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Schönheit:Auf den Schleim gegangen

Weinbergschnecke bei Traumwetter

Langsam, aber Trend: Beautyexperte bei der Arbeit.

(Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Die Kosmetikindustrie hat ein neues, angebliches Wundermittel gegen Falten entdeckt: Schneckenschleim soll die Haut zarter machen. In einem Spa kann man sein Gesicht sogar von lebenden Schnecken massieren lassen.

Von Wlada Kolossowa

Auf der Suche nach Wundermitteln für die Haut kennt die Kosmetikindustrie keinen Ekel. In den Luxus-Spas werden Vogelexkremente oder Plazenta aufs Gesicht geschmiert. Gegen Falten soll eine Creme aus Wurmausscheidungen helfen oder auch Pflegeprodukte mit Bienengift. Der neueste Trend scheint dagegen fast schon harmlos: Helix Aspersa Müller Glycoconjugates, oder kurz: Schneckenschleim.

Schnecken sondern Schleim ab, um ihre Körper feucht zu halten und sich beim Kriechen vor Verletzungen und Infektionen zu schützen. Das sprichwörtliche Schneckentempo hat einen Grund: Die Herstellung des Schleimes ist so aufwendig, dass manche Tiere sich in ihrem ganzen Leben nur wenige Meter bewegen. Aber auch auf Menschenhaut soll Schneckenschleim jetzt antibakteriell und feuchtigkeitsspendend wirken, und außerdem den Alterungsprozess bekämpfen. Dass es momentan keine ernstzunehmende Forschung gibt, die das auch bestätigt, stört den Hype nicht im Geringsten.

In einem Spa kann man sich das Gesicht von lebenden Schnecken massieren lassen

In asiatischen Ländern gibt es seit etwa zehn Jahren Pflegeprodukte mit Schneckenschleim. Von dort eroberten die angeblichen Wundermittel als erstes westliches Land die USA. Amerikanische Magazine und Beautyblogger überschlagen sich seither mit Lob, die Klatschpresse weiß sogar, dass Schauspielerin Katie Holmes ihren Teint Schneckenschleim verdankt. Große Kosmetikhändler wie Sephora und auch die Hipsterkette Urban Outfitters führen in den USA inzwischen Schneckenprodukte und im Internet ist die Auswahl schier unendlich. Preisspanne: von 15 Euro für ein Lippenbalsam bis zu 600 Euro für ein Luxus-Serum.

Die Erfindung der Schneckencreme beansprucht die chilenische Marke Elicina für sich. Das Familienunternehmen soll anfangs seine Schnecken eigentlich nur für den Export an europäische Restaurants gezüchtet haben. Doch dann entdeckte die Familie angeblich, dass ihre Hände durch die Schnecken zart wurden und fand heraus, dass die Weichtiere lebendig mehr Geld einbrachten, als auf dem Teller. 1995 kam die Elicina-Creme auf den Markt.

Richtig groß raus kam der Schneckenschleim aber erst in Südkorea. Die meisten Schneckenmittelchen stammen von dort, wobei amerikanische Marken aufholen. Und langsam ziehen auch europäische Hersteller nach: Die britische Marke Dr. Organic hat eine Linie mit Schneckencremes, das französische Label Jeanne M spezialisiert sich damit dezidiert auf reife Haut. In einem Spa im englischen Corby kann man sein Gesicht sogar von lebenden Schnecken massieren lassen.

Die Weichtiere kriechen zur Sekret-Melkung über ein spezielles Gerät

In Deutschland bekommt man die meisten Schneckenmittelchen nur im Internet. Aber langsam entdecken sie auch die hiesigen Beautyblogger, und Kosmetikerinnen reagieren nicht mehr so entgeistert, wenn man nach Schneckenschleim fragt.

In Foren liest man, dass viele deutsche Kunden sich um das Wohlergehen der Schnecken sorgen. Viele Hersteller schweigen tatsächlich darüber, wie das Schneckensekret gewonnen wird. Andere schleimen sich bei ihren tierlieben Kunden buchstäblich ein: Die Werbung des "Super 7 Elixirs" von Immunocologie etwa versichert, dass die Schnecken bei der Sekret-Melkung unbeschadet über ein spezielles Gerät kriechen. Ihr Leben beschreibt die Marke so: "Wunderschöne Kreaturen leben frei an der Küste der Bretagne", wo sie "die Seebrise atmen". Für den Preis dieser Creme, ca. 325 Euro, könnte man allerdings auch persönlich ein Wochenende lang die Seeluft der Bretagne genießen und sich nur im Schneckentempo bewegen.

© SZ vom 02.04.2016
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