Uhrentrend:Comeback eines fast schon vergessenen Relikts

Sanduhr

Sanduhren erleben gerade eine Renaissance - obwohl sie längst überflüssig sind.

(Foto: dpa)
  • Jedes Smartphone verfügt heute über einen präzisen Timer, eigentlich bräuchte man die Sanduhr nicht mehr - trotzdem erlebt sie gerade eine Renaissance.
  • Sanduhren tauchen an Autoscheiben, in Mobelhäusern und Wohnblogs auf.
  • Es ist ein anachronistischer Trend, der einen Gegenpol zur Hektik der Gegenwart setzt.

Von Oliver Klasen

Im Rathaus von Kirchheim unter Teck, einer kleinen Stadt zwischen Stuttgart und Ulm, sitzen Verwaltungsangestellte, die zugleich geniale Trendscouts sind. Denn vor allen anderen, im Jahr 2013, haben sie einen großen Trend des Jahres 2017 erkannt: Sie haben die Sanduhr, jenes fast schon vergessene Relikt der Zeitmessung, in unseren Alltag zurückgeholt.

In der 40 000-Einwohner-Stadt darf jeder Einwohner genau acht Minuten gratis parken - wenn er eine Sanduhr laufen lässt. Gegen "zwei Euro Schutzgebühr", wie es auf einer Serviceseite im Internet heißt, ist diese Sanduhr, "die an der Seitenscheibe des Autos per Saugnapf anzubringen ist", zu beziehen. So bekommt der Fahrer keinen Strafzettel, wenn er kurz mal zum Bäcker geht. Mehrere Städte haben die Idee inzwischen übernommen. Und auch in Möbelhäusern, Designläden und auf Wohnblogs sind Sanduhren schlagartig wieder präsent, befeuert vom Fotonetzwerk Instagram, wo zuletzt Ananas, Flamingos und Kakteen der Renner waren.

Am Sonntag endet die Sommerzeit

In der Nacht zum Sonntag, 29. Oktober, endet die Sommerzeit. Um drei Uhr morgens werden die Uhren um eine Stunde auf zwei Uhr zurückgestellt. Man kann also eine Stunde länger schlafen, dafür wird es nachmittags früher dunkel. SZ

Warum sich die Menschen neuerdings so gerne Sanduhren aufs Sideboard stellen? Dank Eieruhr und Smartphone-Timer mit Alarmfunktion sind sie jenseits von Sauna- und Brettspiel-Abenden eigentlich längst überflüssig. Vielleicht steckt Nostalgie hinter dem anachronistischen Trend, eine Sehnsucht nach Zeiten, in denen man die Zeit hatte, beim Eierkochen auf rieselnden Sand zu achten.

Vielleicht aber genügt es schon, dass die Sanduhr ein formvollendet schöner Dekorationsgegenstand ist: symmetrische Form, zwei gleich große kegelförmige Glaskörper. Und: "Eine Sanduhr beruhigt", sagt Einrichtungsberaterin Katharina Semling. "Dem Sand beim Rieseln zuzusehen, kann sehr meditativ sein."

Zumindest abgesehen von jenen Sanduhren, die in Problemfällen auf dem PC-Bildschirm zu sehen sind. Semling ist eigentlich eine Gegnerin von Uhren im Wohnzimmer. Die "Zeitzerhacker" hielten Leute davon ab, "Zeit als das zu empfinden, was sie wirklich ist: immer anders. Es gibt Sekunden, die sich wie Stunden anfühlen und umgekehrt". Sanduhren hingegen seien "Zeitentschleuniger". Vergleichbar mit den Lavalampen, die in den Siebzigern verbreitet waren. Und Ende der Neunziger.

Die älteste bekannte Darstellung einer Sanduhr ist auf einem Fresko im italienischen Siena zu sehen. Südlich davon, in Rom, betreibt Kunsthandwerker Adrian Rodriguez Cozzani eine profitable Sanduhrenmanufaktur mit dem passenden Namen "Polvere di Tempo", Staub der Zeit.

Die Sanduhr teilt die Zeit in kleine Einheiten, zwei, drei, zehn Minuten, je nach Sandmenge. Kein mahnendes Ticken, kein schrilles Klingeln. Nur die Ruhe.

Schön, in Zeiten, in denen der Mensch so sehr an der Zeit leidet. An Terminen und To-do-Listen, und am Wunsch, der Tage hätte 25 Stunden. Was freilich unmöglich ist, außer an diesem Sonntag, wenn die Uhren nachts zurückgestellt werden.

© SZ vom 28.10.2017/spes
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