Süddeutsche Zeitung

Ladies & Gentlemen:Sport und Haare

Bei der Leichtathletik-WM in Budapest gibt es sportliche Höchstleistung zu sehen, aber auch kuriose Einzelleistungen. Sieger in den Disziplinen Frisur und Bart: Sprinterin Shelly-Ann Fraser-Pryce und Hochspringer Gianmarco Tamberi.

Von Max Scharnigg und Julia Werner

Für sie: Volle Länge

Leider hat die erfolgreichste Sprinterin aller Zeiten den Titel über die Hundert-Meter-Distanz bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften nicht gewonnen. Dafür aber wie immer den Hair Contest. Shelly-Ann Fraser-Pryce trug in Budapest mal wieder alle möglichen Regenbogenfarben auf dem Kopf, hier sehen wir sie beim ersten Sprint, mit Haaren in flammendem Orange, das an den Spitzen in Barbie-Pink übergeht. Die Jamaikanerin nimmt immer einen Haufen stets neu eingefärbter Perücken mit auf Wettbewerbe, weswegen sie im letzten Jahr mitten im Rennen ihre Haarpracht richten musste, weil die Pracht wegzufliegen drohte, was bei dem Tempo an sich schon eine Leistung ist. Aber man muss zugeben: wenn sie läuft und ihre Mähne im eigenen Windkanal flattert, dann sieht das einfach toll aus. Geht doch um Sport und nicht um Äußerlichkeiten, werden jetzt wieder viele sagen. Falscher Ansatz, um mal im Haar-Jargon zu bleiben, Äußerlichkeiten sind nichts anderes als die Rüstung für ein inneres Gefühl, das jede Frau zum Gewinnen braucht. Fraser-Pryce hat dem britischen Boulevardblatt Mirror im Interview gesagt, sie habe die Gewohnheit von ihrer Mutter, die zu wichtigen Job-Anlässen auch immer eine besondere Perücke trug. Wenn sie eine aufsetze, sei es, als würde sie erst in ihre Rolle schlüpfen, Perücken seien ihre Superpower. Und es stimmt: Seit Phoebe Waller-Bridges legendärem Friseur-Monolog in der Serie "Fleabag" wissen wir, dass Haare über einen guten oder einen schlechten Tag, ja über ein ganzes Leben entscheiden. Er endet mit: "Haare sind alles!" Sehen wir ganz genauso, egal ob echt oder falsch.

Für ihn: Halbe Sache

Hochspringer gehören tendenziell zu den Exzentrikern unter den Leichtathleten. Das bringt vielleicht der Traum vom Fliegen so mit sich. Der neue Weltmeister Gianmarco Tamberi präsentiert sich in diesem Sinne seit Jahren bei wichtigen Wettkämpfen mit einem hälftigen Gesichtsbart. Links dicht bewaldet, rechts babyglatt rasiert, Nase und Kinnspitze als Grenzlinie. Dieser Look wirkt auf den ersten Blick nicht allzu dynamisch oder gar cool, sondern wie das Ergebnis der verzweifelten Suche nach einem Markenzeichen, das bleibendem Eindruck hinterlässt, aber auch nicht zu große Opfer erfordert. Andererseits passt so eine klare Halbierung natürlich gut zu einem Sport, bei dem sich alles strengstens um eine Grenzlatte dreht. Es wäre also durchaus vorstellbar, dass bei Hochspringern in der Phase der höchsten Konzentration die ganze Welt von so einer imaginären Linie durchzogen ist. Natürlich ist Tamberi nicht der einzige Mann mit einem "half beard", das Netz spuckt sogar unangenehm viele halbierte Voll- und Schnauzbärte aus. Die meisten davon sind entstanden, um Aufmerksamkeit für einen guten Zweck zu erzeugen, oder sind das Resultat einer verlorenen Wette, also im Volkssinne ziemlich große Opfer. Man sollte in diesen Zeiten nichts ausschließen, aber ein Beauty-Trend wird aus dem Halbbart deshalb wohl in absehbarer Zeit nicht werden. Symmetrie mag nur die Schönheit der Dummen sein, aber eine derartig manierierte Trennung von Ost- und Westhälfte des Gesichts ist weder ästhetisch noch provokativ, sondern einfach nur clownesk. Aber wenn's beim Fliegen hilft...

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