Süddeutsche Zeitung

Funktionskleidung:Dufte Idee

Schwitzende Menschen in Sportkleidung riechen nicht gut. Das soll sich nun ändern - dank einer neuen Baumwollfaser aus Portugal.

Der Mensch ist in der Lage, 10 000 unterschiedliche Gerüche wahrzunehmen. Das ist praktisch, wenn gerade die Milch anbrennt. Oft aber auch unerfreulich, etwa wenn elf Freunde in der Kabine ihre Fußballschuhe ausziehen. Oder der Rachen des Kollegen beim Zwiegespräch den Hauch des Todes verströmt. Die Frage von Duft und Gestank ist eine sehr subjektive Angelegenheit. Genau wie die Frage, wonach ein Mensch riechen darf.

Geruch lässt sich sogar in Zahlen ermitteln: in einer Maßeinheit namens Olf. Laut Definition handelt es sich dabei um "die Geruchsbelastung, die von einem Normmenschen (erwachsene Person mit einem Hygienestandard von 0,7 Duschbädern pro Tag, täglich frische Wäsche, 1,8 Quadratmetern Hautoberfläche, sitzende Tätigkeit) ausgeht."

Diese Werte ermitteln geschulte Testpersonen, das sogenannte "Riecherkollektiv", indem diese beispielsweise die Geruchsintensität einer drei Tage lang getragenen Wandersocke mit einer genormten Geruchsquelle vergleichen. Demnach verströmt ein zwölfjähriges Kind zwei Olf, ein Athlet hingegen 30 Olf - fünf Olf mehr als ein Raucher. Dass die Koreaner fast keiner riechen kann, liegt übrigens an einer Genmutation. Den meisten Asiaten fehlt das entsprechende Eiweißmolekül, so dass sie kaum Körpergeruch entwickeln.

Manche werden von solchen Aromen wuschig

Wie gnädig so eine Maßeinheit ist, erweist sich, wenn man die anschaulichen Umschreibungen der Forscher zu Ausdünstungen ungeduschter Menschen liest: Das geht von "ranziger Butter" über "Chloroform" bis hin zu "Ziegenstall" oder "Ammoniak". Dennoch werden manche Menschen von solchen Aromen geradezu wuschig. Eine Untersuchung der Kulturanthropologin Ingelore Ebberfeld ergab, dass mehr als die Hälfte der Befragten sich vom Körpergeruch des Partners erotisch angezogen fühlen. So ließ Napoleon, als er vom Schlachtfeld nach Paris zurückkehrte, seiner Geliebten Josephine die Nachricht zukommen: "Wasche dich nicht, komme in drei Tagen."

Eine solche Aufforderung würde in einer Gesellschaft, die sich täglich duscht, vor allem Irritation hervorrufen. Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler, menschliche Ausdünstungen in den Griff zu bekommen, indem sie Textilien und Schuhe entsprechend präparieren. Besonders gefragt sind so genannte magische Socken, die angeblich selbst nach tagelanger Beanspruchung, inklusive Fußballtraining, geruchsneutral bleiben. Durchaus denkbar, dass es gar nicht die Träger sind, die als Kunden im Visier der Hersteller stehen. Sondern die bedauernswerten Personen in deren Dunstkreis. Erotik hin oder her: Bei herkömmlichen Wandersocken, die eine dreitägige Bergtour hinter sich haben, hätte sicher auch Napoleon abgewunken.

Umso erfreulicher die Nachricht, die uns dieser Tage erreicht: Einem Forscherteam in Portugal ist es gelungen, Baumwollstoffe so zu modifizieren, dass die Trainingsklamotten nach einem schweißtreibenden Workout nicht mehr nach Katzenpipi muffeln, ja besser noch: Dass sie stattdessen ein dezentes Zitronenaroma in der Kabine verströmen. Und das Schönste: Je mehr man schwitzt, desto besser riecht man darin!

Louis XIV. hätte das gefallen

Wer diese neue Errungenschaft trägt, darf künftig nicht nur ungestraft seine Sporttasche mit den verschwitzten Sportklamotten in der Diele stehen lassen, er wird womöglich sogar aufgefordert, diese zu öffnen und wie eine Duftkerze durch den Raum zu tragen. Oder, als mobiles Duftbäumchen quasi, nach dem Joggen noch eine Runde durch die Wohnung zu drehen.

Marketingtechnisch gesehen wäre es jetzt natürlich überaus spannend zu erfahren, wie viele Zitronen-Olfs so ein Müller-Trikot aus dem neuen Wunderstoff nach einem Champions-League-Spiel noch aufweist. Und ob man die Tennissocken von Ana Ivanović nach einem Grand Slam auskochen und womöglich sogar Limonade daraus herstellen könnte.

Nichts als eine Erfindung wird wohl die Smartphone-gesteuerte Schuhsohle bleiben, die mittels aktiver Ventilation potenzielle Stinkefüße kühlen und belüften sollte. Offensichtlich konnte die Idee die Sponsoren nicht überzeugen, die Finanzierung wurde eingestellt. Schade, Louis XIV. hätte das gefallen. Der Sonnenkönig soll in seinem ganzen Leben nur zwei Mal in eine Wanne gestiegen sein - der Rest war Puder und Parfum.

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SZ vom 03.08.2019/vs
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