Stilkritik Vorsicht, Spaßstrumpf

Fastenbrechen plus Gay-Parade? Kanadas Premier Justin Trudeau bekommt alles auf eine Socke.

(Foto: Canadian Press/Rex/Shutterstock)

Als Botschafter des schlechten Geschmacks sind Männer mit lustigen Strümpfen unschlagbar. Auch der ein oder andere Politiker sendet mit ihnen Signale.

Von Quentin Lichtblau

Wer in den Neunzigerjahren jemals das Glück hatte, dem Firmenfest eines Kleinunternehmens beizuwohnen, sollte das Prinzip eigentlich kennen: Der Chef, auch bei 30 Grad im Nadelstreifen, ist heute mal locker drauf. Die erste Bratwurst wendet er sogar noch selbst, dann hüpft er von Tisch zu Tisch, bisschen plaudern. Um dabei einen Kumpeleinstieg zu finden, hat er sich zuvor das Accessoire aus der Hölle um den Hals gebunden: Die "lustige" Krawatte, bedruckt mit Fischen, Tetrismuster oder, Schlimmstfall, dem durch geschmacksbefreite Farbgebung entstellten Firmenlogo. Wer nun jemals ein solches Objekt vor sich baumeln gesehen und um Worte oder auch nur ein gestelltes Lachen aus den Untiefen seiner Verunsicherung gerungen hat, der weiß: Der Gipfel der Spießigkeit ist der ironische Bruch mit ihr selbst.

Peter Altmaier trug im Fernsehstudio lila Krawatte zur lila Socke. Wie fesch!

Die lustige Krawatte ist mittlerweile Geschichte, der Chef möglicherweise auch. Aber mit Günter Grass gesprochen ist es mit der Geschichte, und leider eben auch mit der Mode, wie bei einem verstopften Klo: Man spült und spült, die Scheiße kommt trotzdem hoch - womit nun weiß Gott nicht der Chef gemeint ist, sondern der Hang dazu, die maximalkonforme Anzug-Uniform durch ein Stück Stillosigkeit zu veredeln. Heutzutage trägt der Mann ohne Eigenschaften dieses aber nicht mehr um den Hals, sondern am Fuß. Kaum war die lustige Krawatte ein Gegenstand von Hohn und Spott geworden, kam der knallbunte Nachfolger mit voller Wucht nach oben gejagt: Hallihallo, ich bin's, die "lustige" Socke!

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Begonnen hat hierzulande alles vor etwa zwei Jahren mit bunten Socken an den Füßen von Charmebolzen wie Peter Altmaier, in seinem Fall lila und kombiniert mit einer ebenso lilafarbenen Krawatte bei Günther Jauch. Übergangsphase sozusagen, und wenigstens einfarbig. Zeitungen fanden das im Falle der Krawatte "mutig", die Socken "noch mutiger" - die Show gehörte ihm.

Was für eine Motivauswahl: Grinsende Fratzen, mürrische Katzen, skelettierte Stinkefinger

In der Folgezeit ließ sich beobachten, wie immer mehr Menschen sich an immer "mutigeren" Experimenten in der Knöchelgegend versuchten, darunter hauptsächlich Männer, deren einziger Farbklecks im Lebensplan bisher im Grün des gestutzten Vorgartenrasens zu verorten war. Ein Unternehmen aus Schweden hat daraus ein Geschäftsmodell entwickelt, es begann damit, seine "happy socks" im Sechserpack an den Mann in der Stil-, Quarter- oder Midlife-Crisis zu bringen. Seitdem sieht man immer mehr Männer mit sinnfreien Sprüchen an den Sohlen: "If you can read this", sagt der eine Fuß, "bring me a beer", sagt der andere. Grinsende Fratzen, mürrische Katzen, skelettierte Stinkefinger: Die Auswahl steckt knöcheltief im Klischee.

Der Mechanismus, über den hier die vermeintliche Lustigkeit entstehen soll, entspricht etwa dem von kopulierenden Vorgartenzwergen: Ihr denkt vielleicht, ich bin ein Langweiler geworden, aber hey, würde ich dann solche Socken tragen? Die ehrliche Antwort lautet, und das ist das Traurige: Ja, eben deshalb! Auf den durch und durch marktkonformen Konsum-Menschen wirken die Socken vielleicht wie ein Fashion-Statement gegen den monochromen Alltag aus Büro, Fitnessstudio und Flatscreen-TV. In Wirklichkeit ist die dadurch zum Ausdruck gebrachte Unangepasstheit in etwa so wild wie der Firmenausflug im Hochseilgarten - nicht mehr als domestizierte Simulation. So plump wie die Stripperin beim Junggesellenabschied. Und, in aller Klarheit: Nicht. Witzig.

Von dieser Lehre sind die Spaßstrumpfmänner allerdings weit entfernt. Schließlich erhalten sie am Ende meist noch die gewünschte Bestätigung. "Das sind ja witzige Socken!" fällt im Zweifelsfall eben doch leichter, als ihrem farblosen Träger die Wahrheit zu sagen.

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Ähnlich dürfte es Angela Merkel ergangen sein, deren Desinteresse an Äußerlichkeiten dankenswerterweise keiner Brechung bedarf. Beim Nato-Gipfel traf sie auf den kanadischen Premier Justin Trudeau, der sich für einen Spaßstrumpf nie zu schade ist. Und wie es die Sockenmänner nun mal zu tun verpflichtet sind, zeigte er ihr und der Weltpresse seine neueste Errungenschaft. Dass er sich dabei im Fahrwasser stilistisch nicht ganz treffsicherer Kleinunternehmer bewegte, war ihm vielleicht gar nicht bewusst. Die unbeabsichtigte Hommage hätte passender nicht sein können: Eine in Schweinchenrosa und Babyblau gehaltene Nato-Kompass-Rose.

Trudeau betreibt die Sockenschau übrigens mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit. Bei innenpolitisch relevanten Gelegenheiten gern genommen: der patriotische Strumpf mit Ahorn-Muster. Zur Gay-Pride-Parade in Toronto musste es ein geringeltes Regenbogenmodell sein. Dass am selben Tag der Ramadan endete, ist für einen wie Trudeau kein Problem. "Eid Mubarak", die Formel zum Fastenbrechen, stand auch noch auf den Socken. Der traut sich was.