Süddeutsche Zeitung

Victoria's Secret:Gefallene Engel

Das erste Transgender-Model kommt, der Marketing-Chef geht. Aber reicht das wirklich für einen Imagewechsel beim amerikanischen Unterwäsche-Giganten Victoria's Secret?

In zwanzig Jahren lachen Frauen vielleicht über diese Bilder: Traumhaft schöne Models wie Gisele Bündchen oder Adriana Lima, wie sie halbnackt, dafür mit riesigen Engelsschwingen am Rücken über einen Laufsteg stolzieren und dabei bis über beide Flügel strahlen als sei das, nun ja, tatsächlich so etwas wie der Himmel auf Erden. "Echt wahr?", werden die Frauen von morgen wahrscheinlich fragen. "Mit so einem Quatsch konnte man damals Unterwäsche verkaufen?"

Dummerweise wird die Antwort lauten müssen, dass man mit dieser Masche sogar ziemlich viele Dessous unter die Leute bringen konnte, jedenfalls bis zum Jahr 2018. Denn 2019 wird es, so viel steht bereits fest, keine Victoria's Secret Show geben. Zu viel liegt bei dem amerikanischen Weltmarktführer gerade im Argen, die Umsätze fallen seit drei Jahren, Läden mussten schließen. Immer wieder steht das sexistische Frauenbild in Zeiten von #metoo und der Time's-up-Bewegung in der Kritik.

Am Dienstag wurde obendrein ein offener Brief an das Unternehmen veröffentlicht, in dem hundert Models, darunter Christy Turlington, Milla Jovovich und Doutzen Kroes, fordern, das Unternehmen müsse gegen "sexuelles Fehlverhalten" von Fotografen und Mitarbeitern vorgehen. Heißt: Hinter den Kulissen gab es bei Victoria's Secret offensichtlich noch ein paar mehr Geheimnisse.

Jetzt will die Geschäftsführung des Konzerns L Brands, zu dem die Marke gehört, offensichtlich doch mal gegensteuern. Der langjährige Marketing-Chef Ed Razek - so etwas wie der Ur-Vater aller "Angels" - wird das Unternehmen verlassen. Der 71-Jährige war vergangene November in die Kritik geraten, nachdem er in einem Interview mit der amerikanischen Vogue erklärt hatte, man brauche keine Plus-Size- und auch keine Transgender-Models auf dem Laufsteg, weil die Marke schließlich "eine Fantasie" verkaufe. Ein ziemlich eindimensionales, veraltetes, diskriminierendes Hirngespinst wie eine breite Öffentlichkeit befand. Ein Shitstorm jagte den nächsten.

Und siehe da: Für den nächsten Katalog buchte man jetzt flugs ein bekanntes Transgender-Model, die 22-jährige Brasilianerin Valentina Sampaio. Wer auch immer dem Unterwäscheriesen diese Aktion als wirksame Krisen-PR verklickert hat - auf Social Media wurde die Verpflichtung bereits als "zynisch" kritisiert. Das britische Magazin Dazed kommentierte die Meldung auf seiner Internetseite mit: "Siri: Spiel 'Too little, too late' von JoJo." So einfach ist Inklusivität dann doch nicht zu haben. Im Grunde beweist die Geste lediglich eindrucksvoll, dass Victoria's Secret noch lange nicht in der Realität angekommen ist.

Wenn es nach den jüngeren Konsumenten geht, muss die Marke das vielleicht auch gar nicht mehr. Längst gibt es jede Menge anderer Alternativen im Unterwäschemarkt. In den vergangenen Jahren hat nicht nur die bisherige Konkurrenz wie das amerikanische Label Aerie oder das italienische Intimissimi zugelegt, vor allem gibt es zahlreiche neue Marken, die tatsächlich modernere Entwürfe und ein vielfältigeres Frauenbild jenseits der alten Formel "schmale Taille + große Brüste = sexy" transportieren. Etwa Savage x Fenty, das Dessous-Label der Sängerin Rihanna, das bei seiner ersten Show in New York vergangenes Jahr Flachbrüstige, Schwangere und selbstverständlich Transgender-Models buchte. Seitdem fliegen die Kollektionen nur so aus den Regalen. Flügel? Braucht es 2019 dafür längst nicht mehr.

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