bedeckt München 21°

Trend auf Fahrradwegen:Elektromotoren bringen Markt endgültig in Schwung

Von wegen einzigartig und besonders: Lastenräder verstopfen heute die ohnehin zu engen Radwege von München, Berlin, Hamburg und sämtlichen anderen deutschen Großstädten. Die Zahl der Anbieter ist gestiegen, Reise & Müller sowie Hercules verkaufen solche Räder, andere Hersteller heißen Nihola oder Urban Wheels und seit Elektromotoren immer mehr Fahrräder antreiben, gerät der Markt für Lastenräder endgültig in Schwung.

Anfang Mai rechnete etwa das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur vor, dass sich mit Hilfe von Lastenfahrrädern jährlich bis zu 3,9 Milliarden Lkw-Fahrten einsparen ließen - insbesondere, seit die schweren Räder mit Elektromotoren ausgerüstet werden, seien sie auf der Kurzstrecke für Lasten bis 50 Kilogramm attraktiv.

Die Touristen fotografieren schon lange nicht mehr, die Frager vor dem Supermarkt sind verstummt. Die Kränkung hat laut Hallo gesagt, um dann nach dem nächsten Ansatzpunkt zu suchen. Es ist albern, aber es verhält sich ein wenig wie früher mit Bands: "Ich habe sie schon gekannt, als sie noch nicht erfolgreich waren." Als würde einem der Erfolg einer geliebten Gruppe irgendetwas wegnehmen.

Genauso albern ist es, jetzt wegen der Lastenradmode die Nase zu rümpfen und sich seiner mobilen Einzigartigkeit beraubt zu fühlen. Und schließlich gelten die Argumente für das Vernunft-Vehikel (Umweltfreundlich! Leise! Platzsparend!) ja immer noch.

Tipps für den ökologisch bewegten Konsumenten

Natürlich, aber selbst der ökologisch bewegte Konsument strebt danach, seine Einzigartigkeit auch durch die Wahl seiner Produkte zur Schau zu stellen. Also was tun?

Für den stilbewussten Lastenrad-Angeber ohne Familie bieten Firmen wie Biomega aus Dänemark Transporträder an, deren auffällige Gestaltung nur mit dem Wort "Design" beschrieben werden kann. Für den Kindertransport sind diese Räder nicht geeignet, aber eine Ledertasche (Handgenäht! Einzelstück!) passt sicher sowieso besser zur Zielgruppe und in die Transportvorrichtung.

Eine andere Möglichkeit, sich wieder an der Illusion der Einzigartigkeit zu besaufen: umziehen, raus aus der Stadt. Kind zwei kam in der Vorstadt auf die Welt. Lastenräder gab es dort noch keine zu sehen. Die Leute dort schauten Kind zwei und Vater hinterher, sie sprachen sie an ("Ist das selbst gebaut?") und hörten sich die Vorträge über die Vorzüge eines solchen speziellen Fahrrads an.

Dann stand eines Tages ein anderes Lastenfahrrad vor dem Kindergarten. Dann noch eins. Das Lastenfahrrad hat den Alltag erobert, überall. Wie großartig.

© SZ vom 21.05.2016/kat

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite