Seltene Pflanzen Sterbende Schönheiten

Wunderbare, fragile Wesen: Der Fotograf Richard Fischer setzt Blumen wie Models in Szene - und will damit eine Botschaft vermitteln.

Von Titus Arnu

Sie schaut einen direkt an, mit großen schwarzen Augen. Stanhopea embreei heißt die exotische Diva, sie stammt aus Südamerika und gehört zu den Duft-Orchideen. Die weißlich-gelbe Blüte erinnert mit ihrer bizarren Form an ein Insekt oder einen Paradiesvogel: schwarze Flecken mit orangefarbenen Rändern, die wie Augen leuchten, dazu ein langer Blütenkelch, der aussieht wie ein Schnabel.

Es sind wundersame, fragile Wesen, die der Fotograf Richard Fischer porträtiert. Manche sehen unscheinbar aus, manche exzentrisch, manche sind gerade am Aufblühen, andere am Verwelken. Aber alle scheinen eine eigene Persönlichkeit zu haben. Fischer behandelt Blumen wie Stars: Er inszeniert sie im Studio vor passenden Hintergründen, leuchtet sie perfekt aus, drapiert sie so hin, dass sie möglichst vorteilhaft zur Geltung kommen. Auch Pflanzen haben Schokoladenseiten.

Seit fast 20 Jahren richtet Fischer sein Objektiv vor allem auf seltene Spezies: Orchideen mit prachtvollen Mustern, besondere Tulpensorten, aussterbende Arten, deren Namen nur Spezialisten geläufig sind. Er arbeitet mit botanischen Gärten in aller Welt zusammen, um auch die exotischsten Exemplare in seinem Atelier porträtieren zu können. Es geht ihm dabei nicht um wissenschaftliche Dokumentation, sondern vor allem um die Ästhetik. "Ich bin kein Botaniker, ich bin Künstler."

Und wie die meisten Künstler will er eine Botschaft vermitteln. In diesem Fall sagt Fischer sie nicht durch die Blume, die Blume selbst ist die Botschaft. Seine wichtigste Aussage: "Wir müssen etwas für den Artenschutz tun!" Bis zu 50 Prozent der Blumenarten weltweit könnten vom Aussterben bedroht sein, schätzen Experten, viele Pflanzenarten verschwinden allerdings von der Erde, bevor sie entdeckt werden. Das Besondere an Fischers floraler Bildsprache: Sie zeigt nicht nur die Opulenz und die Vitalität der Blüte, sondern auch deren Verletzlichkeit und den Verfall.

Ein Blumenstrauß ist ja immer auch ein Widerspruch in sich: Einerseits steht er wie kaum etwas anderes für das blühende Leben, andererseits ist er ein Symbol für Vergänglichkeit. In dem Moment, in dem man eine Blüte von einer Pflanze abschneidet, beginnt schon deren Verfall. Man kann diesen Prozess traurig und verstörend finden, Richard Fischer findet ihn faszinierend. Wenn eine Blüte welkt, ergeben sich für ihn neue, interessante Bilder: Eine strahlende Clematis wird zu einer grauen Wolke, eine Tulpe verwandelt sich in eine brüchige Papierblume.

Jede Blume verdient ihre Bühne

Für den Botaniker ist das ein natürlicher Vorgang, für den Fotografen ein Spektakel - und für den normalen Blumenbetrachter je nach Sensibilität entweder Biomüll oder Anlass für tiefsinnige Gedanken. Richard Fischer zeigt das Leben der Blumen in drei Zyklen, die er "Endangered Species", "Floral Scupltures" und "Dying Divas" nennt. Wenn er die Blüten in seinem Studio fotografiert, machen sie eine doppelte Verwandlung mit - von der Pflanze zum Kunstobjekt und vom Lebewesen zur Biomasse. Fischer hält die Verfallstadien in Bildern fest, diese Metamorphose gehört für ihn zum Leben der Blume dazu: "Auch wenn sie stirbt, ist die Blume ein wertvolles, schönes Lebewesen, das unseren Respekt verdient." Nur wenn es sich um so seltene und geschützte Arten handelt, dass man sie nicht pflücken darf, oder wenn er die meterhohe Blüte einer Titanwurz ablichten will, arbeitet er direkt mit der lebenden Pflanze in botanischen Gärten. Seine schönsten Aufnahmen aus den vergangenen 15 Jahren sind nun im Bildband "A Tribute to Flowers - Plants under Pressure" (teNeues Verlag) erschienen.

Der 66-jährige Fotograf hat selbst einige Metamorphosen durchgemacht. Geboren und aufgewachsen ist er auf den Philippinen, als Sohn einer wohlhabenden deutschen Kaufmannsfamilie. Als Kind spielte er in einem Baumhaus auf einem Mangobaum, umgeben von exotischen Insekten und wundervollen Blüten. Familienausflüge führten öfters mal in die damals noch einigermaßen intakten Dschungelgebiete der Insel. Seine Mutter sammelte Orchideen und liebte prächtige Sträuße. "Das hat mich sicher geprägt", sagt er. Mit Blumen hatte Fischer dennoch erst mal nichts am Hut, als die Familie nach Deutschland zurückkehrte. Er besuchte die Akademie für Fotografie in München und machte Karriere als Werbefotograf. Zu den Blumen kam er eher zufällig, als er einen neuen Farbfilm ausprobierte und eine Orchidee fotografierte, die im Studio herumstand. Mit dem Bild nahm er an einem Wettbewerb teil - und gewann.

Mittlerweile arbeitet er mit großformatigen Digitalkameras, deren Auflösung so hoch ist, dass man die Fotos bis zu vier, fünf Meter groß drucken kann. Eine unscheinbare Pflanze, im Original nur fünf Millimeter, wird so zum überlebensgroßen Kunstwerk. Solche limitierten Fine Art Prints verkauft Fischer für mehrere Tausend Euro, ein Teil des Erlöses fließt an einen Verein zur Erhaltung gefährdeter Blumenarten, der mit botanischen Gärten zusammenarbeitet. Doch egal, ob gefährdet oder nicht, Fischer ist für Gleichberechtigung im Pflanzenreich: "Ob Pusteblume, Rose oder Titanwurz - jede Blume verdient ihre Bühne." Immer wieder verliebt er sich regelrecht in eine bestimmte Blume und will sie dann unbedingt fotografieren. Manchmal entscheidet er sich aber auch dagegen und schneidet die Blüte nicht ab. Ganz im Sinne des Dichters Christian Morgenstern, der die Zeile schrieb: "Ich habe heute ein paar Blumen nicht gepflückt, um dir ihr Leben zu schenken."