Illustrationen:Der schwarze Mann in der U-Bahn

Die südkoreanische Buchautorin Go Ye-sung will ihre Landsleute aufklären - mit antirassistischen Zeichnungen. Das finden längst nicht alle gut.

Von Thomas Hahn

An Manni mochte Go Ye-sung von Anfang an, dass er sich für Probleme interessierte. Sie lernte ihn an einem entspannten Abend im Seouler Stadtteil Gangnam kennen. Freunde hatten ihn in ein koreanisches Restaurant mitgebracht. Sie kamen ins Gespräch. Go Ye-sung erzählte von der südkoreanischen Machogesellschaft. Manni hörte zu und verstand. Er verrannte sich nicht in einfältigen Entschuldigungen. "Ich hatte das Gefühl, wir hatten eine gute Verbindung." Sie wurden ein Paar. Und dann lernte Go Ye-sung den Rassismus in ihrer Heimat kennen. Denn ein Umstand, den sie für keinen wichtigen Unterschied gehalten hatte, schien andere Landsleute zu überfordern: Nämlich dass Manni aus Ghana stammt und schwarz ist.

Den Rassismus im eigenen Land sieht man nicht gleich. Er wird erst deutlich, wenn jene davon erzählen, die ihn erleiden. So war es bei Go Ye-sung, 28, die unter ihrem Künstlernamen Yerong heute eine Zeichnerin für Menschenrechte ist, sogar eine Art moralische Instanz der jungen Generation Südkoreas. Ohne Manni, einen eingewanderten Medizin-Wissenschaftler, dessen richtigen Namen sie nicht sagt, wäre sie das vielleicht nicht geworden. Durch ihn erfuhr sie von den Vorurteilen und abschätzigen Blicken, denen Ausländer im Tigerstaat oft ausgesetzt sind. Go Ye-sung machte Cartoons daraus, veröffentlichte diese in sozialen Medien und bekam viel Applaus von Expats. So entstand ihr Buch "Ein schwarzer Mann saß neben mir in der U-Bahn", das sie kurz auf die Bestsellerliste und nachhaltig ins Gedächtnis von Medien und Menschenrechtsverteidigern brachte.

Illustrationen: Südkorea ist eine sehr homogene Gesellschaft, Menschen anderer Hautfarbe fallen auf und werden oft angestarrt: eine Zeichnung von Go Ye-sung.

Südkorea ist eine sehr homogene Gesellschaft, Menschen anderer Hautfarbe fallen auf und werden oft angestarrt: eine Zeichnung von Go Ye-sung.

(Foto: Yerong)

Sie gab schon Interviews für Sender wie BBC und CNN. Nimmt oft an Podiumsdiskussionen teil. Zuletzt hat sie für ein koreanisch-europäisches Zivilcourage-Projekt gezeichnet.

Go Ye-sung sitzt in einem Café in Suwon, einer Stadt im Speckgürtel Seouls. Sie hat über Textnachrichten geduldig den Weg geleitet und schon mal Kaffee bestellt. Sie ist wie ihr Buch: klug, klar, leise. Mit wenigen Strichen hat sie darin Südkoreas Alltag der Diskriminierungen ausgeleuchtet. "Wenn ich mehr Details zeichnen würde, würde die wichtigste Botschaft übersehen." Hautfarben und Geschlechtsmerkmale lässt sie weg. Yerongs Welt ist neutral. Sie erhebt auch keine Anklagen - ihr reichen Gedanken und Witz, um das Misstrauen gegen alles Fremde bloßzustellen. Die Leute sollen verstehen, nicht wütend werden. Denn der Kern des Übels ist aus Go Ye-sungs Sicht nicht Bosheit: "Es ist Unwissen", sagt sie, "Südkorea ist zu schnell gewachsen. Die Bildung ist nicht mitgewachsen."

Illustrationen: Yerong ist ihr Künstlername: Go Ye-sung.

Yerong ist ihr Künstlername: Go Ye-sung.

(Foto: Yerong)

Rassismus gibt es überall, Südkorea ist keine Ausnahme. Aber in wenigen Ländern ist die Gesellschaft so homogen wie dort. Südkoreanerinnen und Südkoreaner haben das Land binnen weniger Jahrzehnte aus bitterer Armut zu einem brummenden Wirtschaftsstandort entwickelt. Heute leben nach Regierungsdaten von 2020 etwas mehr als 2,5 Millionen ausländische Menschen dort, knapp fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Die meisten kommen aus China, die größte nichtasiatische Gruppe stammt aus den USA. Tendenz? Steigend. Südkoreas Gesellschaft schrumpft, Arbeitskräfte aus anderen Ländern werden gebraucht. Gleichzeitig gibt es in Südkorea besser bezahlte Jobs als etwa in Vietnam oder auf den Philippinen. Auf der Webseite des staatlichen Korea-Immigrationsdienstes schreibt Kommissar Cha Gyu-geun: "Wir bemühen uns sehr darum, eine Gesellschaft zu erschaffen, welche die Vielfalt hochhält."

Dass ihr Freund aus Ghana Wissenschaftler ist, finden viele Koreaner erstaunlich

Aber Südkorea ist eben noch eine junge Demokratie. Der Mainstream ist konservativ und glaubt an die Kraft des Gewohnten. Die Politik verführt das manchmal zu anfechtbaren Entscheidungen. Nach Cluster-Infektionen unter Ausländern mit dem Coronavirus verhängten manche Verwaltungen im März Pflichttests für alle ausländischen Angestellten; die Stadt Seoul schaffte diese wegen menschenrechtlicher Bedenken wieder ab, die Nachbarprovinz Gyeonggi nicht. Und viele koreanische Normalbürger betrachten vor allem schwarze Menschen mit übergriffiger Neugier, unterstellen ihnen geringe Bildung oder Armut. "Manni wurde schon gefragt, ob sein Stuhlgang schwarz sei", sagt Go Ye-sung, "Leute wollten seine Haare und seine Haut berühren." Andere Schwarze haben ihr Ähnliches berichtet. Sie selbst traf auf ungläubiges Staunen, wenn sie erzählte, ihr Freund aus Ghana sei Wissenschaftler. Und sie musste sich anhören, nach der Beziehung mit einem Schwarzafrikaner sei sie "verloren" für eine Beziehung mit Landsleuten.

Go Ye-sung hat schon lange ein Problem mit gesellschaftlichen Normen. Sie wuchs unter dem Joch des südkoreanischen Schönheitsideals auf, ließ sich wie viele junge Frauen mit 19 in einer Standard-Schönheitsoperation die Mandelaugen weiten und musste sich später von ihrem damaligen Freund anhören lassen, sie sei zu dick. "Ich habe den Druck gespürt." Sie arbeitete als Erzieherin im Kindergarten und hatte den Kampf gegen das anmaßende Frauenbild aufgenommen, als sie Manni traf. Heute kämpft sie gegen gesellschaftlichen Druck jeder Art. Gegen die Diskriminierung von Ausländern, von sexuellen Minderheiten, von Menschen mit Behinderung. "Viele Koreaner denken, dass sich Minderheiten immer der Mehrheit anpassen müssen", sagt sie. "Sie sehen nicht, warum man auf deren Rechte aufpassen muss." Sie hat gemerkt, dass sie mit ihrem Zeichentalent etwas dagegen tun kann. Deshalb ist sie jetzt nicht mehr Erzieherin im Kindergarten.

Nicht alle schätzen ihren Einsatz. "Immer noch texten mir Koreaner, meine Geschichten seien Fake, ich solle doch gehen, wenn ich Korea nicht mag." Anfangs antwortete Go Ye-sung - gerade weil sie Korea mag, will sie doch die Gleichstellung. Aber sie rieb sich auf, bekam eine Panikattacke, musste runterkommen. "Jetzt lasse ich diese Leute gehen", sagt Go Ye-sung, "ich habe wichtigere Probleme anzugehen." Zum Beispiel will sie dafür werben, dass Südkorea der Empfehlung der Vereinten Nationen folgt und ein Anti-Diskriminierungsgesetz erlässt.

Und was macht Manni? Go Ye-sung ist nicht mehr mit ihm zusammen, zumindest nicht im richtigen Leben. Ihr Buch endet damit, dass sie Hand in Hand auf einer Blumenwiese liegen, die Augen geschlossen, lächelnd. Manni aus Ghana wird für immer der Mensch bleiben, der Go Ye-sungs Leben verändert hat.

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