bedeckt München 16°

Trend Fransenjeans:Den Faden verlieren

Street Style: February 24 - Milan Fashion Week Fall/Winter 2016/17

Die Beine der berühmten Mode-Bloggerin Linda Tol: Auf der Modewoche in Mailand trug sie, natürlich, eine Fransenjeans.

(Foto: Getty Images)

Von teuer bis billig, aber immer mit verkürztem Bein: Die Fransenjeans ist zurück. Wer will, darf sogar selbst zur Schere greifen.

In den Modemedien liest man gerade ständig von absurden Luxusjeans. Zum Beispiel von einer 1000 Euro teuren Hose des Labels Vetements, die eigentlich nur aus alten Modellen besteht. Oder von Jeans, die kaum weniger kosten, aber Löcher so lang wie ein Oberschenkel haben. Das Verkaufsversprechen dieser Kunstobjekte lautet nicht etwa Qualität, sondern Individualität. Mit dem Durchschnittskunden hat das aber natürlich mal wieder nichts zu tun.

Umso wichtiger ist deshalb der Jeanstrend, den jetzt Luxus- und Low-Budget-Marken gleichzeitig promoten: von Gucci und Net-A-Porter, bis Closed, Diesel, Zara, H & M und sogar bis zum Otto-Versand - überall fransen die Säume an den Hosenbeinen aus. Der Schnitt kann dabei skinny, kick flare oder boyfriend sein - also ganz eng, leicht ausgestellt oder weit. Die Länge bleibt meist dieselbe. Die Hose endet auf Hochwasserlinie, neuerdings "knöchelfrei" oder "verkürzt" genannt - das soll cooler und neuer klingen. Weshalb auch niemand vom Comeback der Fransenjeans spricht, die man zuletzt zur Beerdigung des Grunge in den Neunzigerjahren knielang trug. Die Rede ist von "Open Seams", von offenen Säumen.

Die Rückkehr der zerrissenen Nahtkanten begann bei der Prada-Show im Herbst 2014. Gezeigt wurden dort ausgestellte Brokatkleider, die an Dekolletés und Röcken nicht sauber abgenäht waren und deshalb Fäden zogen. Die Designerin Miuccia Prada erklärte damals, dass dies gewollt unelegant und unperfekt wirke.

Im darauf folgenden Mai, die Prada-Kollektion hing gerade in den Läden, gewann das portugiesische Designer-Duo Marques' Almeida den renommierten Nachwuchspreis von LVMH. Ihre Kollektion bestand vor allem aus Hosen, Röcken, Kleidern und Westen aus Denim, die überhaupt nicht mehr abgenäht, sondern nur noch abgerissen waren. Nach der Verleihung gaben die Designer ein altes Zitat von Helmut Lang zu Protokoll: "In der Mode geht es um Haltung, nicht um Säume." Und die Modeleute hatten ihren Sommerhit 2015. Mit zerfetzten Nahtkanten konnte jeder mal zum Ausdruck bringen, wie herrlich egal ihm der ganze Klamotten-Perfektionismus doch eigentlich war. Endlich wieder cool kid sein! Wie damals, als man eines Sommers einfach seine Hose abschnitt und die Fäden raus zog.

Süddeutsche Zeitung Stil Die begehrteste Hose der Modewelt
Vetements-Jeans

Die begehrteste Hose der Modewelt

Eine umgenähte Levi's 501 kostet jetzt 1150 Euro - die Geschichte eines blauen Wunders.   Von Silke Wichert

Man muss kein Philosoph sein, um die Ironie des Schicksals dahinter zu erkennen: Die brandneuen Teile von Marques' Almeida waren zwar streng genommen kaputt, aber so teuer wie andere Luxusprodukte und ständig vergriffen. Allen voran ihre knöchelfreie Hose, die nur wenige Wochen nach der Preisverleihung schon von anderen Designern kopiert wurde. Wem war was gerade noch egal?

Auch egal, in Wirklichkeit passierte, was eigentlich niemand für möglich hielt: Über Streetstyle-Blogs und Modemagazine schafften es die offenen Säume über den Winter und Frühling bis in die Fußgängerzonen. Wie immer bei Dingen, die vom Laufsteg kommen, natürlich nur in ihrer vernünftigsten, also tragbarsten Form, in diesem Fall eben an der Hose.

Erstens, weil entblößte Knöchel gerade sowieso zu den wichtigsten Accessoires überhaupt gehören. Zweitens, weil es nicht so viel Mut braucht, Fransen an der Hose zu tragen; dort können sie nämlich durch die ständige Gehbewegung auch auf natürliche Weise entstehen. Drittens, weil sich immer noch jeder, dem selbst die 19,99 Euro-Version von H & M zu blöd ist, einfach eine alte Hose abschneiden kann.

Auch unter Modeleuten ist es gerade übrigens schon wieder ziemlich schick, seine Hose selbst zu zerschneiden. Und eigentlich ist das auch das Schöne an diesem Trend: Egal, ob Discounter- oder Luxus-Kunde, alle wollen in diesem Sommer das Gleiche und trotzdem sieht so jede Jeans anders aus.

Fashionspießer Jeans zu Jeans? Niemals!
Fashionspießer
Fashionspießer

Jeans zu Jeans? Niemals!

Der Blue-Jeans-Komplettlook ist diesen Sommer offiziell erlaubt. Tragen sollte man ihn trotzdem nicht. Britney hat einst den Beweis erbracht - und der gilt bis heute.   Von Felicitas Kock

  • Themen in diesem Artikel: