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Tipps zum Ausmisten:"Es geht nicht um Dinge, sondern um Gefühle"

Wer nie etwas weggibt, der hat auch keinen Platz für Neues, sagt die Aufräumexpertin.

(Foto: Imago)

Auf dem Schreibtisch ist nicht mal mehr Platz mehr für eine Kaffeetasse, das Regal biegt sich unter der Last der Bücher und Omas Geschirr stapelt sich im ohnehin schon überfüllten Keller. Über das Jahr hat sich so einiges angesammelt, vieles davon braucht man nicht. Jetzt ist Zeit, um Platz für Neues zu schaffen. Birgit Medele, 43, ist Autorin eines Aufräumratgebers und gibt Seminare für Menschen, die sich schwer tun, Dinge wegzugeben.

Von Katrin Langhans

SZ.de: Oft räumt man stundenlang auf, sortiert aber höchstens ein oder zwei Sachen aus. Ist das verrückt?

Birgit Medele: Alle denken: Das geht nur mir so. Aber es ist ganz normal, dass es uns schwerfällt, sich von Dingen zu trennen ...

So vieles könnte man ja vielleicht auch nochmal brauchen.

Das ist eine Ausrede. Was sich eigentlich dahinter verbirgt, ist Angst. Die Angst, etwas wirklich einmal wieder zu benötigen und es dann nicht wiederzubekommen.

Aber es ist ja auch nicht alles ersetzbar. Das Urlaubsmitbringsel oder das Buch, in dem Notizen stehen. Diese Dinge kann man nicht einfach neu kaufen.

Alles, was Sie lieben oder nutzen, ist auch kein Ballast. Anders ist es, wenn sich im Haus die Kisten stapeln, Sie sich eingeengt fühlen und Dinge zur Last werden. Dann sollten Sie auf ihren Bauch hören. Nehmen Sie den Gegenstand in die Hand und fragen Sie sich: Fühlt sich das gut an oder schwer?

Birgit Medele, 40, ist Autorin eines Aufräumratgebers und gibt Seminare für Menschen, die sich schwer tun, Dinge wegzugeben.

(Foto: privat)

Einfach den Kopf ausschalten?

Unbedingt. An allem, was wir sammeln, hängt etwas. Ein Buch stellen wir ins Regal, um jederzeit das Wissen nachschlagen zu können oder uns inspirieren zu lassen. Die Statue im Wohnzimmer erinnert uns an den Urlaub. Manche Menschen haben Angst, dass sie mit den Gegenständen auch die Erinnerung an ein Ereignis oder einen Menschen verlieren. Aber unser Leben macht uns zu dem, was wir sind. Und nicht eine alte Kaffeetasse.

Was ist mit unnützen Geschenken? Der Gedanke dahinter war schließlichh nett.

Die Menschen haben oft ein schlechtes Gewissen, weil das Geschenk Ausdruck von Liebe war. Meine Freundin ist durch die Geschäfte gelaufen und hat etwas gesucht, was ich noch nicht habe, sie hat sich Mühe gegeben. Wer die Liebe würdigt, kann mit bestem Gewissen ein unnützes Geschenk weitergeben. Leichter wird es, wenn Sie sich vorstellen, dass sich jemand anderes darüber freut.

Aufräumen kann manchmal ganz schön anstrengend sein. Wie viel schafft man auf einmal?

Ich halte nichts von großen Gewaltaktionen nach dem Motto: Ein Frühjahrsputz, alles an einem Nachmittag. Das ist zum Scheitern verurteilt. Ich kann nicht 15 Jahre lang sammeln und in einem Rutsch ausmisten. Es geht nicht um Dinge, sondern um Gefühle. Mal eben eine Kiste ausräumen? Das kann so enden, dass man heult, entmutigt ist und gar nichts mehr schafft.

Wie dann?

Ich würde es mir gemütlich machen und häppchenweise aussortieren. Zum Beispiel die Zeit festlegen, zehn Minuten reichen manchmal schon. Oder ich nehme mir vor, einen Ordner auszumisten oder zehn Kleidungsstücke wegzugeben. Dann bin ich erfolgreich und habe auch genügend Energie. Wir unterschätzen oft die Kraft, die es kostet, sich von Dingen zu trennen.

Wovon können wir uns nur schwer lösen?

Je persönlicher, je privater, desto schwerer fällt uns die Trennung. Ein Klassiker sind Fotos. Manche Menschen denken, die darf man überhaupt nicht wegwerfen. Gerade im digitalen Zeitalter ist das der völlige Wahnsinn. Besser, Sie fragen sich, ob der Gegenstand Freude zu Ihrem Leben addiert, oder ob er Ihnen das Leben schwer macht. Aufräumen ist wie eine Reise zu sich selbst. Wo möchte ich hin? Was ist mir gerade wichtig? Aber auch: Woran klammere ich? Was ist Ballast und kann weg?

Was haben Sie zuletzt aussortiert?

Als letztes habe ich einen kleinen Tisch und einen Spiegel aussortiert. Tonträger, Kleidungsstücke, Spielsachen und Bücher gebe ich regelmäßig weg.

Waren Sie schon immer so ordentlich?

Ich habe mir die Lust am Aufräumen lange Zeit nicht eingestanden. Als Teenager oder Studentin galt es als uncool, wenn man zum Beispiel einen Putzplan für die WG organisiert. Bis Mitte 30 habe ich versucht, meine Ordnungsliebe zu leugnen. Weil ich dachte, das sei unkreativ und spießig. Aber eigentlich ist es genau anders herum: Kreativ bin ich, wenn kein Ballast an mir hängt.

Wovon würden Sie sich nie trennen?

Ich glaube nicht, dass es so etwas gibt.

Nicht mal Fotos von Ihren Kindern?

Auch die nicht.

Ist das nicht schade, vielleicht wollen Ihre Kinder später wissen, wie Sie mal aussahen?

Woher weiß ich denn als Elternteil, was in zwanzig Jahren meine Kinder interessiert? Ich nehme mal stark an, nicht die alten Fotoalben.

Ich schau mir meins ganz gern an.

Falls mir meine Kinder das in zwanzig Jahren vorwerfen, kann ich damit leben. Jeder muss selbst entscheiden, was er aufbewahrt. Ich zeige in meinen Seminaren gern ein Bild von einem Menschen, der einen Korb trägt, in dem sein Hab und Gut steckt. Jeder schätzt dann, wie viele Dinge es bei ihm sind. Meist ist das viel mehr. Das muss nicht schlimm sein. Es gibt Menschen, die können Tonnen tragen. Die haben Privatbibliotheken, aber es ist keine Last. Es fühlt sich nicht schwer an. Und das ist am Ende das Entscheidende. Es ist nicht wichtig, wie viel man hat, sondern, wie es einem damit geht.

© SZ.de/afis/leja
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