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Theorie der Mode:Genderforschung im Kleiderschrank

Fashion Week Berlin - Minx

Körperbetont (weiblich) versus körperbedeckend (männlich): Mode dient der Abgrenzung der Geschlechter - das ist eine der Thesen von Barbara Vinken in ihrem Buch "Angezogen". Doch das Geheimnis der Mode lässt sich nicht allein durch Geschlechter-Stereotypen erklären. (Im Bild: Ein Model auf der Berlin Fashion Week).

(Foto: dpa)

Das Geheimnis der Mode ergründen - das will die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken in ihrem Buch "Angezogen". Ihr Grundansatz ist eigentlich spannend, doch leider mangelt es eklatant an Bildmaterial. Und schlimmer noch: Vinken versucht, fast jeden ihrer Theorie-Bausteine mit der Geschlechterforschung zu erklären.

Das Schreiben über Mode ist in Deutschland nicht etabliert. Anders als die Erbauer von Häusern oder die Komponisten und Interpreten von Popsongs kann sich, wer mit Stoff an Silhouetten arbeitet, nicht der Aufmerksamkeit der Kultur-Exegeten sicher sein. Mode, das ist ein Bereich fürs schnelle Zitat, nicht für die langandauernde Betrachtung.

Barbara Vinken ist hierzulande eine Ausnahmeerscheinung, weil sie genau das tut: der Mode einen ausdauernden Blick nachschicken. Ihr Buch "Angezogen. Das Geheimnis der Mode" greift dann einleitend das Diktum von der "tyrannischen Beliebigkeit der Mode, die aus dem Blauen heraus ihre Launen diktiert" auf, dem Vinken souverän entgegenhält, dass sich "die Moden nicht völlig unvorhersehbar" oder "aus blindem Zufall" entwickeln. "Deshalb ist es durchaus möglich, die Mode zu denken."

Doch wie weit ist Mode für Barbara Vinken ein Terrain, das sie wirklich interessiert? Diese Frage stellt man sich schon nach ein paar Kapiteln, nach denen man sich nicht mehr allzu sicher ist, ob Vinken hier nicht nur mit den Diagnosen der Gender Studies an besonders offen aufbrechenden Symptomen herumdoktert, von denen die Kleidung zugegebenermaßen einige liefert: Zugrunde liegender Befund ist, dass Mode vor allem der Abgrenzung der Geschlechter diene.

Was einerseits eine ohnehin schlecht zu übersehende Tatsache ist - andererseits den Kostümierungen nicht gerecht wird, die Vinken hier nur ausbreitet, um sie mit ihrem akademischen Besteck zu zerlegen. Übrig bleibt zunächst nur die "Opposition von körperbetont (weiblich) versus körperbedeckend (männlich)", sowie ein zweiter Gegensatz, nämlich "dass Frauen in ihren Kleidern selbstbestimmte Zeitgestaltung ausdrücken, während Männer Berufsuniform tragen". Das muss man schon etwas genauer erklären - gerne auch historisch - da man im Straßenbild doch eher zwischen Business (Hosenanzug) und Casual (Sportswear) zu sortieren hat - und zwar gleichermaßen Männer wie Frauen.

Gut 250 Seiten Reflexion - nur 16 Seiten Abbildungen

Wo es aber am Begrifflichen nicht mangelt und an fertig vorliegenden Weltbildern und Theorien, geht man auf einen erstaunlich schmalen Vorrat an Beispielen los, es mangelt nämlich an Bildmaterial. Gut 250 Seiten Reflexion über ein durch und durch visuelles Thema treffen in dem Band auf nur 16 Seiten mit Abbildungen. Und die sind dann auch noch recht eklektisch zusammengestellt. Auf ein Gemälde, das Kaiser Karl V. in engen Hosen zeigt, folgen Damen von Renoir, Models in Chanel und Dior, das Ehepaar Obama und Martin Margielas dekonstruktivische Entwürfe - und kein Motiv ist größer als ein Heft Briefmarken.

Dass der Text den Mangel an Bildinformationen in den Beschreibungen noch unterläuft, ist das zweite Versäumnis. Es kann sein, dass die Vorstellungswelten der Leser nun bei der Fallbeschreibung "Marie Antoinette" nicht über die Eindrücke der Filmbiografie von Sofia Coppola hinausreichen. Wo man doch - mit einem offiziellen Hofporträt oder gar entlang der Rapporte und Raffungen eines originalen Kleides - einiges aus dem Material selbst hätte zuschneiden können, an Thesen.

Die Mischung aus flott geschriebener Historie, Stilkritik, Betrachtung und auch viel Anekdote liest sich allenfalls unterhaltsam, wenn man auf Details nicht allzu viel Rücksicht nimmt. Aber jeder Diskussion hätte eine Feststellung dessen, was eine Epoche, ein Stil, ein Moment hervorbringen, vorausgehen müssen. Und die Thesen - wie beispielsweise die sehr differenzierte Betrachtung des Phänomens "homoerotischer Edwardian Dandy" - bleiben blind, wo man nichts zu sehen bekommt. Es fehlt an Bildern, fotografierten, gemalten, gezeichneten - und leider auch geschriebenen. Der Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken ist die Lektüre allemal anschaulicher, man liest sich durch die Epochen, statt den Stoff, aus dem sie sind, zu fühlen.