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Innenarchitektur im Chiemgau:Schicke Scheune

Wo Stephanie Thatenhorst früher im Heu spielte, befindet sich heute ihr Ferienhaus. Die Innenarchitektin hat in der Chiemgauer Scheune alles der Ästhetik untergeordnet, jetzt wurde sie ausgezeichnet.

Mit den Folgen ihrer Sturköpfigkeit muss Stephanie Thatenhorst vor allem am Wochenende leben. Zum Beispiel, wenn sie in ihrem Ferienhaus den Kamin anmacht und danach der Rauchgeruch in der Luft hängt. Oder sie den Besuch, der an der Haustüre klopft, mal wieder nicht hört. Oder sie in der Badewanne liegt, und das Wasser kalt wird. Denn eine Scheibe vor dem Kamin? Eine Türklingel? Eine Wanne, von der aus sie heißes Wasser nachlassen kann, ohne Mann oder Söhne zu rufen? Gibt es hier nicht. Grobe Planungsfehler könnte man meinen, aber Thatenhorst schüttelt den Kopf. "Ich wollte das alles genau so", sagt sie und lacht, wenn sie von langen Diskussionen mit den Handwerkern oder ihrem Vater erzählt, der sich wiederholt vergewisserte: "Und mit der Klingel, da bist du dir ganz sicher?"

Ja, ganz sicher. Eine echte Scheune hat nun mal keine Klingel, eine echte Feuerstelle keine Scheibe davor. Und eine Mischbatterie an der freistehenden Badewanne von Aquamass hätte das Auge gestört. Zumindest das von Stephanie Thatenhorst.

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Anders als die meisten ihrer Kunden hat sie in ihrem Ferienhaus alles der Ästhetik untergeordnet. Vielleicht ist es deshalb auch kein Zufall, dass - wie bereits im vergangenen Jahr - auch der diesjährige "Best of Interior"-Award des Callwey-Verlags an eine Innenarchitektin geht, die ihre eigenen vier Wände gestaltet hat.

Lange hatten Thatenhorst und ihr Mann Markus, ein bekannter Münchner Gastronom, nach der Geburt der beiden Söhne nach einem Wochenendhaus im Chiemgau gesucht. In der Gegend also, in der die 41-Jährige auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. Heute führt ihre Schwester den Hof. Doch die Suche gestaltete sich schwierig, alte Bauernhäuser mit kleinen Fenstern kamen für die Architektin nie in Frage. "Wir hatten eigentlich schon aufgegeben", erzählt sie in ihrem Büro in München.

Da kam plötzlich ihr Vater mit dem Angebot auf sie zu, einen Teil des Heulagers auf dem Hof auszubauen. Ein "Sechser im Lotto", Thatenhorst schlug sofort zu. Behutsam säuberte sie die eingestaubten Dachbalken, von denen sie als Kind ins Heu gesprungen war. Aus den Dielen ließ sie eine Treppe ins Obergeschoss bauen, alle Wände mit Lehm verputzen, auch die im Bad. Für den Boden wählte sie einen "besseren Garagenboden", einen rudimentären Estrich. "Bis zuletzt wurde ich gefragt, wann denn der richtige Boden kommt." Aber sie liebe nun mal das Unperfekte.

Stephanie Thatenhorst: Siegerin Interior Awards

Inszeniert modernes Landleben: Stephanie Thatenhorst.

(Foto: Kerstin Weidemeyer)

Ihr Ziel: auf keinen Fall Jodelhütte oder Chalet-Schick. Von der Hülle wollte sie zwar so viel wie möglich erhalten, aber diese mit einer "ordentlichen Portion Zeitgeist" kombinieren. Einige Möbelstücke waren deshalb von vornherein gesetzt, etwa der Waschtisch von Altamarea oder die riesige Lampe über dem Esstisch des Mailänder Designerpaares Dimore. Ihr Mann, leidenschaftlicher Koch, wünschte sich zudem eine große Küche. Für Thatenhorst außerdem immer ganz wichtig: Farbe, am besten sehr bunt. Oft kombiniert sie diese mit Erd- und Naturtönen. Das seien, sagt Thatenhorst, die zwei Seiten in ihr, die da zum Ausdruck kämen. Sie gestaltet Häuser, Restaurants und Hotels in Michigan, Wien oder der Toscana, "aber wenn ich mit dem Auto auf den Hof fahre, bin ich das Bauernmädel von früher".

An ihrem Werdegang nicht ganz unschuldig ist ihr australischer Gastvater. Nach dem Abitur zog es Thatenhorst hinaus in die Welt, unter anderem lebte sie als Au Pair in Sydney. Ihr Gastvater, Architekt von Beruf, nahm sie hin und wieder mit auf seine Baustellen. Als sie zwei Jahren später zurück in die Heimat kehrte, wollte sie Innenarchitektur in Rosenheim studieren. Doch sie bestand die Aufnahmeprüfung nicht, stattdessen studierte sie Architektur in München. "Heute bin ich dafür sehr dankbar, denn ich kann Räume von außen nach innen denken."

Während des Studiums lernte sie ihren Mann kennen, der damals in München bereits ein Restaurant betrieb. Als er mit seinem Bruder eine Bar in Schwabing eröffnete, übernahm sie die Gestaltung. Schnell zeigte sich, dass das Duo Gastronom/Architektin perfekt war, es folgten eine Trattoria, Bars und Cafés. Vor fünf Jahren machte sich Stephanie Thatenhorst selbständig. Inzwischen hat sie gegenüber ihrer Wohnung ein Büro, zehn Mitarbeiter und ein riesiges Materiallager. Überall stapeln sich Stoffe, Fliesen, Griffe und Tapetenmuster. Je mutiger der Mix, desto besser.

Gibt es auch etwas, das ihr nicht in die Wohnung kommt? "Ein Fernseher. Da kannst du den schönsten Raum gestalten, und am Ende haut der Bauherr einen riesigen Bildschirm rein, schrecklich." Lieber arbeitet sie mit Beamern. Überhaupt versucht sie, alles Technische so gut wie möglich zu verstecken, zum Beispiel mit Unterputzlautsprechern. Oder zumindest sehr sparsam zu verwenden. Lichtschalter und Steckdosen sind in der Scheune daher ein rares Gut.

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