Pulli bezahlen, der auf einer Homepage der Einzelhandelskette angeboten wurde. Nüchtern betrachtet zeigt besagtes Kleidungsstück erstmal nur einen ausgesprochen fröhlichen Weihnachtsmann mit roter Mütze, in der Hand ein kleines Schnupfröhrchen und vor sich drei Linien Koks. "Let it snow", steht unter dem Bild, lass es schneien, in Anspielung darauf, dass Kokain umgangssprachlich auch "Schnee" genannt wird.

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"Qualitäts-Schnee aus Kolumbien"

Man kann das nun lustig finden oder nicht, in Kolumbien jedenfalls stört man sich auch weniger an dem Motiv des Sweaters, als vielmehr an der Beschreibung, mit der Walmart den Pulli auf seiner Homepage vertrieben hat. Der beste Schnee, heißt es in dem Text, komme aus Südamerika. Der arme Weihnachtsmann aber lebe weit weg, am Nordpol. Darum genieße er die Momente ganz besonders, in denen er ein wenig "Qualitäts-Schnee" aus Kolumbien vor sich habe.

Tatsächlich ist das Land heute einer der größten Produzenten der Droge weltweit: Etwa 70 Prozent des international vertriebenen Kokains, schätzen die Vereinten Nationen, kommen aus Kolumbien. Seit Jahrzehnten schicken die Kartelle das Pulver von hier aus in die ganze Welt, auch, weil die Nachfrage stetig steigt, vor allem in den USA und Europa. Ende November erst wurde ein U-Boot vor der Küste Spaniens sichergestellt, an Bord drei Tonnen Kokain im Wert von 100 Millionen Euro.

Unverständnis bei vielen Kolumbianern

Gemeinsam mit den USA, dem größten Abnehmer der Droge, kämpft Kolumbien gegen die Drogenbanden, Hektarweise werden Koka-Plantagen vernichtet, und schwer bewaffnete Sondereinheiten versuchen, die Dealer und ihre Bosse hinter Gitter zu bringen. Der Erfolg aber ist bescheiden. Eine Studie der Universidad de los Andes kommt zum Schluss, dass der Drogenhandel ein mehr als doppelt so großes Umsatzvolumen in Kolumbien habe wie der Anbau und der Verkauf von Kaffee, dem eigentlichen nationalen Stolz des Landes.

Dazu kommt, dass in den vergangenen Jahrzehnten Tausende unschuldige Kolumbianer dem Drogenkrieg zum Opfer gefallen sind. Wenn nun also Späße über das südamerikanische Kokain gerissen werden, stößt das bei vielen Menschen auf Unverständnis, genauso löst auch die Verklärung der Bosse in der Populärkultur immer wieder Ärger aus. Bestes Beispiel ist die aufwendige und weltweit gezeigte Netflix-Serie "Narcos" über das Leben des kolumbianischen Kartellbosses Pablo Escobar. Kolumbianische Kritiker sagen, sie verherrliche einen kriminellen Psychopathen und Mörder. Und als der Streaming-Gigant den Start im Dezember 2016 auch noch mit den Worten "Oh, weiße Weihnacht" bewarb, schaltete sich sogar der damalige Präsident Juan Manuel Santos ein.

Pulli vom Markt genommen

Die Stimmung ist also gereizt. Dazu kommt, dass der Kläger im Fall des Pullis, Camilo Gómez Alzate, gerade auf dem Weg ist, oberster Staatsanwalt des Landes zu werden. Ein bisschen Publicity kommt da wohl ganz gelegen. Kolumbien müsse respektiert werden, erklärte Gómez, und der Pulli von Walmart sei eine Beleidigung für sein Land.

Dass die Einzelhandelskette das Kleidungsstück längst vom Markt genommen hat und eine Entschuldigung nachschickte: egal. Gómez will dennoch eine Wiedergutmachung einfordern, einmal in Form von Werbung für legale Produkte des südamerikanischen Landes, dann aber auch Geld. Es soll an Stiftungen gehen, die Angehörige von Soldaten und Polizisten betreuen, die im Kampf gegen die Drogen umgekommen sind. Noch diese Woche soll ein offizielles Schreiben losgeschickt werden. Mit ein wenig gutem Willen könnte die Angelegenheit also vor Weihnachten geklärt werden. Ein Schritt mehr für ein bisschen Stille und Frieden auf Erden.

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