Süddeutsche Zeitung

Stilkolumne "Ladies & Gentlemen":Tiefpunkte der Oberbekleidung

Krampfhafte Manschetten an puffigen Ärmeln oder eine Merkel-Kette: Was anziehen bei Jauch und Co.? Politiker bleiben einfach in ihrem Bundestags-Look - für alle anderen Talkshowgäste ist diese Frage offensichtlich ein Dilemma.

Für alles gibt es einen Dresscode, aber nicht für Talkshows. Die Anzieh-Frage stellt nur für Langeweile-Talker kein Problem dar: Ich bleib so, wie ich bin, sagen sich Politiker und fallen vom Bundestag frohen Mutes in den nächsten Stuhl, die nächste Phrasendrescher-Runde. Für alle anderen bedeutet die Einladung den modischen Höllenritt. Schließlich ist noch nie definiert worden, worum es beim Outfit für den Polit-Talk geht: Seriösität? Volksnähe? Fernsehstar-Allüre?

Für den weiblichen Gast wiegt das Dilemma doppelt. Wagt sie einen zu tiefen Ausschnitt, muss sie jede Menge Altherrenwitze über sich ergehen lassen. Kommt sie hochgeschlossen, ist sie für die Nation eine verklemmte Kuh.

Der einzige Grund, letzte Woche Jauch zu schauen, war Juli Zeh. Die promovierte Völkerrechtlerin kann bekanntlich alles, Psychothriller schreiben, öffentliche Debatten anstoßen und Schlipsträgerrunden mit ihren Gedanken adeln, kurz, sie ist blitzgescheit. Nur sich anziehen, das kann sie nicht. Die Vermutung liegt nahe, dass sie es noch nie versucht hat, aus guten Gründen.

Das wäre wirklich zu viel des Guten

Man stelle sich vor: ein weibliches Superbrain in einem Super-Chanelkleid! Deutschland stünde kopf, denn das wäre ja wirklich zu viel des Guten. Und so griff Juli Zeh seufzend zu einer Bluse, die über dem Busen spannte, sie warf sich eine Merkel-Kette um den Hals und steckte die Hosen in riesige Stiefel. Ein Durchschnitts-Fußgängerzonen-Outfit, die optimale Tarnkappe für eine Ausnahmeerscheinung.

Aus der Fashion-Perspektive führt das alles zum bitteren Fazit: blitzgescheit sein bringt einen hierzulande auch nicht weiter - jedenfalls nicht zu Prada-Klamotten und so.

(Julia Werner)

Bitte mehr innere Komik

Den zentralen Satz zum Thema Künstlergarderobe hat Thomas Mann seinem Tonio Kröger in den Mund gelegt: "Man ist als Künstler innerlich immer Abenteurer genug. Äußerlich soll man sich gut anziehen, zum Teufel, und sich benehmen wie ein anständiger Mensch." Das zielte seinerzeit in Richtung der verkommenen Kaffeehaus-Bohèmiens.

Nun stand der Possenreißer Ingo Appelt noch nie im Verdacht, ein Bohèmien zu sein. Aber Clown hin oder her, so sitzt man nicht in einer Talkshow, so sitzt man überhaupt nicht öffentlich. Dieses Hemd ist der Tiefpunkt der Oberbekleidung. Ist das Seersucker-Stoff? Das würde den Verdacht bestätigen, dass dafür ein alter Bettbezug aus den Neunzigerjahren umgearbeitet wurde. Allerdings ohne größere Korrekturen in der Passform.

Es muss nicht alles tailliert sein, aber ein Hemd, das unten doppelt so breit ist wie oben, taugt allenfalls als OP-Kittel. Falls es sich nicht um grässlichen Seersucker, sondern um Leinen mit dezenter Rüschenapplikation handeln sollte - ohne Worte. Dann: der Kragen! Weich ist er, lasch, nicht existent. Derlei lässt sich allenfalls weit offen tragen und auch nur in einer Touristenhochburg. Hier aber ist das Hemd gänzlich zweckentfremdet, mit seinem zuoberst geschlossenen Knopf und den krampfhaften Manschetten an den puffigen Ärmeln.

Jeder Missgriff eine Pointe

Von der Farbrolle, die vor Sendungsbeginn noch drüber walzte, und der albernen Uhr auf dem Handrücken soll geschwiegen sein. Nun ist Appelt Komiker und vermutlich gewöhnt, dass ihm jeder Missgriff wohlwollend als Pointe ausgelegt wird.

Im Sinne Tonio Krögers möchte man aber doch in Zukunft um mehr innere Komik bitten.

(Max Scharnigg)

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Quelle:
SZ vom 31.05.2014/feko
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