Trend zum Longboard Jugend auf Rollen

Länger, breiter, bequemer: Skateboards sind wieder in, diesmal als XXL-Version auch für Erwachsene. Longboards eignen sich zum Brötchenholen, Rasen und Posen und fahren kann sie eigentlich jeder. Deshalb verachten sie junge Hardcore-Skater, die sich von dem Trend überrollt fühlen.

Von Thomas Becker

Ehrensache, dass die Kippen nicht auf der Straße landen. Der Esel drückt seine Zigarette aus, sammelt den Stummel seines Kumpels ein und entsorgt die Kippen im Mülleimer. Seit dem Film "Shrek" heißt Simon Schöllhorn in Münchens Skateboard-Szene nur noch Esel, "keine Ahnung, wieso. Aber irgendwann hörst du auf, gegen so einen Spitznamen zu kämpfen und bist dann halt der Esel". Seit März steckt er seine Energie in einen kleinen Laden am Gärtnerplatz. "Shrn" heißt der, die Kurzform von "soo hot right now". Der Laden des Esels ist für Skateboarder so etwas wie eine Insel inmitten des Mainstreams. Genau da sind die Bretter mit den vier Rollen angekommen: mitten im Volk. Und das ist das Problem.

Noch nie war das Skateboard so präsent auf den Straßen wie derzeit. Väter, die ihren Nachwuchs auf dem Longboard zum Kindergarten chauffieren, langhaarige Dudes mit Wollmützen, Mädels mit Plastik-Retro-Boards, Neunjährige auf Skinny Cruisern. Menschen jeglicher Provenienz rollen durch die Städte, und genau das wird für Leute wie den Esel ein Ärgernis: Skateboarden ist in den vergangenen Jahren vor allem durch das Revival Longboards derart massenkompatibel geworden, dass viel zu viele Menschen ein Geschäft damit machen wollen und Skater die Sportgeräte schon wieder hassen. Kleinen Läden wie dem "Shrn" verderben sie die Preise. "Skateboarden hat gerade keinen Schub", klagt der Esel und meint: "Nach dem Hype vor vier, fünf Jahren, als in jedem zweiten Werbe-Clip ein Skateboarder drin war, ist diese Subkultur verheizt worden. Heute kannst du schon für 40 Euro ein Skateboard im Internet kaufen. Aber so was darf man eigentlich nicht Skateboard nennen."

Trittbrettfahrer und Design-Hipster

Der Esel findet, es sei angemessen, ein Zeichen zu setzen: gegen die Trittbrettfahrer, gegen die Auf-den-Trend-Springer, die sich nur deswegen ein Longboard kaufen, um zu den Coolen zu gehören. "Ich habe wahnsinnigen Respekt vor Longboardern, die mit 80 Sachen irgendwelche Hügel runter heizen", sagt der Esel, "aber ich habe keinen Respekt vor diesen Design-Hipstern, die mit dem Longboard fünf Mal um den Gärtnerplatz pushen und glauben, sie seien dann noch mal jung." Im November vergangenen Jahres hatte ein Brigitte-Artikel mit der These "Skateboards gehören zu kleinen Jungs. Basta" und der Forderung "Steig ab, Mann!" für Aufruhr in den Diskussionsforen gesorgt. Der Boardsport-Anbieter "Planet Sports" lud zum Gegenbeweis in die Jahre gekommene Skater zum Fototermin ein - der Älteste war 56 und sah gar nicht so übel aus.

Einer, der die Thematik differenziert darstellen kann, ist Titus Dittmann. Der 64-Jährige gilt als geschäftstüchtiger Pionier des Skateboardens in Deutschland, besaß mit seinem Versandhandel in Münster in den 80er-Jahren fast ein Monopol, füllte später mit Skateboard-Shows sogar den Circus Krone in München, ist mittlerweile Verdienstordenträger und Lehrbeauftragter am Institut für Sportwissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität und darf Ende Juni bei den X-Games in München die Skateboard-Sieger ehren. Das aktuelle Straßenbild erklärt er so: "Der Normalmensch nimmt keine Differenzierung zwischen Skateboard und Longboard vor, was ich als alter Sack ganz gut finde."

Skater setzen sich bewusst von Longboardern ab

Aufgrund der Masse von Longboardern müsse aber zumindest bewusst gemacht werden, dass das zwei unterschiedliche kulturelle Bewegungen sind, sagt Dittmann, "und auch zwei unterschiedliche ästhetische Gesinnungsgenossenschaften." Skater setzen sich bewusst von Longboardern ab. "Außer dass beide ein Brett mit vier Rollen benutzen, haben diese Gruppen nichts gemein", sagt Dittmann. Es gebe zwar Überschneidungen: Skateboarder, die mit dem Longboard zum Skatepark fahren, mit dem Skateboard unterm Arm, und das lange Brett dabei nur als Transportmittel nutzen, wie ein Fahrrad.

Anfang der 80er-Jahre besaß jeder anständige Skateboarder für jede Disziplin ein Board: Halfpipe, Freestyle, Slalom und eben auch ein Longboard. Heute gibt es fast nur noch Streetstyle und eine Sorte Board. Aber sind dann die Hipster, die mit dem Longboard die Leopoldstraße rauf- und runterrollen, überhaupt Skateboarder? Dittmann klärt auf: "Wenn man in der Nähe einer Treppe oder eines Geländers Leute mit Brett und vier Rollen sieht, die dauernd versuchen, aufs Geländer zu springen und keine drei Meter geradeaus fahren, ohne das Brett durch die Gegend zu wirbeln, dann sind das Skateboarder. Wenn einer gemütlich von A nach B fährt und dabei Schlangenlinien fährt, um vorwärts zu kommen, dann ist das ein Longboarder."