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Trends vom Design Festival Berlin:So könnten wir leben

Auf Grizzly-Bären schaukeln, Papp-Rehe an der Wand und leuchtende Dinosaurier im Wohnzimmer: Designer lassen sich von der Tierwelt inspirieren - und wollen, dass wir Mehlwürmer essen.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

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DMY

Quelle: Anna Vera Lengyel

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Erst einmal die beruhigende Nachricht: Nicht alles muss sich ändern. Wer sich gerade designmäßig wohl fühlt in seiner Umgebung, dem sei tröstend anvertraut: Viele Trends vom Internationalen Design Festival (DMY 2015) aus Berlin sind nur leicht modifizierte Weiterentwicklungen der aktuellen Mode. Es muss sich also derzeit niemand in Unkosten stürzen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Manchmal reicht ein bisschen neue Farbe. Wie etwa bei diesen Lampen, die seit Jahren in Weiß, in Plastik und organischen Formen die deutschen WGs zieren: Jetzt gibt es sie verstärkt in Farbe, und zwar in den Trendfarben Türkis und Weinrot.

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Quelle: Anna Vera Lengyel

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Auch Rosa bleibt der Hit. Die frühere Kleinmädchenfarbe bleibt eine der Lieblingsdekofarben, mit denen bevorzugt filigrane Möbel und feines Geschirr präsentiert werden. Auch wer es rustikaler mag aber dennoch nicht auf Zartes verzichten will, wird jetzt fündig: Wo früher echtes totes Tier als Trophäe an der Wand hing und in den vergangenen Jahren bei Trendbewussten eher dessen Persiflage aus Plüsch, gibt es jetzt zarten Hirsch, Reh oder Antilopenbüste - aus Pappmaché.

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Quelle: Anna Vera Lengyel

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Überhaupt sind Tiere groß angesagt. So auch dieser Grizzlybär zum Schaukeln, dessen Designerin, Ania Kanicka aus Polen, den Betrachter oder Besitzer in die Welt der unbeschwerten Kindheitsträume entführen will, in seiner Mischung aus Kraft und Niedlichkeit. Zieht man ihn am Schwanz, leuchten seine Augen.

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Quelle: Anna Vera Lengyel

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Damit ist er nicht alleine. Leuchtende Augen gab es auf dem Designfestival massenhaft zu sehen: Im Kraftwerk oberhalb des Clubs Tresor, der hier sonst residiert, ließen sich fast 10 000 Besucher von den Ideen der 107 Aussteller und 314 Designer aus 21 Ländern faszinieren.

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Quelle: Anna Vera Lengyel

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Ein weiterer weiterentwickelter Trend: Bloße Glühbirnen als Lampen, ohne Lampenschirm. Was schon länger durch die hippen Start-up-Büros und szenigen Cafés vor allem in Berlin baumelt, bisher bevorzugt an schwarzen oder zuletzt knallbunten Kabeln vor Rohfassaden, wird nun veredelt: Die Birnen kommen jetzt in metallener Fassung daher, zur schicken Kupferfassung strahlen sogar die Glühwendel in Kupfer.

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Quelle: DMY/Anna Vera Lengyel

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Oder hintendran kommt wieder ein Tier. Die T-Rex-Lampe von Benita Ewig war eins der meistfotografierten Motive auf dem DMY. Und sie führt uns zu einem weiteren Trend: dem Lieblingsthema Vergangenheit. Nicht bis zu den Dinosauriern, aber immerhin bis in die 50er und 60er, manchmal auch in die 40er Jahre reicht jetzt schon seit vielen Jahren die beliebte Retromania im TV ("Mad Men"), in der Mode (Lena Hoschek), im Autodesign und eben auch bei den Möbeln und Alltagsgegenständen. Damit wird wohl auch in naher Zukunft noch nicht Schluss sein.

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Quelle: Lukas and Robertson

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Vor allem der Design-Nachwuchs, der auf diesem Festival im Fokus steht, tobt sich derzeit wieder aus in Sachen Retro. Da werden etwa Stempel im 50er-Jahre-Stil angeboten mit der Aufschrift: "And you look adorable". "Das ist angelehnt an die 50er und 60er Jahre, als noch nicht jeder von Termin zu Termin hetzen musste und mehr Zeit hatte, Komplimente zu verteilen", sagt der Verkäufer. Oder die Damen von "Rafinesse und Tristesse" aus Berlin, die nachhaltige Möbel ebenfalls im Stil der 50er Jahre bauen: Da werden alte Olivenfässchen etwa mit chinesischen Seidenkissen zu hübschen Hockern umgestylt. Das tschechische Designer-Duo Lukas & Robertson baut ausrangierte Möbel kunstvoll zu gefragten Einzelstücken um, wie etwa die "Punk-Inspirierte Bar" mit umgedrehtem Stinkefinger (im Bild), ...

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Quelle: Liz Eve; Lukas and Robertson

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... mit Namen "Dead-Kennedy", die geöffnet so aussieht. Insgesamt ist und bleibt Nachhaltigkeit ...

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Quelle: DMY/Anna Vera Lengyel

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... im Sinne des ökologischen Bewusstseins natürlich Trend. So auch bei dem Projekt "Recreate Textiles" des Produkt-Design-Studios Krupka-Stieghan, das industrielle Baumwollabfälle wie Scherstaub, Tumblerflusen oder Randabschnitte mit teils Biokunststoff zu biologisch abbaubaren mehrfarbigen Textilien verarbeitet (im Bild). Zumeist in den immer-noch-Trendfarben Schwarz, Weiß und Knallgelb, sollen sie für Interieur- und Möbeldesign verwendet werden.

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Quelle: Anna Vera Lengyel

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Dass bunte und wabenförmig strukturierte Stoffe wie diese, oder auch Filz, demnächst wohl gehäuft auch an Möbel angebracht werden, gab es noch anderswo zu sehen: Ein Regaldesigner bietet seinen Kunden an, die Möbelfronten mit selbst gestalteten bunten und strukturierten Stoffen zu versehen. Der Nutzer kann selbst Form, Farbe und Inhalt des Möbels verknüpfen. Keine schlechte Idee, zumal es nicht billig aussieht, sondern schick. Struktur-Oberflächen sind außerdem nicht nur bei Möbeln und schon in den vergangenen Jahren in der Mode der Hit, sondern jetzt auch beim Schmuck: Nicole Vetter etwa von der Hochschule für Gestaltung Wismar präsentierte Ketten und Ohrringe mit Struktur-Oberfläche, unter anderem einen "Hochzeitskragen" nur aus Struktur, Rot und Blau. Die Zeit der riesigen Statement-Schmuckstücke in all ihrer imposanten Kitschigkeit scheint vorbei zu sein, jetzt kommt die Struktur.

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Quelle: Anna Vera Lengyel

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Wer es nicht ganz so klar und geordnet mag, für den bleibt Filz auch noch in niedlicheeren Formen erhalten, wie bei diesen an Kinderzimmer erinnernden Lämpchen, oder auch bei den derzeit sehr beliebten Kaffeebecherwärmern aus Filz oder Strick. Jey Park aus Korea hat sie zu kleinen Pullöverchen mit Ärmchen weiterentwickelt. Zum Angeben ist auch ein neues Trendgetränk gedacht, das Wostok (der Osten) heißt: Zwar wirbt der Hersteller sympathisch damit, dass es eben nicht trendy, nicht aufputschend, nicht amerikanisch, nicht Cola, nicht Coca, nicht Mate und zuguterletzt nicht schlecht sei. Aber mit all diesen Tributen ist es eben doch gerade sehr trendy - und schmackhaft dazu, vor allem in den Geschmacksrichtungen Tanne und Aprikose-Mandel. Und damit gebührender Nachfolger des Club Mate. Bisher nur einmal in München zu bekommen, aber das wird sich wohl noch ändern.

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Quelle: DMY/Anna Vera Lengyel

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Ebenfalls zum Angeben gedacht, wenn auch deutlich schlichter: der durchsichtige Rucksack in Weiß. Er vereint die Trendfarbe dieses Sommers, weiß, mit dem Trend des Jahres, Rucksack, mit dem Transparent-Trend der 90er Jahre plus dem Reduktions-Trend aus Berlin und ist somit eins der aktuellsten Stücke des Designfestivals.

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Quelle: DMY/Anna Vera Lengyel

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Doch das DMY will auch deutlich in die Zukunft weisen und präsentiert deshalb auch Experimente wie dieses hier: die "Age Indicated Package", eine Milchverpackung, die mit ihrem Inhalt altert. Valerian Blos aus Berlin hat diesen pinken Prototyp mittels synthetischer Biologie entwickelt - aus menschlichen Hautzellen, die in Koexistenz mit ihrem Inhalt leben. Wenn der Inhalt schlecht wird, zeigen auch die Zellen natürliche Zeichen des Alterns. Eine sterbende Verpackung signalisiert verfaulte Nahrung. Das klingt sehr eklig und sieht, vor allem im gealterten Zustand, auch so aus. Doch der junge Mann ist überzeugt: Neue Errungenschaften in der synthetischen Biologie könnten zu einer völlig neuen Beziehung zwischen Mensch, Leben und Objekt führen.

Mehlwurm

Quelle: Samuel Helavuo

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Eine ziemlich neue Beziehung zwischen Mensch und Mehlwurm (rechts) gab es hier am Wochenende zu kosten: Der finnische Designer Samuli Helavuo möchte fleischessenden Menschen das Züchten und Zubereiten von Insekten als Alternative zum Verzehren trauriger Schlachthaustiere näherbringen und reichte daher Mehlwürmer zum Verkosten aus der eigens designten Zuchtbox (im Bild). Die Tierchen schmecken, gut durchgebraten, gar nicht schlecht, leicht nussig. Sie sollen extrem eiweißreich sein und gelten schon als Nahrung der Zukunft eines übervölkerten Planeten.

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Quelle: Anna Vera Lengyel

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Niederländische Studenten der Kunstakademie The Hague treiben ihre Überlegungen in Sachen Zukunft des Lebens und Wohnens noch weiter. Sie haben sich gefragt, wie die Welt in 50 Jahren aussehen wird, also 2065. Und sind zu teils zwingenden, teils erstaunlichen Ergebnissen gekommen, die sie in kleinen Modellen präsentieren. Yuiko Yokota ist etwa der Meinung, dass digitale Nomaden die Welt erobern werden, die in Zelten wohnen, die sie jederzeit mit sich herumtragen können. Wer nur einen PC braucht, um daran zu arbeiten, der kann auf der ganzen Welt leben, wo immer er gerade möchte, so die These. Und braucht nur noch eine mittelgroße Tasche, um jederzeit überall sein Zeltlager aufzuschlagen. Die neuartigen Zelte sollen mit Touch- und Pad-Screen ausgestattet sein, Agenturen sollen außerdem feste Stellplätze anbieten und gegen monatliche Miete für Sicherheit sorgen. Ungenutzte Firmengebäude und Dachterrassen von Hochhäusern könnten zur Zeltstadt werden und als Rückzugsräume für den kleinen Privatbereich gelten. Der Rest der Nutzerwelt (Gegenstände des täglichen Gebrauchs und Werkzeuge zur digitalen Kommunikation) soll öffentlich nutzbar sein.

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Quelle: Anna Vera Lengyel

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Das Gegenteil dieser vielleicht naiven, aber auch positiven Sicht auf die nahe Zukunft bietet etwa Hegia Hutaries mit ihrem Konzept des "Safe Living": "What if in the future, the only remaining safe place for a human is his own house?", fragt sie. Was also, wenn Viren, Epidemien, Terror, Bürgerkrieg und/oder biologische Waffen das Leben im Freien tödlich gemacht haben? Dann bleibt für sie nur der Rückzug in Hochsicherheitstrakte, die sie freundlicherweise gleich als Modell entworfen hat: Zylinderförmige Bunker, die auf drei Stockwerken bieten, was der Mensch in 50 Jahren ihrer Meinung nach braucht: Oben eine geschützte Aussichtsplattform, im Erdgeschoss der Lebensbereich und im Keller ein geschützter Bunker mit Sauerstoff-, Wasser- und Essensvorräten, Waffen gegen Eindringlinge, Klo und Bett. Dieser runde schwarze Block mit geschützten Sicherheitszonen (und ohne Ecken, zum besseren Putzen) wirkt wie der schlimmste Albtraum aus der Hölle - gottseidank hat die Studentin ihn als Comic gemalt.

Weitere Infos zum Design-Festival gibt es hier.

© SZ.de/rus/jana
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