Süddeutsche Zeitung

Haben und Sein:Von draußen nach drinnen

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Eine schlichte Schale aus Kiefernholz, ein edles Parfüm aus Efeu und Johannisbeer und eine Kühlbox für den Hobbyangler: die Stil-News der Woche

Von Anne Goebel, Julia Rothhaas, Max Scharnigg und Silke Wichert

Schlanke Nadeln, wohlgeformte Zapfen: Kein Wunder, dass die Kiefer zu den wichtigsten Wald- und Wirtschaftsbaumarten in Deutschland gehört. Lange galt das Holz bei den Möbelherstellern als gut, stabil, preisgünstig, dann hatten sich alle daran satt gesehen. Seit ein paar Jahren taucht die Kiefer wieder auf, das finnische Label Vaarnii will das weiche Holz nun erneut salonfähig machen. Für ihre erste Möbel- und Homeware-Kollektion "Brutally Finnish", die sie im September auf dem London Design Festival präsentieren, baten sie zehn Designerinnen und Designer, Tische, Schalen und Wandhaken zu gestalten. Einzige Bedingung: Muss aus Kiefernholz sein. Herausgekommen ist schlichtes, aber raffiniertes Design (vaarnii.com).

Nicht nur Campingköche, sondern auch Angler stehen im Sommer regelmäßig vor einem logistischen Problem: Wie bei warmen Temperaturen den Tag auf See oder Meer verbringen, aber gleichzeitig die Beute sicher und kühl lagern? Die Gründer der Firma Yeti sind zwei begeisterte Meeresangler aus Texas und waren eines Tages mit den herkömmlichen Kühlboxen für ihre Trips nicht zufrieden - entweder hatten sie zu wenig zuverlässige Kühlleistung bei praller Sonne auf dem Boot, oder waren nicht geeignet für den Alltag zwischen Pick-up-Ladefläche und Felsenufer. Also entwickelten sie 2006 Kühlboxen für den harten Einsatz, die beinahe über Nacht zu den Lieblingen der Outdoor-Szene avancierten. Kein Wunder, in Größe, Stabilität und Preis (die größten kosten fast 1000 Euro) markiert eine Yeti Tundra seitdem das obere Ende dessen, was für eine Kühlbox ohne Stromanschluss möglich ist - aber eben auch in der Leistung. Tagelanges Kühlhalten ist mit den Boxen kein Problem, sogar Eiswürfel kann man sich das ganze Festivalwochenende über einfach aus der Box holen. Möglich machen das armdicke Isolationskammern, eine Dichtung, die an den heimischen Gefrierschrank erinnert, und ein patentiertes Verschlusssystem - das übrigens auch bärensicher ist. Lange musste man sich die Superboxen mühsam aus den USA importieren, mittlerweile gibt es auch einen Vertrieb in Europa inklusive Online-Shop. Dass man diese überaus ernsthaften Kühlboxen nicht nur im semi-professionellen Einsatz sieht, sondern auch immer häufiger in Conceptstores und bei Lifestyle-Ausstattern, hängt wohl mit dem gefälligen Design und den zahlreichen Farben zusammen, in denen die Kühlboxen erhältlich sind. Inzwischen gibt es auch handliche und mobile Modelle, für Länder ohne Pick-Up-Kultur. Und seit Neuestem hat die Firma ihre Palette auch noch um andere schlicht-robuste Outdoor-Helfer erweitert, zum Beispiel einen unzerstörbaren Eimer. Auch sowas, das Angler immer brauchen (yeti.com).

Die Mode ist im Instagram-Zeitalter viel weniger geheimnisvoll im Vergleich zu früher, als Figuren wie Christian Dior oder Yves Saint Laurent die Rolle der scheuen Genies spielten. Heute ist das Mysteriöse den Parfumeuren vorbehalten. Die Berühmten unter ihnen geben sich immer noch gern die Aura eines im Verborgenen werkelnden Zauberers, man nennt sie dann eine brillante "Nase". Spätestens seit der Verfilmung von Patrick Süskinds Bestseller "Das Parfum" von 2006 fasziniert die Gabe eines außergewöhnlichen Geruchssinns auch das breite Publikum. Die Münchner Produktionsfirma Constantin arbeitet für Netflix gerade erneut an einem Streifen mit Motiven aus dem Roman, er soll "Der Parfumeur" heißen. Zu den Größen seines Fachs zählt Antoine Lie; der Franzose hat für Häuser wie Versace und Armani gearbeitet und danach als freischaffender Aromakünstler den lukrativen Markt der Nischendüfte mitgeprägt. Natürlich ist so jemand nicht für ein beliebiges Projekt zu haben, aber für eine der ältesten Manufakturen der Welt durchaus. Cire Trudon, Pariser Kerzenzieher seit 1643 und heutzutage weltweit erfolgreich mit luxuriösen Duftkerzen, hat seit vier Jahren Parfums im Sortiment. Für die neue Kreation Aphélie zeichnet Lie verantwortlich. Eine goldgeprägte Verpackung mit dem Motiv einer Dame im Mondlicht sowie der schwere Glasflakon sind Teil der edlen Aufmachung. Der Duft selbst ist komponiert aus Rosenessenz, Efeu, schwarzer Johannisbeerknospe und Tonkabohne, was allein schon wie ein kostbares Gedicht klingt. Ist in diesem Fall durchaus wörtlich zu verstehen (100ml für 180 Euro, trudon.com).

Vor gut einem Jahr sprachen alle noch von einer dramatischen Corona-Delle im Luxusmarkt, von der sich die meisten nicht so schnell erholen würden, jetzt klingen die Prognosen schon deutlich positiver. Gerade ist die alljährliche Studie der Boston Consulting Group (BCG) in Zusammenarbeit mit der Fondazione Altagamma erschienen, bei der 12.000 Luxuskonsumenten weltweit befragt wurden. Wichtigstes Ergebnis: Bereits 2022 wird mit einer vollständigen Erholung auf Vor-Corona-Niveau gerechnet. Angekurbelt soll das Wachstum ausnahmsweise nicht nur von den Chinesen, sondern überraschend stark von den US-Amerikanern, mit freundlicher Unterstützung der Biden-Wirtschaftspolitik. "Americans are back!", heißt es in dem Papier, weil deren Ausgaben im Inland um rund 7,7 Prozent steigen sollen. Vor allem die Super-Reichen haben offensichtlich starken Nachholbedarf. Ebenfalls optimistisch in Bezug auf ihre Zukunftsausgaben äußern sich die Millennials sowie die Generation Z, die bis 2025 rund 60 Prozent der Luxuskonsumenten ausmachen. Sie dürften auch diejenigen sein, die das virtuelle Segment weiter vorantreiben: Immer häufiger bezahlen sie im Gaming-Bereich für reine Online-Accessoires von Luxusmarken.

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