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Vorweihnachtszeit:Die Masche mit den Türchen

Warum sind Adventskalender zu einer Materialschlacht für Erwachsene geworden?

Wie Sternschnuppen und Glühwürmchen gehören Adventskalender zu den zeitlich beschränkten Herrlichkeiten, die man als Kind kennenlernt - und die auch nur in dieser ersten Lebensphase so richtig zaubern. Der Reiz entsteht nun mal aus der Beschränkung, der Spannung und dem Spielerischen, und all diese Effekte leiern später im Leben leider ein wenig aus. Klar, man kann sich auch dann noch freuen, aber es ist eher die schöne Erinnerung, die an die Stelle der akuten Spannung tritt.

Advent für Bierliebhaber: Viele der neuen Kalender sollten von Kindern ferngehalten werden.

(Foto: Hersteller)

Zumindest galt das bis vor ein paar Jahren. Denn was den Adventskalender angeht, so wurde er zuletzt regelrecht altersgentrifziert und zu einem seltsam ernsthaften Konsumvehikel umgebaut. Inhaltlich und preislich hat er sich jedenfalls vom traditionellen Kleinschokolade-Countdown zu einer 24-teiligen Vorbescherung erweitert, die sich heute offenbar vor allem Erwachsene gegenseitig hinstellen sollen. Während die Kinder-Ausführungen immer noch billig und süß und damit erfreulich einfallslos geblieben sind, wurde für die Großen aufgerüstet: Es gibt Essig&Öl-Kalender, solche mit diversen Salzproben oder Lippenstiften, mit Gin-Fläschen oder Craft-Beer, mit Superfood, Chips oder Grillgewürzen, einen von Brigitte und auch einen mit Porsche-Modellbausatz. Und für jemanden, der keine nennenswerte Neigung hat, gibt es den nüchtern gestalteten "Rentner-Adventskalender" mit folgender Spannungskurve: "Marmelade, Brotaufstriche, Kaffee oder Tee, was bereichert heute Ihren Frühstückstisch?" Tja, vielleicht eine kleine Depression?

Flagschiff des Trends ist der Adventskalender des E-Sexshops „Amorelie", angeblich seit Jahren ein Bestseller.

(Foto: Hersteller)

Für jede erwachsene Hobbykapriole ist diesen Winter ein Kalender bestückt, und niemand scheint sich daran zu stören, dass zwei Dutzend Lippenstifte oder Grillgewürze nur mäßig auf die Geburt des Erlösers vorbereiten. Nein, lass mal lieber vor der Materialschlacht am 24. noch mehr überflüssiges Zeug aufhäufen.

Flaggschiff dieser Entwicklung ist der Adventskalender des E-Sexshops "Amorelie", der seit einigen Jahren in angeblich enormen Stückzahlen verkauft, verschenkt und wohl auch versteckt wird, bevor die Verwandten anrücken. Mittlerweile gibt es ein Dutzend solcher Erotikwerkzeug-Kalender, einige werben mit einem enthaltenen Warenwert bis 900 Euro - andere damit, dass auch Stimulatoren für ihn dabei sind. Wenn das so weitergeht, wird man das Nahen der Weihnachtszeit bald nicht mehr an Lebkuchen im Supermarkt festmachen, sondern an den ersten Werbespots mit kurzbehosten Damen, die sich wieder auf prickelnde Überraschungen hinter den Türchen freuen. Kaufmännisch war der Amorelie-Adventskalender für mehr als 200 Euro also vermutlich ein Volltreffer und die Annäherung an das Fest der Liebe via Sexspielzeug ist zweifellos eine herzhafte Idee. Wenn auch eher nicht im Sinne der harmlosen, protestantischen Vorweihnachtsfreude, die bei den Buddenbrooks im Lübeck des Jahres 1869 noch so klingt: "Unter solchen Umständen kam diesmal das Weihnachtsfest heran, und der kleine Johann verfolgte mit Hilfe des Adventskalenders, den Ida ihm angefertigt und auf dessen letztem Blatte ein Tannenbaum gezeichnet war, pochenden Herzens das Nahen der unvergleichlichen Zeit." Pochendes Herz? O.k., das ist in der Werbung für einen Haufen Erotikplastik auch zu hören.

Nun ist gegen Sexspielzeug auch im Advent gar nichts einzuwenden. Aber diese verbrämte Aufforderung, mit der man das Konvolut seinem Partner hinschiebt, wirkt doch etwas unbesinnlich. Warum muss gerade der Adventskalender als trojanisches Pferd für Unzufriedenheit im Bett herhalten? Mag ja sein, dass so eine Wundertüte inspirierend wirkt, aber irgendwie kann man sich auch das Gegenteil vorstellen: "Schatz, du hast ja das Türchen noch nicht aufgemacht? Oh, schau, wieder so ein lustiges, äh, Dings für hinten." Puh, ist die Weihnachtszeit nicht schon stressig genug? Dazu abends noch pseudoneckisches Sexlabor mit anschließender Beziehungskrise? Davon abgesehen ist das doch überhaupt kein effizientes Gefäß - 24 Produkte, von denen nur ein Bruchteil auf Gegenliebe stoßen werden. Und der Rest fliegt endlos in Schubladen rum? Und wehe, nächstes Jahr schleppt der Göttergatte wieder einen Kalender von einer anderen Erotikplattform an, mit noch mehr Warenwert und echter Lederpeitsche? Dann doch lieber Brotaufstrich und Gin-Fläschchen.