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Streber als Ikonen:Sieg für den Geek

Beauty & the Nerd

Vom Außenseiter zur Stilikone: Nerds, wie hier in der Reality-TV-Serie "Beauty and the Geek".

(Foto: ProSieben/Charlie Sperring)

Der "Geek" ist einem Wörterbuch-Verlag zufolge das Wort des Jahres und damit endgültig im Mainstream angekommen. Ein Geek zu sein, ist hip. Technik-Streber brauchen in der Schule keine Angst mehr zu haben, im Gegenteil: zugeknöpfte Karohemden zu Krempel-Jeans sind schick statt peinlich.

Ein Phänomen, ob Subkultur oder Jugendsprache, hat es dann in die Mitte der Gesellschaft geschafft, wenn auch die Redakteure der Wörterbuch-Verlage den Begriff wahrnehmen, intensiv prüfen, für würdig erachten und schließlich aufnehmen in den ehrwürdigen Kanon der Sprache. Der Verlag des britischen Collins Dictionary, neben den Wörterbüchern aus Oxford der bedeutendste Herausgeber, hat das Wort "Geek" jetzt zum Wort des Jahres gekürt und in der Online-Edition des Nachschlagewerks die Wortbedeutung ergänzt. Ein Ritterschlag für alle Technik-Streber und Computerfreaks, denen im englischsprachigen Raum auf Schulhöfen und an der Uni lange Zeit ziemlich abfällig ein "Geek" hinterhergerufen wurde.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Aus der Beschimpfung ist Anerkennung geworden. Mittlerweile bezeichnen sich sogar adrette Modemädchen mit eigenen Blogs als Geeks, weil sie sich leidenschaftlich ihrem Hobby widmen und täglich jedes Outfit aus jedem Winkel fotografieren, posten und diskutieren. Die Redakteure wählten "Geek" wegen dieses Wandels aus und änderten die Wortbedeutung von "jemandem, der sich vor allem mit Computern beschäftigt" hin zu "eine Person, die sich sehr enthusiastisch und kenntnisreich mit einem Thema befasst".

Streber-Chic für die Massen

Neben der geeky Eigenschaft, für etwas zu brennen, ist auch der Kleidungsstil der früher verlachten Streber im Mode-Mainstream angekommen. Zugeknöpfte enge Hemden, Hornbrille und Hochwasserhosen gehören wie übergroße Strickjacken und Pullis mit Ellenbogenflicken mittlerweile zum Standard-Look auf Modeblogs und in den In-Vierteln der Großstädte. Wer gute Augen hat, trägt Brille mit Fensterglas.

Um sich als Fashion-Geek von der Masse abzusetzen, müssen es dann schon High Heels mit Manga-Muster oder ein Star-Wars-Kostüm sein. Wichtiger für all die Geeks da draußen dürften folglich die ergänzten Wortbedeutungen sein: Der Hype um den oft ironisch gepflegten Modestil schlägt sich nieder, denn "geekery", "geek chic" und "geekdom" werden von nun an ebenfalls im Wörterbuch aufgeführt.

"Die Idee, dass künftige Generationen die positivere Definition des Wortes 'Geek' übernehmen, ist ein Grund zu feiern", sagte Collins-Redakteur Ian Brookes, der sich selbst als Wort-Geek bezeichnet, dem britischen Guardian. Der Wandel zeige, dass Spezialwissen nicht länger einen negativen Touch habe und Technik im Alltag angekommen sei. Und das nur zehn Jahre, nachdem Künstler wie André 3000 von OutKast oder der Erfolgsproduzent Pharrell Williams von Musikjournalisten als Geeks des Hip Hops gefeiert wurden.

Pharrell Williams, geeky Erfolgsproduzent

André 3000 und Pharrell Williams standen zu Beginn des Jahrtausends für eine neue Generation von Hip Hop-Musikern, die mit der üblichen Gangster-Attitüde wenig zu tun hatten. Sie galten als schwarze, belesene Nerds, die ihre Liebe zu Science Fiction und weißem Rock 'n' Roll auslebten. Williams kokettiert mit den Klischees der Branche, stilisiert sich als Außenseiter mit schwarzer Kastenbrille und nannte sogar seine Band N.E.R.D. Die Hip-Hop-Coolness kommt dann in der Wortauflösung: das Akronym steht für "No one ever really dies".

OutKast widmete dem Sieg des Geek mit "Roses" sogar ein ganzes Musikvideo. Die Schulrambos prügeln sich in der Aula, die Außenseiter in Strickjacken und Hochwasserhosen gewinnen das beliebteste Mädchen für sich. Spätestens seit der US-Sitcom "The Big Bang Theory" ist der Geek im Geschmack der Massen angekommen. Die Erfolgsserie um vier Wissenschaftler und deren Herausforderungen im ganz normalen Alltag läuft in den USA seit sechs Jahren und wird mittlerweile in 50 Ländern ausgestrahlt. Der Geek mag in der Mode und im Wörterbuch angekommen sein. Ob das auch die Hackordnung auf den Schulhöfen verändert, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt.