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Sharing-Economy:Kleidung teilen - ganz schön nachhaltig

"Uns fiel auf, dass die meisten Leute nur die Hälfte oder sogar weniger ihrer Sachen wirklich tragen. Viele sind deshalb frustriert", sagt Elin Larsson, Sustainability-Beauftragte des schwedischen Labels Filippa K. In Schweden treffe das bereits auf sieben von zehn Menschen zu, weshalb Filippa K in ausgewählten Läden zusätzlich Leasing anbietet, neuerdings auch in der Boutique in Berlin-Mitte.

Ein Look aus der aktuellen Kollektion, für vier Tage, zu einem Fünftel des Verkaufspreises - perfekt für die Instagram-Generation, die sich pausenlos im Netz zeigt, und dabei ja unmöglich ständig dasselbe tragen kann. Ein Look ist optisch schnell verbrannt. Zudem wechseln die Trends mittlerweile so schnell, dass mithalten mit normalen Budget kaum mehr möglich scheint. Oder nur mit "Fast Fashion", also billig produzierter Mode.

Vielleicht ist die Idee eines Grundbestands im Kleiderschrank (Basics, Lieblingsteile, besondere Fundstücke), der dann mit geliehenen Trend- und Designerteilen vorübergehend aufgemotzt wird, gar nicht so abwegig? Oder sogar: ziemlich gut? Man könnte einfach mal diese Volantröcke ausprobieren, von denen man zwar glaubt, dass sie modisch gesehen eine Nummer zu groß sind, aber wer weiß? Bei Musik hört man ja auch erst mal irgendwo rein und schaut dann, ob es auf die Playlist kommt.

Wir wären, wenn wir das wollten, zumindest immer topaktuell angezogen. Im Grunde wäre es ein bisschen wie bei den Hollywoodstars, den It-Girls und Models, die die meisten ihrer hübschen Kleidchen und Schmuckstücke ja auch nur über Nacht von den Marken geliehen bekommen und am nächsten Morgen wieder zurückgeben müssen. Der alte Spruch "Hast du was, dann bist du was": Wo genau steckt da drin, dass man was dauerhaft haben, also besitzen, muss?

Aus- und Verleihen ist schon deshalb nachhaltiger, weil ein einmal gefertigtes Kleidungsstück im Idealfall mehrere Dutzend Mal getragen wird, von zig verschiedenen Personen. Die Kleiderei in Hamburg ist genau aus diesem Gedanken vor dreieinhalb Jahren entstanden. Den beiden jungen Gründerinnen ging es nie um Designerkleider, sondern darum, dass jeder, auch Schüler und Studenten, Zugang zu einem "never-ending Kleiderschrank" haben können.

Seit sie vor eineinhalb Jahren vom kleinen Laden auf online umgestiegen sind, trägt sich das Modell auch wirtschaftlich. Für 34 Euro pro Monat kann sich jeder, deutschlandweit, vier Teile pro Monat aussuchen. Nachfrage: steigend.

Luxusdesigner erschließen sich neue Zielgruppen

Ebenso nachhaltig wäre es, würden die Firmen selbst leasen - und das Produkt am Ende recyceln. So wie der Niederländer Bert van Son mit seinem Label Mud Jeans. Für 20 Euro wird man bei Mud Mitglied und zahlt dann 7,50 Euro pro Monat für eine Jeans. Macht jährlich: 110 Euro. Nach zwölf Monaten darf man sich entscheiden, wie beim Autoleasing, nur besser: Entweder man möchte die Jeans behalten, dann gehört sie einem jetzt. Oder man bekommt für 7,50 Euro ein neues Modell und schickt die alte zurück.

"Für mich ist die Jeans ein wertvoller Rohstoff", sagt van Son. "Wir benutzen ausschließlich hochwertige Biobaumwolle, die extrem teuer ist." Jede alte Hose wird deshalb zu 100 Prozent recycelt, jede neue Mud-Jeans enthält bereits ein Viertel "altes" Gewebe, bald werden es sogar bis zu 50 Prozent sein. So könne er umweltfreundlicher, aber eben auch wirtschaftlicher produzieren.

Dieses Prinzip einmal weitergedacht: Wie wäre es, wenn man sich die dicke Daunenjacke eines großen Labels nur mieten würde? Statt 800 Euro würde das neueste Modell vielleicht 400 Euro kosten, und danach wird die Jacke in den Winter auf der anderen Halbkugel verliehen. Oder man bekäme als Leasingpartner, der seine Jacke irgendwann zurückgibt, ein neues Modell zum Vorzugspreis, und die Daunen würden von der jeweiligen Marke wiederverwendet.

Dieses "Cradle-to-Cradle-Prinzip", das bereits bei technischen Geräten ein großes Thema ist, wird auch in der Mode noch wichtiger werden, glaubt van Son. Die Kundenbindung stärkt solch ein geschlossener Kreislauf auch.

Und was ist mit den Modehäusern, die selbst nicht verleihen, deren Sachen aber bei Anbietern wie Rent the Runway im Sortiment sind? Was haben sie davon, außer dass womöglich bald alle weniger kaufen, weil sie lieber mieten? Zum Beispiel kommen sie mit einer neuen Zielgruppe in Kontakt, die sich ihre Sachen bisher nie leisten konnte, am Ende aber vielleicht doch mal ein Teil richtig besitzen will.

Ein Lieblingsstück für den Grundbestand. Im besten Fall sogar zum Durchs-Leben-Tragen.

© SZ vom 19.11.2016/vs
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