Silvester in JapanLange Nudel, langes Leben

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Schlürfen ist Pflicht: Soba-Nudeln sind in Japan ein beliebtes Essen zu Silvester.
Schlürfen ist Pflicht: Soba-Nudeln sind in Japan ein beliebtes Essen zu Silvester. Yusuke Kawasaki

Fondue oder Raclette? In Tokio gibt es zu Silvester keines von beidem. Stattdessen wird Toshikoshi-Soba serviert - die Jahresendnudel.

Von Christoph Neidhart

Die Kneipen sind geschlossen, die Züge leer, kaum ein Mensch ist auf der Straße. So still wie zu Silvester ist Tokio sonst nie. Eine Party, Champagner, Feuerwerk? Nichts von alledem. Viele Japaner sind am 31. Dezember Schlag zwölf schon im Bett. Zuvor haben sie gefegt, gewischt und vorgekocht für den Neujahrstag, den höchsten Feiertag Nippons. Gleichwohl ist Silvester einer der wichtigsten Abende des japanischen Kalenders, der mit einem speziellen Gericht begangen wird: Toshikoshi-Soba.

Soba ist eine Nudel aus Buchweizenmehl. Kenner essen die braunen Fadennudeln meist kalt. Sie werden auf einem Sieb aus feinen Bambus-Spänen serviert, dem Zaru. Man dippt sie mit den Stäbchen in Dashi, einen Fischsud, und schlürft sie gut hörbar. So zeigt der Esser, dass die Nudel ihm schmeckt. Heiße Soba werden im gleichen Sud mit etwas Wildgemüse, mit gebratenem Tofu, einem halbgaren Ei oder einem halben Hering serviert. Das Schlürfen ist fast Pflicht; woher es kommt, weiß man nicht. Eine Theorie besagt, schlürfend könne man die heißen Nudeln schneller essen. Aber geschlürft werden Soba auch kalt.

Entstanden ist die Soba-Nudel als Schnellimbiss für kleine Leute in Edo, wie Tokio bis 1868 hieß. Sie ist bis heute ein beliebtes, traditionelles Fastfood. Menschen in Kyoto oder Osaka mögen dagegen lieber Udon-Nudeln. Sie sind knapp einen Zentimeter dick, werden aus Weizen hergestellt und gelten als edler. Gegessen, pardon, geschlürft werden sie ebenfalls sowohl kalt als auch heiß.

Udon sind 1000 Jahre älter als Soba, aber Weizen war früher rar und teuer. Um die Arbeiter, die im 17. Jahrhundert massenhaft in die rasch wachsende Metropole Edo zogen, satt zu bekommen, wichen die Nudelköche auf Buchweizen aus, ein Pseudogetreide. So ist Soba als billigere Ersatznudel entstanden. Heute gilt sie als besonders japanisch.

Zum Geburtstag essen alle Nudeln

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Ob Soba oder Udon, das letzte Gericht des Jahres zu "Toshikoshi" - wörtlich: Jahresübergang - muß eine Nudel sein. Der 1. Januar galt in Japan bis ins 19. Jahrhundert als "Geburtstag des kleinen Mannes". Da die Tempel in ihren Geburtsregistern keine Tage notierten, sondern nur das Jahr, wurden alle Japaner am Neujahrstag offiziell ein Jahr älter. Zum Geburtstag essen nicht nur Japaner, sondern auch Chinesen und Koreaner Nudeln. Ihre Länge symbolisiert ein langes Leben.

Ebenfalls zum letzten Abend des Jahres gehört "Kohaku", ein Musikprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens NHK. So sitzen die meisten japanischen Familien zu Silvester erschöpft vor dem Fernseher und schürfen ihre Nudeln. Einige besuchen auch einen buddhistischen Tempel, der das alte Jahr mit 108 Glockenschlägen ausläutet.

Das neue Jahr begrüßen die Japaner am Shinto-Schrein, manche schon kurz nach Mitternacht, die meisten aber erst am 1. oder 2. Januar. Der Neujahrstag gehört der Familie, sie trifft sich zu einem ritualisierten Festessen, dem Osechi. Die komplizierten Gerichte, die dabei serviert werden, sind alle vorgekocht, sie kommen kalt auf den Tisch. Am höchsten Feiertag des Jahres soll niemand in der Küche stehen müssen. Nudeln sind am Neujahrstag tabu.

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