bedeckt München 24°

Trend Wintergrillen:Grillen ist zum Statussymbol geworden

Brand-Managerin Julia Seyffart sitzt im mit der Signalfarbe Dunkelblutrot dekorierten Weber-Verwaltungsbau in Ingelheim. Zahlen veröffentlicht das amerikanische Familienunternehmen nicht, nur so viel: Der Umsatz wächst stetig, immer neue Absatzmärkte werden erschlossen, jetzt sind Nordafrika und Osteuropa an der Reihe. Und mit dem Markt wächst die Zahl der Produkte. Wie findig eine Firma sein kann, Bedürfnisse zu erfinden, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat, führt Weber beeindruckend vor.

Ein gutes Beispiel ist der neue Master-Touch GBS, ein Kugelgrill, wie es mittlerweile viele gibt, aber der Clou ist das Zubehörsystem. In der Mitte des Grillrosts ist eine runde Aussparung, dort hinein können sieben verschiedene Einsätze gesetzt werden. Ein Pizzastein, ein koreanischer Grilleinsatz für feine Fleischstreifen, ein Geflügelhaltereinsatz. Das ist überhaupt kein Grillen mehr, oder doch: Das ist Grillen mit geschlossenem Deckel und klug verteilter Kohle. Dann wird der Grill zum mobilen Backofen auf Rädern; Fleisch, Gemüse, Fisch gart in heißer Luft.

Warum soll so ein Backofen nur im Sommer genutzt werden, wenn man doch auch im Winter den Deckel zumachen kann? Leichte Verzweiflung löst bei Frau Seyffart die immer wiederkehrende Frage aus, ob man den Grill auch draußen stehen lassen kann.

2011 haben 40.000 Menschen Kurse belegt

Die Einsätze beim Grill "für den Einstieg" (Katalogpreis 279 Euro) Master Touch GBS heißen übrigens Gourmet. Aha. Dahin geht die Reise: Sie führt zu Männern, die zwar am Kochen vor allem das Grillen interessiert und die Beef! lesen, sich aber große Häuser, große Gärten und den Besuch guter Restaurants leisten. Grillen ist zum Statussymbol geworden, ein Weber Summit S-470 Edelstahlgasgrill steht mit 3190 Euro in der Preisliste. Da weiß der Nachbar sofort Bescheid.

2011 haben an den zwölf Weber-Grillakademien in Deutschland (2013 werden es 14 sein) insgesamt 40.000 Menschen Kurse belegt. Aber nur in Ingelheim ist das Equipment und der Grillmeister original Weber. Ansonsten bieten lokale Kochschulen die Kurse in Lizenz an.

Auf der überdachten Terrasse im Kloster Engelthal stehen die Grills in einer Reihe wie Coupés beim Autohändler: die Genesis S-Serie, ein Summit S-670 Edelstahl, mehrere Master Touch GBS oder One-touch Premium. Und daneben stehen Männer und reden, wie Männer sonst nur über Autos reden: Der Genesis ist für meine Zwecke ausreichend! - Aber der Summit ist viel geräumiger. Einfach komfortabler. - Ganz unter uns: Mit sechs getrennten Edelstahlbrennern bist du flexibler!

Die Männer im Kurs Wintergrillen sind Techniker, Ingenieure, Vertriebsexperten, Kfz-Mechaniker. Eine Frau ist auch dabei. Sie begleitet ihren Mann. Alle anderen Männer waren noch nie bei anderen Kochkursen, es sei denn, sie waren bei Feiern dazu eingeladen. Hier sind alle freiwillig. Einer zum neunten Mal. "Weil's so viel Spaß macht. Und weil man immer was lernt." Beim Essen - es gibt fünf verschiedene Fleischgänge - diskutieren sie, welches Räucherholz das beste ist.

In Chicago wird sogar bei Eisstürmen gegrillt

Für Marketing-Experten wie Julia Seyffart ist die Firmengeschichte ideal, um den "Menschen da draußen im Markt" den Grill als Weihnachtsgeschenk anzupreisen. Tatsächlich erfand Firmengründer George Stephen den Kugelgrill im winterkalten Chicago, weil sein gemauerter Grill die Hitze nicht ausreichend halten konnte. Also schnitt der Schweißer eine Metallboje in der Mitte durch, füllte die eine Hälfte mit Kohle und nahm die andere als Deckel. Wenn Kolumbus gegrillt hätte, wäre das sein Ei gewesen. Das Weber-Ei. Tatsächlich beteuern Menschen, die in Chicago waren, glaubhaft, dass dort auch bei Eisstürmen gegrillt wird.

In Deutschland sind wir noch nicht so weit. Es geht noch so zu wie bei Mike Stark, der im Auftrag der Weber-Stephen Deutschland GmbH unter anderem die Entwicklung neuer Grillkohle initiiert. Mike Stark sagt: "Im Winter geh ich raus, leg das Fleisch drauf, mach den Deckel zu und geh dann schnell wieder rein, zu den Gästen ins Warme."

Am Fleischgeschmack ändert dieses grillflüchtige Verhalten nichts. Die Männer von Ingelheim haben bei allen fünf Fleischgängen ihre Teller ratzeputz leer gegessen. Auch wenn einige vernehmbar geseufzt haben, am Ende waren alle satt - und rund wie ein Kugelgrill. Der Winter kann kommen.

Wintergrillen
Das Wissen der Meister
  • Searing

Englisch für scharf anbraten, verbrennen. Der klassische Grill-Moment: Das Fleisch zischt, weil es direkt über der glühenden Kohle liegt. Dadurch entsteht innerhalb kurzer Zeit eine karamellisierte Kruste. Wer gerne Western sieht, leistet sich ein gusseisernes Searing-Raster: Steaks made in USA.

  • Indirektes Grillen

Der Moment, den Grillmeister früher gern als Eingeständnis der Schwäche ansahen: Und wenn man noch so blitzschnell wendet, das Fleisch muss aus dem Feuer! Dafür gibt es Zonen auf dem Grill, unter denen keine Grillkohle liegt. Dann wird der Deckel zugemacht. Das Fleisch gart wie im Backofen. Stundenlang. Und nichts brennt an.

  • Anzünden

Die Bilder sind Legion: Auf ihren Knien pustende, mit Zeitungen wedelnde, mit Luftpumpen den Grill anblasende Männer. Klares Ziel: Die Kohle erst zum Brennen, dann zum Glühen bringen. Mit sogenannten Kaminen sind diese Zeiten vorbei. Ein löchriger Metallzylinder mit Griff wird mit der Holzkohle gefüllt. Dann über brennende Grillanzünder gestellt. Wichtig ist Geduld. Erst wenn auch die oberste Kohleschicht ergraut, ausschütten, verteilen, fertig. Expertenrat: bloß kein Brennspiritus. Alles schmeckt danach.

  • Würstchen

Im Gegensatz zu Steaks werden Würstchen nicht scharf angebraten. Genau andersrum: Erst indirekt aufwärmen, dann am Ende kurz aufs direkte Feuer. Beliebter Fehler: Die scharf angebratenen Würstchen mit einer Gabel aufstechen, wenn sich das Wasser darin sammelt: Mit dem Wasser fließt das Fett raus, und der Geschmack gleich mit.

  • Ohne Deckel

Sie wollen indirekt grillen, aber Ihr Grill hat keinen Deckel? Kleiner Trick: Nach dem Searing leere Aluminiumgrillschale umdrehen, mit dem Boden nach oben auf den Rost stellen und dann das Fleisch drauflegen. So erreicht die Glut das Steak nicht mehr direkt.

  • Themen in diesem Artikel: