ModeDer Neue von Jil Sander

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Erst bei Bally, jetzt bei Jil Sander: Simone Bellotti
Erst bei Bally, jetzt bei Jil Sander: Simone Bellotti Marco Lessi

Der Italiener Simone Bellotti könnte der perfekte Designer für Jil Sander sein. Allerdings gibt es gerade leichtere Aufgaben, als die legendäre Hamburger Marke zu führen. Ein Besuch in Mailand.

Von Silke Wichert

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Für einen Chefdesigner, also denjenigen, der hier die kreativen Ansagen macht, ist das Büro von Simone Bellotti bei Jil Sander in Mailand bemerkenswert klein. Es liegt auch eher ungewöhnlich, in einer Art Sackgasse hinter einem Meetingraum, den man also zwangsläufig durchkreuzen muss, auch wenn dort, wie jetzt gerade, tatsächlich ein Meeting stattfindet. Andere dieser Berufsgruppe hat man schon in Arbeitszimmern so groß wie halbe Ballsäle getroffen, oder sie empfangen Besucher lieber gleich woanders, weil ihnen ihr Zimmer viel zu intim erscheint. Bellotti hingegen winkt den Besucher sofort freundlich herein, lotst an seinem Schreibtisch vorbei, raus auf den Balkon, um noch kurz eine zu rauchen, aber natürlich auch, um die ziemlich gute Aussicht zu präsentieren: Mitten auf die Piazza Castello und die prächtige Festung Castello Sforzesco dahinter. Panoramablick schlägt Auslauffläche.

Er habe sich den Raum nicht selbst ausgesucht, erzählt der Italiener zurück an seinem Arbeitsplatz. „Als ich hier vergangenes Jahr anfing, hieß es: ‚Das ist dein Büro‘, also habe ich mich hier eingerichtet und mittlerweile liebe ich es sehr.“ Sein Blick wandert vom Balkon hinter ihm nach rechts zu einem Moodboard mit Fotos aus Fassbinder-Filmen, nach vorn auf eine Wand mit Aufnahmen der neuen Kollektion und schließlich nach links zu zwei Kleiderstangen, vollgehängt mit Sachen aus seiner eigenen Garderobe, von seiner Frau sowieso diverse Vintage-Teile. „Wie Sie sehen, ist es etwas klein und vollgestellt, und jeder, der reinkommt, wirkt erst einmal überrascht, dass ich hier nicht jede Menge Kunst oder sonst was stehen habe, sondern vor allem Kleidung. Dabei ergibt es für einen Designer doch eigentlich Sinn, von Kleidern umgeben zu sein. Oder nicht?“ Zumindest für einen wie Simone Bellotti tut es das, was einiges darüber aussagt, wie er diesen Job in Zeiten von möglichst viralen Looks, Celebritys und Mode als Entertainment immer noch versteht.

Bellotti soll wiederholen, was er bei Bally vorgemacht hat: einen Bestseller entwerfen.

Als der 48-Jährige vor etwas mehr als einem Jahr als neuer Designer von Jil Sander vorgestellt wurde, mussten viele den Namen und das Gesicht dazu erst einmal googeln. Wer sich in der Branche allerdings einigermaßen auskennt, war keineswegs überrascht, den schmalen Mann mit dem weißblonden Bart an dieser Stelle zu sehen. Denn Bellotti hatte kurz zuvor ein ziemliches Kunststück vollbracht: Gleich seine erste Kollektion holte 2023 die immer egaler werdende Schweizer Marke Bally aus der Versenkung. Plötzlich diskutierten Leute ernsthaft über deren coole Lederwesten und asymmetrische Taillenverläufe, über lässige Anzüge und wie unspießig Hemden zu den richtigen Röcken aussehen können. Und ein eleganter Bootsschuh ließ Influencer, die sonst keinen Pfennig selbst für Garderobe ausgeben, scharenweise 750 Euro hinlegen.

Wer sich Bellottis vier Bally-Kollektionen rückblickend noch einmal ansieht, erkennt, was die Verantwortlichen von OTB, dem Konzern von Diesel-Gründer Renzo Rosso, zu dem Jil Sander gehört, offensichtlich damals sahen: Die Entwürfe sind puristisch, aber nicht im langweiligen Sinne schlicht. Jeder Look hat dieses eine Detail, das den Unterschied macht. Die Schnitte sind präzise und wirken trotzdem lässig. All das passt: perfekt zu einem Haus wie Jil Sander.

Dass der Mann ein ziemlich gutes Händchen für Schuhe hat, dürfte den Geschäftsführern ebenfalls nicht entgangen sein. Jil Sander verkauft als Marke immer noch vor allem Kleidung, was schön ist für einen Designer, aber nur semi-optimal für die Zahlen, weil Accessoires die eigentlichen Gewinnbringer sind. Bellotti soll jetzt also tunlichst wiederholen, was er bei Bally vorgemacht hat: einen Bestseller entwerfen. Welcher Schuh das seiner Meinung nach werden soll, ist nicht schwer auszumachen, der Designer trägt ihn bereits selbst an diesem Tag zu Jeans und schwarzer Jacke. Es ist das Modell „Hood“, ein Leder-Schnürschuh mit Paspelierung, ähnlich dem „Wallabee“ von Clarks, nur etwas eleganter in der Form und weicher, und natürlich teurer. „Meiner ist der Prototyp, der allererste, den wir gemacht haben“, sagt Bellotti. „Da ist die Sohle zwar noch ein bisschen zu schmal, aber ich wollte unbedingt, dass sie dünn bleibt“, erklärt Bellotti.

JIL SANDER

Gelernt hat Bellotti an so unterschiedlichen Orten wie Antwerpen, wo er für AF Vandevorst arbeitete, in Mailand, bei dem genial unbeirrbaren Österreicher Carol Christian Poell, sowie bei Ferré und schließlich sechzehn Jahre lang bei Gucci, wo er an der Seite von Alessandro Michele für die Men’s Wear zuständig war. Er prägte dort den größten Hype der neueren Modegeschichte mit. Allerdings könnte die maximalistische Ästhetik kaum weiter weg sein von dem puristischen Jil-Sander-Look. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal hier landen würde“, gibt Bellotti zu. Andererseits habe er sich von Rom beziehungsweise Florenz über die Schweiz ja jetzt allmählich gen Norden hochgearbeitet, sagt er zum Scherz.

Zu einer seiner ersten Amtshandlungen gehörte eine Reise nach Hamburg, wo er zwar nicht Jil Sander traf, aber die Ästhetik der Stadt in einer Art Musikvideo inszenieren ließ. Nach dem Motto: Ich weiß, wo die Wurzeln liegen. Ich respektiere, wo ich hier gelandet bin. Selbst wenn sich der Firmensitz von Jil Sander schon lange in Mailand befindet, wird die Geschichte des Hauses auf ewig mit Sanders Heimatstadt verbunden sein. „Bei Jil Sander denken alle immer nur an Minimalismus“, sagt Bellotti. „Aber es ist viel mehr als das.“ Es dürfe für ihn auch mal verschwenderisch sein, gerade was die Qualität angeht. „Jede Marke steckt, wie jeder Mensch auch, voller Widersprüche“, findet Bellotti, das mache die Sache doch erst interessant.

Das Problem an der Marke Jil Sander dürfte allerdings vor allem sein, dass der Kunde gar nicht mehr so genau weiß, was er dort heute tatsächlich bekommt. In den vergangenen zwanzig Jahren kamen und gingen teilweise sehr verschiedene Designer. Von 2005 bis 2012 hieß der Kreativdirektor Raf Simons, dessen konzeptionelle Kollektionen zumindest die Kritiker stets begeisterten. 2012 gab es ein kurzes Intermezzo von Jil Sander herself, gefolgt von einer Fehlbesetzung namens Rodolfo Paglialunga, bis 2017 schließlich das Ehepaar Lucie und Luke Meier geholt wurde. Ihre Mode schloss auf gute Art eine Lücke, die das „alte Céline“ unter Phoebe Philo hinterlassen hatte. Der Stil war feminin, manchmal sogar romantisch, Accessoires und Schmuck hatten viele Fans. Aber zuletzt konnte das Duo offensichtlich nicht die gewünschten Zahlen liefern. Wird Simone Bellotti es können?

Die Bedingungen in der Branche zumindest sind nicht einfacher geworden. Selbst Megabrands wie Louis Vuitton, Gucci oder Valentino müssen schrumpfende Umsätze hinnehmen, obwohl sie über gewaltige Marketingbudgets verfügen. Preise haben jegliche Bodenhaftung verloren. Die Kampagnen und Front Rows werden mit haufenweise Stars besetzt, weil ein tolles Kleid viel hermacht, aber erst ein Star in diesem Kleid heutzutage das ist, was wirklich Aufmerksamkeit generiert. Da kann und will eine Marke wie Jil Sander gar nicht mithalten. Andererseits genieße der Name einen entscheidenden Vorteil, sagt Bellotti. „Jeder mag Jil Sander.“ Er habe noch nie jemanden getroffen, der nichts damit anfangen konnte. „Die Marke ist tief im kollektiven Gedächtnis verankert, man empfindet sie als unbedingt modern.“ Es stimmt: Jil Sander polarisiert nicht. Allerdings elektrisiert das Label auch nicht mehr zwangsläufig.

Entwurf aus der aktuellen Kampagne
Entwurf aus der aktuellen Kampagne JIL SANDER

Bellottis Debut, das aktuell in den Läden hängt, ist deshalb eine Art Kahlschlag im positiven Sinne. Die einzelnen Kleidungsstücke wirken nicht nur reduziert, sondern gezielt eingedampft, kunstvoll beschnitten. Röcke und Taillen sind von Cut-outs durchzogen, bei einem Kleid ist gleich der gesamte Brustbereich ausgeschnitten, um ein Bustier im gleichen Stoff freizulegen. Für Männer entwarf der Italiener extraknappe Wollpullover, mit einem andersfarbigen Wollpullover darunter, Mäntel scheinen an der Knopfleiste leicht zu spannen, was erst etwas seltsam wirkt, die Silhouette aber sofort interessanter macht. Man merkt deutlich, dass Bellotti von der Männermode kommt. Die maskulinen Teile kommen selbstverständlicher daher, vorteilhafter. Wer Jil Sander einmal mit modernen Anzügen verband, die man selbst im Alltag tragen möchte, weil sie einen überhaupt nicht verkleiden – genau das findet man dort jetzt wieder.

Seine Frau ist ebenfalls Designerin und wichtige Ratgeberin, was die Frauenlinie angeht

Inszeniert hat Bellotti diese erste Kollektion in einer Bildsprache, die an Jil Sander Mitte der Neunziger erinnert. Unter Modeleuten sind die damaligen Lookbooks mit dem Model Guinevere van Seenus, fotografiert von Craig McDean, ein Standardwerk, sie brachten die Coolness in die Marke, manchmal war mehr Weiß als Produkt zu sehen. Es ist nicht nur puristisch, es hat fast etwas Poetisches.

Bei Bellottis zweiter Kollektion, die er im Februar bei der Mailänder Modewoche präsentierte, habe er dagegen Stoff hinzufügen wollen, erklärt Bellotti. Einen Rock ziert beispielsweise seitlich ein einzelner Faltenwurf, der in der Taille abgewinkelt wird und sich dann unwiderstehlich vom Körper zu schälen scheint. Jacken und Mäntel haben mehr Volumen, mehr Spiel. Schlichte Männerwesten sind mit Schulterpolstern ausgestattet, ähnlich wie auf den Fassbinder-Bildern, und werden als Tops getragen. Die Stoffe und Texturen sind insgesamt dicker und wattierter und das nicht nur, weil es halt um Herbst und Winter geht, sondern weil Bellotti sich nun im Hause Sander sprichwörtlich „einrichtet“. Das hat zugleich eine persönliche Note: Sein Vater war im norditalienischen Giussano Polstermacher. „Er fertigte selbst Matratzen von Hand an, mit dieser kunstvollen Stepptechnik“, erzählt Bellotti. „Als Kind habe ich ihn oft dabei beobachtet und – natürlich vergeblich – versucht zu helfen.“ Es prägte seine Liebe zum Handwerk, zu Textilien und Stoffen.

Präzise Reduktion, emotionaler Purismus: Die neue Linine bei Jil Sander.
Präzise Reduktion, emotionaler Purismus: Die neue Linine bei Jil Sander. JIL SANDER

Bellotti spricht unaufgeregt und selbstsicher. Wahrscheinlich ist es ein Segen, dass er nicht mit Anfang 30 ins Rampenlicht des Modezirkus geworfen wurde, sondern erst mit Mitte 40, als gefestigter Designer. Wenn man ihn auf Fotos, wie kürzlich bei einem Jil-Sander-Event beim Salone del Mobile sieht, wirkt er nicht so, als sei das seine Lieblingsbeschäftigung. Bellotti ist seit Langem verheiratet, seine Frau Martina Zerneri ist ebenfalls Designerin, sie lernten sich bei Gucci kennen. Sie sei eine wichtige Ratgeberin, gerade, was die Frauensachen angeht, sagt er.

Aber neben der Mode gehört seine größte Leidenschaft der Musik. „Ich bin früher oft in Clubs gegangen. Zu Hause habe ich vor allem House und Ambient aufgelegt, so laut wie möglich“, erzählt Bellotti. Jetzt, als Erwachsener, habe sich sein Hörverhalten vollkommen verändert. Mittlerweile höre er am liebsten klassische Musik, und zwar ganz leise, aber aus den besten Lautsprechern, die er sich von einem Toningenieur aus Wolfsburg hat bauen lassen. „Tonapparate heißt die Firma. Mittlerweile bin ich ein richtiger Nerd, was Hi-Fi-Systeme angeht“, sagt Bellotti. „Du hörst damit alles, selbst bei minimaler Lautstärke.“ Ein Mann der leisen Töne, in jeder Hinsicht.

Wenn sein Jil Sander eine Musikrichtung wäre, welchen Sound würde man hören, will man von ihm zum Abschluss wissen. „Ambient wahrscheinlich, auch wenn das vielleicht ein bisschen zu offensichtlich ist“, überlegt Bellotti. Die Musik zu besagtem Video stammte von dem Musiker Gianluigi Di Costanzo alias Bochum Welt, der „emotional Electro“ macht, wie Bellotti es nennt. Das war gewissermaßen sein Anfangssound, er ließ gleich eine EP davon pressen, die im Online-Shop von Jil Sander verkauft wird. Bei seiner letzten Show lief Laurel Halo, die Ambient, Jazz, Techno und Avant-Pop mischt. „Vielleicht ist Jil Sander nächste Saison Techno, wer weiß“, sagt Bellotti. Was er an Musik so liebe, sei die Direktheit. „Du kannst egal welchen Song auflegen, ihn irgendwem vorspielen, und jeder spürt die Musik sofort, es braucht keine Erklärung.“ Man merkt, dass er mit seiner Mode gern eine ähnliche Direktheit wie die von Musik erreichen würde. In minimaler Lautstärke natürlich.

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