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Schwimmbäder:In der Reihe

Freibad Sonnenbad öffnet für Spitzensportler

Es gibt wenige Orte, an denen man so unmittelbar mit anderen Menschen interagieren muss wie beim Bahnenschwimmen.

(Foto: Uli Deck/dpa)

Selten ist man anderen so ausgesetzt wie beim Bahnenschwimmen - die 25 oder 50 Meter im Becken sind perfekt für Studien über menschliches Verhalten.

Von Verena Mayer

Über das Schwimmen ist schon viel nachgedacht worden. Es gibt unzählige Abhandlungen über Bäder, den Menschen im Wasser, die Monotonie des Kachelnzählens. Der Dramaturg und Romanautor John von Düffel beschreibt Schwimmen als Kulturtechnik wie Lesen, als Möglichkeit, die Welt zu erkunden. Die frühere Leistungsschwimmerin Leanne Shapton erzählt in ihrem Buch "Bahnen ziehen" auf fast poetische Weise, wie ihr die immergleichen Abläufe des Schwimmens Halt geben. Oder aber es geht um Geschichten vom Überleben, so wie in der Autobiographie "Butterfly" der syrischen Schwimmerin und Olympia-Teilnehmerin Yusra Mardini, die auf ihrer Flucht über das Meer ein gekentertes Schlauchboot über Wasser hielt. Meistens geht es in diesen Abhandlungen um Körperbeherrschung, darum, wie man im Wasser mit sich selbst und den eigenen Grenzen konfrontiert wird.

Selten erfährt man dabei allerdings etwas über die anderen. Diejenigen, die im Wasser um einen herum sind, die hinter, neben oder vor einem schwimmen, gerne auch mal auf dem Rücken quer durch das Becken. Man hat das Wasser ja in den wenigsten Fällen für sich allein, besonders, wenn es sich in einem öffentlichen Schwimmbad befindet. Das ist schade, denn es gibt wenige Orte, an denen man so unmittelbar mit anderen Menschen interagieren muss wie beim Beckenschwimmen. Man befindet sich miteinander auf engstem Raum, also einer 25 oder 50 Meter langen und recht schmalen Bahn, man ist dabei ständig in Bewegung und noch dazu ziemlich man selbst, sprich: halbnackt. Gäbe es Laborbedingungen des Menschseins - man würde sie auf einer Schwimmerbahn im Hallen- oder Freibad finden.

Miniatur-Gesellschaft im Schwimmbecken

Schon das ganze Setting des Bahnenschwimmens hat etwas von einer Miniatur-Gesellschaft. Es gibt Regeln, wo und in welche Richtung man sich bewegen soll, in den professionelleren Bädern wird sogar jedem Schwimmstil eine eigene Bahn zugewiesen. Und egal, ob man im Verein schwimmt oder einfach nur in der Freizeit ein paar Längen zieht: Man schwimmt je nach Stärke hintereinander. Eine Schwimmbahn ist also auch eine Art Leistungsgesellschaft. Jede und jeder hat die Möglichkeit, sich nach vorne zu kämpfen oder sich auch mal eine Zeit lang nach hinten abfallen zu lassen. Und weil man innerhalb der Bahn einen Kreis schwimmt, sind auch die Langsamsten irgendwann die Ersten, so wie in der barocken Vorstellung vom Glücksrad, in dem man einmal oben und dann wieder unten ist.

Beim Bahnenschwimmen kann man perfekt beobachten, wie sich eine Gesellschaft zusammensetzt. Da gibt es diejenigen, die sich am Rand der Bahn halten und jede Bewegung der anderen mitdenken. Diejenigen, die kaum fünf Kraulzüge schaffen, aber schon den ersten Platz in der Reihe für sich beanspruchen. Leute, die den Kopf immer oben haben, und Leute, die schnell abtauchen. Schwimmende, die sich durch nichts aus ihrer Routine bringen lassen, und welche, die am Ende der Bahn innehalten, um andere vorzulassen. Man erlebt Bahnen, auf denen sich innerhalb kürzester Zeit eine harmonische Ordnung des Gleitens und Wendens bildet, und Bahnen, in denen sich die Schwimmer - es sind leider tatsächlich viele Männer darunter - verhalten wie auf der Autobahn: Die drängeln, anderen hinten aufschwimmen oder es nicht ertragen, wenn Schnellere überholen wollen. Die sich breit machen, wenn Bessere ihren Platz in der Reihe beanspruchen. Bahnenschwimmen ist auch ein Schnellkurs über Hierarchien. Zwischen den Startblöcken und den bunten Plastikleinen eines Schwimmbads lernt man mehr über die Mechanismen von Konkurrenz als in jedem Business-Coaching.

"Alter, ich würde selbst gefesselt schneller kraulen als du"

Aber die Schwimmbadbahn führt einem auch immer wieder vor, wie man sich in einer Leistungsgesellschaft am besten bewegt. Natürlich könnte man jedem Schwimmer, der einem nicht den Platz überlassen will, der einem zusteht, so etwas zuzischen wie: Alter, ich würde selbst gefesselt schneller kraulen als du. Man könnte passiv-aggressiv abwarten, bis die nervende Konkurrentin in die Rückenlage geht, und dann extra spritzend an ihr vorbeihechten wie neulich die junge Frau im schwarzen Wettkampfanzug. Oder aber die Leute fahren gleich ihre Ellbogen aus, wenn ihnen andere im Weg sind, auch das beobachtet man unter Wasser oft aus dem Augenwinkel.

Doch das ist nicht nur unsouverän, sondern kostet auch viel zu viel Kraft. Am besten fahren immer die, die einfach ihr Ding machen. In ihrem Tempo und in ihrem Schwimmstil, eine Bahn nach der anderen. Die mit den Bewegungen der anderen umgehen, sich davon aber nicht beirren lassen. Die beste Figur macht am Ende des Schwimmtages, wer noch Energie hat, während die anderen von den Platzkämpfen erschöpft sind. Und dann in einer eleganten Bahn Schmetterling an ihnen allen vorbeizieht. Oder man macht es gleich so wie der alte Herr ohne Badekappe, der einfach in die Schnellschwimmerbahn stieg und dort zwischen den Kampfkraulern mit kreisenden Armen auf dem Rücken schwamm, ganz langsam, eine Stunde lang.

© SZ/ake
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