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Tanzmode:Muss nicht immer Tüll sein

Ballettkostüme kommen gern im Zuckerbäckerstil daher - es sei denn, ein Designer nimmt sich mal richtig der Sache an. Über die Verbindung von Tanz und Mode.

Wer die erbarmungslose Strenge des Balletts empfinden will, darf nicht in eine Ballett-Aufführung gehen. Er soll das Buch "Grundlagen des Klassischen Tanzes" aufschlagen. Geschrieben hat es 1948 Agrippina Waganowa, die große russische Ballettpädagogin, deren Methode gültig ist und gelehrt wird bis heute. Seite 34ff: Plié.

Es handelt sich eigentlich um eine banale Bewegung, eine Beugung der Beine, wobei die Knie im Winkel von 180 Grad nach außen zeigen. Banal aber ist auf den zweiten Blick hier gar nichts. Im harten Duktus der russischen Schule definiert Waganowa die vorschriftsmäßige Haltung des Kopfes und der Schultern, die Stellung des Beckens, der Beine und der Füße in den Positionen eins bis fünf und endet mit dem nüchternen, im Nachgang aber beängstigenden Satz: "Später, wenn die Schüler gelernt haben, ihre Arme zu bewegen, kann plié mit einem port de bras verbunden werden."

Da es im Folgenden um die Verbindung von Ballett und Mode gehen soll, sei die Schnittmenge schon einmal definiert: Ohne Technik ist alle Schönheit vergeblich.

Ein Ballettkleid soll leicht und selbstverständlich aussehen, ist aber reines Know-how

Am Neuen Wall, einen Fußmarsch vom Hamburger Opernhaus entfernt, wo die von ihm ausstaffierte "Turangalila"-Inszenierung gleich anbrechen wird, trifft man den Designer Albert Kriemler in seiner Akris-Boutique. Dreimal hat er mit dem hiesigen Ballettchef John Neumeier schon zusammengearbeitet, woran erinnert er sich spontan? An den Anruf natürlich, er kam vor zehn Jahren aus heiterem Himmel. Ob Kriemler Lust habe, das Neujahrsballett einzukleiden? Er fühlte sich zu gleichen Teilen geehrt und benommen.

Mit einem Ballettkostüm ist es ja ganz ähnlich wie mit dem Plié der Waganowa: Es soll auf der Bühne leicht und selbstverständlich aussehen, ist aber reines Knowhow. Damit ein Kleid richtig fällt und die Bewegungen nachvollzieht inklusive der Grands jetés, muss alles stimmen: die Architektur der Nähte, die Robustheit des Dekors, die Dehnbarkeit der Stoffe. Mit Laufstegmode hat das nur noch wenig zu tun.

Kriemler ist bekannt dafür, dass er für seine Akris-Kollektionen mit Fotografen, Architekten und Künstlern zusammenarbeitet, seine Designs sind so schnörkellos modern wie funktional - doch vom Ballett, das räumt er freimütig ein, verstand er nichts. Er sagte: "Ich weiß nicht, ob ich das kann. Aber ich könnt's ja mal versuchen."

Die zweite Erinnerung ist dann schon die Kostümprobe. Wie unter den Tänzern die Tuschelei begann, "ohh, you don't need glue. . . !" Wie, man brauchte keinen Kleber? "Das hab ich zunächst gar nicht verstanden." Bei herkömmlichen Ballettkleidern werden die Oberteile mit Klebestreifen an den Körpern der Tänzer befestigt, damit keine Corsage, kein V-Ausschnitt verrutscht. Nicht so beim Neujahrsballett 2006. Die Tänzer fragten sogar, ob sie die Sachen behalten und im richtigen Leben tragen dürften. Kriemler, der ein bescheidener Mann ist, hat das als Auszeichnung empfunden. "Denn was will man nicht im Ballett? Man will keine Ballettkostüme."

"Ballettkostüme" gibt es auf deutschen Bühnen haufenweise zu besichtigen, vor allem jetzt, wo es wieder auf Heiligabend zugeht und "Schwanensee", "Nussknacker", "Dornröschen" im Akkord verhökert werden, getanzt vom sogenannten Moskauer Staatsballett oder einer irreführend Bolschoi betitelten Truppe aus Weißrussland. Der barocke Kitsch der Weihnachtsmärkte vor den Toren der Opernhäuser wird drinnen auf die Spitze getrieben: Kostümierungen im Zuckerbäckerstil, meterweise Taft und Tüll, Federn, Stickereien und Kristalle allover, der ewige Kleinmädchentraum halt. Als Zuschauer taumelt man aus diesen Inszenierungen heraus, als habe man sich an der Hochzeitstorte überfressen.

Coco Chanel steckte eine Tänzerin in Badekostüm und Gummislipper, das ging schief

"Wenn ich Chichi haben will, kann ich auch gleich einen Theaterdesigner nehmen", sagt John Neumeier. Der Tänzer und Choreograf, seit 43 Jahren auch international angesehener Direktor des Hamburg Ballett, sitzt in seinem schmucklosen Büro vor einem Glas Weißwein und einem Fläschchen Vita-Sprint; er trägt einen nicht übertrieben gut sitzenden Anzug.

Mit Designern hat er im Lauf seiner Karriere immer wieder zusammengearbeitet, zuerst mit Jil Sander, später mit Giorgio Armani, mit dem er bis heute befreundet ist. Albert Kriemler schätzt er, "weil seine Mode eher architektonisch ist als dekorativ". Der Schweizer hat ihm nach dem Neujahrsballett auch die "Josephs Legende" ausgestattet, und nun also "Turangalila", die gewaltige polytonale Liebessinfonie von Messiaen aus dem Jahr 1948; Neumeier hat als Erster eine Choreografie dazu vorgelegt.

John Neumeier

"Tanz - selbst wenn es sich um ein historisches Ballett handelt - ist eine Kunst der Gegenwart, und das kann die Mode unterstreichen. Sie bringt das Ballett in eine Jetztzeit."

Warum braucht ein Ballettchef die Dienste eines Designers, der sonst Amal Clooney, Marissa Mayer oder die Fürstin von Monaco einkleidet? Er lächelt fein, die Frage gefällt ihm. "Weil Tanz - auch dann, wenn es sich um ein historisches Ballett handelt - eine Kunst der Gegenwart ist, und das kann die Mode unterstreichen. Sie bringt das Ballett in eine Jetztzeit."

Kollaborationen hat es immer wieder gegeben, mehr und auch weniger erfolgreiche. Coco Chanel entwarf 1924 Kostüme für Sergei Diaghilew, den Impresario der legendären "Ballets Russes" (die Yves Saint Laurent 50 Jahre später zu einer epochemachenden Kollektion inspirierten). Das Premierenpublikum soll irritiert gewesen sein, aber ganz übel hatte es die Tänzerin Lydia Sokolova erwischt: Chanel steckte sie in ein Badekostüm und hängte ihr Perlen an die Ohren, die so laut klimperten, dass sie das Orchester nicht mehr hören konnte, dazu verpasste sie ihr Gummislipper, die am Bühnenboden festpappten; ihr Partner Leon Woizikowski musste in Knickerbockern und Krawatte antreten. Chanel wurde dann nicht wieder engagiert.

Heute hat fast jeder namhafte Designer schon einmal eine Ballettkompanie eingekleidet, die Liste der Gastschneider reicht von Miuccia Prada über Jean Paul Gaultier, Azzedine Alaïa und Valentino bis hin zu (natürlich) Karl Lagerfeld. Auch die Kostüme für den Film "Black Swan" sind nicht in einer Theaterwerkstatt, sondern im Atelier des Labels Rodarte entstanden. Die Designer verfolgen dabei kaum kommerzielle Motive - am Ende bringt ein von Gigi Hadid auf Instagram gepostetes Blüschen mehr Aufmerksamkeit als 84 Kostüme auf der Bühne des Royal Ballet. Es geht eher um ein "Aufbrechen der Routine", wie Kriemler das nennt: "Neben den vielen Kollektionen brauchen mein Team und ich auch mal was anderes, eine neue Erfahrung, die inspiriert und beschwingt."

Das New York City Ballet hat die Kooperation mit Modemachern längst institutionalisiert: Seit 2012 wird die Ballett-Gala zur Eröffnung der neuen Spielzeit von Designern ausgestattet, in diesem Jahr waren Dries Van Noten, Narciso Rodriguez und Jason Wu an der Reihe. Modeleute schluchzen an solchen Abenden vor Ergriffenheit ins Gucci-Taschentuch, die Tanzkritik aber notiert naserümpfend jeden textilen Patzer: Wirkten die Ballerinen nicht wie ersoffen in ihren tülligen Valentino-Roben? Kippte der golden bestickte Rock von Sarah Burton nicht höchst unvorteilhaft zur Seite? Zu schweigen von Thom Brownes College-Jacken: "Sie warfen Falten und spannten sichtlich während der Pirouetten", schrieb die New York Times pikiert. Die Mode aber wäre nicht sie selbst, gäbe sie sich mit einem Gastauftritt zufrieden. Sie importiert die Bildsprache des Balletts auf ihre Laufstege, schwelgt in Rosé und schwingender Seide oder zeigt - siehe Valentino im Frühjahr - gleich das ganze Sortiment: Tutus, Wickeljacken, wollene Gelenkwärmer, nietenbesetzte Ballerinas.

Die Dezemberausgabe des britischen Magazins Town & Country.

(Foto: Town & Country)

Nicht zuletzt bedient man sich großzügig beim Personal. Die Star-Tänzerin Polina Semionova führt in Magazinen Couturekleider von Elie Saab vor - in Spitzenschuhen, versteht sich. Sergei Polunin, dessen Auftritt in Hoziers "Take me to Church"-Video schon 17 Millionen Menschen bestaunt haben, hat bei der New Yorker Fashion Week auf dem Laufsteg getanzt; bei Vogue und Numéro Homme ist er quasi Stammtänzer. Polunin kombiniert einen ausführlich tätowierten Körper mit dem elegischen Gesicht eines Saint-Laurent-Models und phänomenaler Sprungkraft. Das macht sich irre gut in Modestrecken. Stephen Galloway, der früher bei William Forsythe tanzte, ist gleich selbst unter die Designer gegangen und entwirft jetzt die Arbeitsgarderobe von Mick Jagger - einem der größten Bühnentänzer überhaupt.

Sie entschieden sich für eine Sinfonie von Rottönen, da es nun mal um die Liebe geht

Wenn Ballett und Mode sich wirklich aufeinander einlassen, kann ein Pas de deux dabei herauskommen, der einen umbläst. Bei "Turangalila" war es so: Designer und Choreograf trafen sich in Hamburg, sie tauschten ihre Gedanken aus zu Messiaens Musik, brüteten über Farbmustern und entschieden sich neben Schwarz und Weiß schließlich für eine Sinfonie von Rottönen, da es nun mal um die Liebe geht. Kriemler hatte drei Monate Zeit, um die Kleider zu entwerfen, mit denen Neumeier dann so einverstanden war, dass er die Bewegung der Stoffe in die Choreografie mit einbezog. Ein Glücksfall, denn normalerweise werden die Kostüme über ein fertiges Ballett praktisch drübergestülpt.

Abends sitzt man dann in der ausverkauften Staatsoper, und als das Orchester die ersten großen Dissonanzen in den Raum wirft und die großartigen Tänzer ihre Körper biegen, da weiß man wirklich sofort, was Kriemler gemeint hat, als er sagte, er wolle keine "Ballettkostüme" im Ballett. Die Kleider sind so klar und heutig wie alle seine Looks. Sweatshirts sind dabei und Jogginghosen, Hosenröcke aus schwer fallendem Viskosejersey und Seidenkleider in flackerndem Akris-Rot. Die Stoffe schränken die Bewegungen der Tänzer nicht ein, sie geben ihnen Fassung und Halt. So aufwühlend die Musik ist, so harmonisch und schwerelos ist diese Inszenierung. Man muss nicht gesehen haben, wie Neumeier und Kriemler hinterher plaudernd beisammenstehen, um zu wissen: Da haben sich zwei wirklich verstanden.