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Vegan in Berlin:Glückliches Gulasch

Kürbissuppe - fast schon ein Klassiker der verganen Küche. Viele vegane Restaurants in Berlin, vor allem in der gehobeneren Kategorie, warten mit mehr Innovation auf. Doch wer mehr ausgibt, bekommt nicht immer auch eine bessere Leistung.

(Foto: imago stock&people)

Vom Imbiss bis zum Gourmet-Restaurant ist alles dabei: Nirgendwo in Europa ist die Auswahl an tierfreien Speisen größer als in Berlin. Mittlerweile gibt es Vorzeige-Veganer, wo sich selbst jene wohlfühlen, die früher die Nase gerümpft hätten.

Teil 2 einer Mini-Serie aus Berlin von Ruth Schneeberger

Berlin ist die Vegan-Metropole Europas. Nirgendwo sonst gibt es so viele Imbisse, Cafès, Bars und Restaurants, in denen ausschließlich tierfreie Kost serviert wird. Unsere Autorin hat sich durch das vegane Angebot der Hauptstadt probiert und 15 verschiedene Läden getestet. Im zweiten Teil der Serie geht es um die gehobene vegane Küche.

Das Restaurant Kopps (Linienstr. 94) hat sich unter Veganern bereits seit Jahren einen stabilen Ruf erarbeitet. Gutbürgerliche Küche in stilvollem Ambiente, Maultaschen, Rouladen oder Cordon Bleu, komplett ohne Tierisches, das hat normalerweise seinen Preis. Die Hauptspeisen kosten um die 17 Euro, sind aber besonders ausgefeilt und werden mit den passenden Edelweinen serviert. In diesem gehobenen Vorzeige-Veganer lassen sich auch die Eltern oder gar Großeltern vom Ernährungstrend überzeugen.

Dementsprechend tummeln sich am Abend ältere Gäste, die sich das Dinner leisten können. Am Wochenende trifft man auf Berliner Shownasen wie Bonnie Strange oder einen Tisch voller Marketing-Profis in hellblauen Oberhemden, die noch vor wenigen Jahren über vegane Kost die Nase gerümpft hätten.

Samstags und sonntags wird für 12,50 Euro Brunch angeboten. Dabei wartet das Kopps mit einer enormen Vielfalt auf: Aufstriche, Salate, Gemüseeintöpfe, veganes Goulasch, Mett, Suppe, Kuchen, Pfannküchlein - vor allem der Eiersalat ohne Eier ist ein Gedicht. Schade nur: Die Speisen scheinen an manchem Wochenende doch arg gestreckt zu werden. Dann lieber ein paar Euro mehr verlangen und die Qualität anbieten, für die der Laden steht. Auch beim Brunch.

Pappige Pasta und gesalzene Weinpreise

Auch ein anderes gehobenes Vegan-Restaurant erweist sich leider als teilweise enttäuschend: Das La Mano Verde (Uhlandstr. 181) liegt im westlichen Charlottenburg fast allein auf weiter Flur; die meisten veganen Restaurants sind im Osten der Stadt. Trotz der hohen Preise ist es sehr beliebt und das Konzept überzeugt: alles vegan, viel Rohkost, nahezu glutenfrei, ungewöhnliche Kreationen.

Allerdings wird das hohe Niveau, das die Räumlichkeiten (im Kempinski-Hotel), die Karte (kommt schick per Tablet) und meist auch die Bedienung vorgeben, bei den Speisen nicht immer eingehalten. Der Wildkräutersalat ist als Vorspeise riesig, das Champignonrisotto mit Trüffel und dunkler Schokolade edel, aber die glutenfreie Pasta pappt geschmacklos aneinander. Auich das Meeresgemüse ist fad, was für einen Preis von 18 Euro erstaunt. Und die Weinpreise sind für Berliner Verhältnisse arg gesalzen. Vielleicht findet die eigentlich gute Idee wieder zu alter Form, wenn der günstige Mittagstisch wieder angeboten wird.

Riesige Flammkuchen - und Kontaktbörse für Tierrechtsaktivisten

Es gibt aber auch Veganer in Berlin, die restlos überzeugen. Das Freckles ist so ein Fall (Nostitzstr. 33). Eigentlich ein winziges Café in einem Kreuzberger Keller nahe dem lebhaften Bergmannkiez, wissen die jungen Besitzerinnen mit ausgefeilten Kuchenkreationen zu überraschen. Hier gibt es Schoko-Spekulatius- oder Pistazien-Beerentorte für gut drei Euro, ob gluten- oder nussfrei, auch auf Bestellung für Geburtstage. Auch der klassische Bienenstich ist im Angebot und schmeckt besser als das Original - was das Geheimnis dabei ist, wollen die Besitzerinnen nicht verraten. Aber es mundet außergewöhnlich gut. Dazu trinken die meist weiblichen Gäste in hellem Holz-Ambiente "Dirty Chai" (Tee mit Espresso) oder "Salted Caramel Kakao".

Ebenfalls geschmacklich überzeugend, und das zu einem fairen Preis, ist das Viasko (Erkelenzdamm 49). Das Restaurant im Keller finden viele "gemütlich" - abgewohnt trifft es besser, aber der Berliner weiß das zu schätzen. Es kann zwar schon mal sein, dass die Bedienung mit der Bestellung durcheinanderkommt, aber am Essen gibt es nichts auszusetzen: Die "Zucchini Rolls" kommen mit großem Salat und Cashew-Trüffel-Füllung für 7,20 Euro, der Flammkuchen ist riesig und ausreichend belegt für 8,50 Euro. Die Auswahl an Speisen ist groß - und am Wochenende gibt es schmackhaften Brunch für zwölf Euro. Da lacht das Veganerherz.

Dass der Laden politisch orientiert ist, merkt man nicht nur an den tätowierten Gästen und auf der Toilette, deren Wände eine Art Schwarzes Brett und Kontaktbörse für Vegan- und Tierrechtsaktivisten zu sein scheinen, sondern auch an Martin Luther Kings Spruch auf der Speisekarte, der sich vom Kampf für die Rechte der afro-amerikanischen Minderheit in den USA auf die Tierrechte übertragen lässt:

"Die Feigheit stellt die Frage: Ist es sicher? Die Berechnung stellt die Frage: Ist es politisch? Und die Eitelkeit kommt daher und stellt die Frage: Ist es populär? Das Gewissen jedoch stellt die Frage: Ist es richtig? Und es kommt die Zeit, in der man eine Position einnehmen muss, die weder sicher noch politisch noch populär ist - aber man muss sie einnehmen, weil das Gewissen sagt, dass sie richtig ist."

Veganes Fine Dining, optisch und geschmacklich einwandfrei

Und noch ein veganes Restaurant scheint nahezu frei von Flops zu sein: das Lucky Leek (Kollwitzstr. 54). In der Nähe des Kollwitzplatzes in Prenzlauer Berg wird veganes Fine Dining angeboten, was sowohl optisch als auch geschmacklich funktioniert. Chili-Mango-Suppe oder Avocado-Caprese mit gegrillter Aubergine zum Einstieg, dann ein Spargel-Risotto oder Tandoori-Tofu mit Bohnenplätzchen, zum Nachtisch Crème brûlée mit Mango-Kokos-Schnittchen und Fencheleis - die Speisen sind relativ klein, aber sehr fein.

Preislich geht es auch noch gerade: Vorspeisen und Nachtisch kosten sieben oder acht Euro, die Hauptspeise das Doppelte. Eine Weinbegleitung (21 Euro) ist zu empfehlen, wenn man denn fünf Gänge wählt. Die Bedienung aufmerksam, die Einrichtung unaufdringlich elegant, die Küche kreativ - gibt es auch Fehler? Vielleicht, dass es nichts für jeden Tag ist, weil dafür dann doch zu teuer.

© Süddeutsche.de/olkl/leja/dd

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