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Schach:Wie "Damengambit" einen Schach-Boom ausgelöst hat

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32 Figuren, 64 Felder: Beim Schach gibt es Myriaden von Möglichkeiten.

(Foto: imago classic/imago images/Panthermedia)

Die Netflix-Serie hat dazu geführt, dass Schach-Apps massenhaft heruntergeladen werden und Schachbretter ausverkauft sind. Über die Komplexität und Anmut eines Spiels, das die Menschen seit jeher fasziniert.

Von Tanja Rest

Am 9. November 2018 begann in der Londoner Central School of Art and Design die Schach-Weltmeisterschaft, und für eine Handvoll Euro konnte man beim Weltverband FIDE einen Online-Pass erwerben und dabei sein. Das Setting war die Rollteppich und Stehpappe gewordene Absage an alles, was Glanz versprach. Vor der Sponsorenwand saßen der amtierende Champion Magnus Carlsen und sein Herausforderer Fabiano Caruana an einem Volkshochschultisch und waren vom Rest der Welt durch eine Glasscheibe abgeriegelt, durch die 500 Zuschauer hereinschauen konnten, die Spieler aber nicht hinaus. In dieser Kulisse passierte zwölf Spieltage lang in vielerlei Hinsicht: nichts.

Zunächst einmal passierte nichts, weil zwölf Partien in Folge Remis endeten. Außerdem passierte nichts, weil die Kontrahenten einander ignorierten und auf mimische oder gestische Regungen weitgehend verzichteten, die darauf hingedeutet hätten, dass ihr Superhirn einem fühlenden menschlichen Wesen angehörte. Nicht zuletzt passierte auch deshalb nichts, weil zwischen den Zügen oft ganze halbe Stunden verrannen oder vielmehr so zäh dahintröpfelten wie Himbeersirup durch einen zu engen Flaschenhals.

Im Studio nebenan saßen die ungarische Großmeisterin Anna Rudolf und die beste je da gewesene Spielerin der Schachgeschichte, Judit Polgár (Platz 8 der Weltrangliste im Jahr 2005), und fassten das Nicht-Geschehen viele Stunden lang in Worte. Sie taten das mit Esprit, Hingabe und einer stellenweise aufbrandenden Intensität, die darauf hindeutete, dass auf dem Brett nun doch Unerhörtes geschah, was man selbst nur leider nicht sehen konnte. Manchmal schauten Promis wie der Schauspieler Woody Harrelson, Wikipedia-Gründer Jimmy Wales oder Stephen Hawkings Tochter Lucy vorbei und räumten ein, dass auch sie nichts sahen.

Schicksalsfehler und leuchtende Geniestreiche, unsichtbar

Es war ganz und gar faszinierend. Eine Sprache, die man nicht verstand. Bilder, die man nicht entziffern konnte. Schicksalsfehler und leuchtende Geniestreiche, deren Suspense einem hoffnungslos verborgen blieb. Man hätte viel dafür gegeben, eine einzige Minute lang durch die Augen dieser beiden Meister auf die Konstellation der schwarzen und weißen Figuren zu blicken, die hin- und herzuckenden Muster der Angriffslinien und Verteidigungsstellungen zu erblicken, die pulsierenden Energieströme. Dieses Privileg aber war für kein Geld der Welt zu haben.

Carlsen And Caruana Set For Quickfire World Chess Final

Der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen (li.) und sein Herausforderer Fabiano Caruana bei der Schach-WM 2018 in London.

(Foto: Dan Kitwood/Getty Images)

Als Carlsen schließlich den Tiebreak gewonnen hatte und das Ganze also vorbei war, breitete sich eine Leere in einem aus, die sonst nur beendete Fußball-Weltmeisterschaften zu erzeugen im Stande sind. Was albern war, da man ja nichts verstanden und kein bisschen dazugelernt hatte. Das kurzfristig aufgeflackerte Interesse der anderen, also der Medien und üblichen Trittbrett-Aspiranten, flaute dann auch ebenso zügig wieder ab. "The World is watching", hatte am Turniertisch gestanden. Wenn es so gewesen wäre, so hätte die Welt ihre Ohnmacht eingeräumt und sich anderen Dingen zugewandt. Bis zum 23. Oktober 2020, an dem Netflix "Das Damengambit" veröffentlichte.

Die in den Sechzigern angesiedelte Serie über den Aufstieg des (fiktiven) Wunderkindes Beth Harmon zur amtierenden Königin des Schachs hat innerhalb weniger Wochen bekanntlich Rekorde gebrochen und auch sonst für Aufregung gesorgt. Erfolgreichste Netflix-Mini-Serie aller Zeiten. Platz 1 der Streaming-Charts in 63 Ländern der Erde. Eine Explosion des Interesses in Gestalt von Suchanfragen bei Google ("Schach lernen"), verfünffachter Neuregistrierungen auf Chess.com und nie da gewesener Download-Zahlen bei der Schach-App Stockfish. Außerdem sind bei Schach Niggemann in Münster die Uhren im Holzgehäuse jetzt ausverkauft.

"Mechanische Schachuhren mit Druckknopf", trällert Christoph Kamp ins Telefon, "stellen Sie sich bloß vor! Am Markt haben die noch einen Anteil von fünf Prozent, benutzt ja keiner mehr. Viele Hersteller haben die Produktion längst eingestellt. Und jetzt diese Nachfrage - wegen der Serie!"

Insgesamt möchte man sich das enervierte Augenrollen gestandener Schachmenschen lieber nicht vorstellen. Da bemühen sie sich seit Jahren, ihre Eröffnungsvarianten zu verfeinern, oder arbeiten zähneknirschend am Mittelspiel, und plötzlich stehen Millionen Ahnungslose da und wollen mitmachen - nur wegen eines dahergelaufenen Netflix-Früchtchens namens Beth Harmon. Dass Experten der Serie lupenreine Schach-Credibility bescheinigt haben, macht es nicht unbedingt leichter.

Die Nachfrage nach Schachzubehör hat sich verzehnfacht

Ebenfalls vergriffen oder mindestens knapp geworden sind bei Schach Niggemann, Europas Marktführer für Schachbedarf: Spielfiguren aus Holz, Spielbretter aus Holz (Plastik gibt es noch), Schachcomputer, Bücher für Einsteiger. Die Nachfrage hat sich seit November verzehnfacht, und nicht nur in Münster, was der Inhaber Christoph Kamp schon daran merkt, dass ihn händeringende Anfragen amerikanischer Händler erreichen: Habt ihr bei euch noch Bretter rumliegen? Könnt ihr die rüberschicken? Lieferkosten egal!

Nun aber die Frage, warum das eigentlich alles passiert. Gutes Entertainment allein kann die Erklärung ja nicht sein. Sicher, die Menschen hocken seit Monaten daheim auf ihren Sofas, netflixen und haben insgesamt mehr Zeit, mit der sich etwas verwegen Neues anstellen lässt, auf das sie vorher nie gekommen wären. Schach lernen, zum Beispiel. Das ist aber nur ein Teil der Antwort. Ein anderer Teil ist die Tatsache, dass "Das Damengambit" wahnsinnig gut aussieht. Kostüme, Kulissen, Schauspieler, Schachuhren im Holzgehäuse, alles allererste Sahne. Jeder Reflex, mit dem an dieser Front zu rechnen war, kam pflichtschuldigst zur Ausführung: Interior-Experten lobten den plüschigen Retro-Charme der Sofas und Tapeten, Architekturzeitschriften riefen die Rückkehr des Art déco aus, Mode- und Peoplemagazine bejubelten den authentischen Sixties-Look und bereiteten die 20 gelungensten Outfits fürs Nachstyling auf. Das war alles ungeheuer egal und konnte kaum darüber hinwegtäuschen, dass sich nach dem Willen von Netflix auch die Branche der Autoverkäufer, Versicherungsvertreter oder Opern-Garderobieren in puren Sex verwandeln ließe.

Hereinspaziert, ihr Blinden, Fantasielosen, Krüppel des Intellekts!

Die richtige Antwort aber hat mit Schönheit unbedingt zu tun. Denn was man in "Damengambit" erstmals sieht oder wenigstens zu sehen glaubt, ist die große Schönheit des Schachs. Oder, präziser ausgedrückt: die überwältigende Ästhetik eines mit Vorstellungskraft, Konzentrationsvermögen und Nervenstärke hoch begabten Geistes. Die Serie ist in ihrer Essenz ein Sesam-öffne-dich: Hereinspaziert, ihr Blinden, Fantasielosen, ihr Krüppel des Intellekts! Nur zu, schaut euch in aller Ruhe um. Ist es nicht herrlich?

Pressebild The Queen's Gambit, Netflix

Die Schönheit des Schachs: Anya Taylor-Joy als Beth Harmon in der Netflix-Serie "Das Damengambit".

(Foto: PHIL BRAY/NETFLIX/Phil Bray/Netflix)

Das ist es in der Tat. Die Linien, Muster und wogenden Energiefelder, die bei der Weltmeisterschaft in London kein Geld der Welt hätte sichtbar machen können: Hier sind sie glücklich vorhanden, von innen nach außen gekehrt mit den Mitteln des Films. Die statische Duell-Situation wird übersetzt in einander belauernde Augenpaare, die psychologische Kriegsführung in provozierende Gesten, anschwellende Musik signalisiert, dass es auf dem Brett nun um die Wurst geht. Der elitäre Glamour eines auf Hochtouren laufenden Verstandes spiegelt sich im Luxus der Kulissen, und wie dieses Denken tatsächlich funktioniert, man sieht es an der Zimmerdecke über Beths Bett: Nacht für Nacht bewegen sich dort riesige Schachfiguren schleifend hin und her.

Es ist brutal. Es ist gruselig. Es ist atemberaubend und sehr sexy. Wäre man so anmaßend, von sich selbst auf Millionen andere zu schließen, man würde sagen: Die Vorstellung, in dieser chaotischen, pandemischen, ins Ungewisse abdriftenden Welt eine kleine Scholle ganz und gar unter Kontrolle zu haben durch die schiere Kraft des Geistes und des Willens, und setze sie sich auch aus etwas so Unwesentlichem wie 64 Schachfeldern zusammen - diese Vorstellung hat etwas wahnsinnig Verführerisches.

Wie Kasparow gegen den Rest der Welt gewann

An dieser Stelle drei rasch zusammengeklaubte Beispiele für das, was der menschliche Geist zu leisten imstande ist, wenn er denn kann und will:

Am 25. Oktober 1999 gewann Garri Kasparow gegen den Rest der Welt. Dreieinhalb Millionen Mitspieler reichten insgesamt mehr als 25 Millionen Zugvorschläge ein, deren scharfsinnigster jeden Tag zur Ausführung kam. Nach vier Monaten und 62 Zügen gab die Welt auf.

Im Oktober 2003 meldeten Sigrun und Henrik Albert Carlsen ihren Sohn für ein Jahr von der Schule ab, verkauften ihr Haus und fuhren mit ihm im Wohnmobil von Turnier zu Turnier. Im April 2004 war Magnus Carlsen der jüngste Schach-Großmeister. Er war dreizehn.

Am 27. November 2011 stellte der deutsche Schachspieler Marc Lang einen Weltrekord im Blindsimultan auf. Ohne die Bretter sehen zu können, erzielte er gegen 46 Spieler ein Ergebnis von 34,5 zu 11,5 Punkten. 1040 Züge lang musste er sich merken, wo die anfangs 1472 Figuren postiert waren.

Vor diesem Hintergrund hat es etwas angenehm Deeskalierendes, wenn Stefan Kindermann sagt: "Man kann Schach natürlich auch spielen wie 'Mensch ärgere dich nicht'. Die wahre Tiefe und Schönheit des Schachspiels erlebt man dann allerdings nicht."

Stefan Kindermann

Der Großmeister Stefan Kindermann bringt Jugendlichen mit körperlichen und psychischen Einschränkungen die Kunst des Schachspiels nahe.

(Foto: oh)

Kindermann, 61, trägt den auf Lebenszeit verliehenen Titel des Großmeisters seit 33 Jahren und stieß bis auf Platz 70 der Weltrangliste vor. Für die SZ schreibt er wöchentlich die Schachkolumne und analysiert WM-Partien online. Man trifft ihn in der Münchener Schachakademie, deren Mitgründer er ist. Und hier endlich, zwischen den Magnettafeln, Tischreihen mit eingelassenen Schachbrettern und meterweise Fachliteratur, zeigt sich das Königsspiel als das, was es im Kern ist: harte Arbeit. Innerhalb von ein bis zwei Jahren könne man vom Anfänger zum Fortgeschrittenen werden, sagt er, kontinuierliches Üben und Spielpraxis absolut vorausgesetzt.

Die Schach-Therapie: Erfolgserlebnisse und Selbstvertrauen

Die Schachakademie und die ihr angegliederte Schachstiftung wenden sich besonders an Brennpunktschulen sowie an Kinder und Jugendliche mit körperlichen und psychischen Einschränkungen. Es geht hier nicht um Turniererfolge und flackerndes Genietum, Kindermann glaubt vielmehr leidenschaftlich an das therapeutische Potenzial von Schach: "Man kann sich mit anderen jenseits des Körperlichen auf Augenhöhe messen, Erfolgserlebnisse haben, Selbstvertrauen fürs Leben gewinnen. Für viele Kinder, mit denen wir zu tun haben, ist das eine völlig neue Erfahrung."

Er selbst hat damals natürlich einen anderen Weg eingeschlagen, und da ist man doch wieder beim "Damengambit", weil es ja letztlich um Besessenheit geht. Mit elf verlor er im Schullandheim eine Partie Schach gegen einen Klassenkameraden, der mit Nachnamen ausgerechnet Königsbauer hieß. Danach kaufte er ein Schachbuch und spielte die Partien der Meister nach. Mit 14 wollte er Profi werden, mit 18 wurde er es. Zwanzig Jahre lang hat der Turnierspieler Kindermann Glanz und Elend des Schachs erlebt, den rauschhaften Moment, wenn sich ein gelungener Zug zu reinem Glück verdichtet genauso wie die Versagensängste, den Stress, "den seelischen Knock-out der Niederlage, der dich noch tagelang verfolgt". Nach einem Turnier zogen sie oft noch durch die Bars, um wieder runterzukommen. Es sei lustiger gewesen damals, aber auch unprofessionell. "Die heutigen Spitzenspieler beschäftigen ganze Trainerstäbe, die für sie Datenbanken analysieren, und sind körperlich so fit wie Sportler."

Worin, glaubt er, besteht wesentlich das Talent für Schach? Stefan Kindermann überlegt. Er sagt: "Ich glaube, es liegt in der Bereitschaft, über Grenzen hinauszugehen,die eigene Komfortzone zu verlassen und sich immer wieder neu zu fordern. Und diese Bereitschaft haben nicht viele." Fünf Prozent der "Damengambit"-Konvertiten, hat der Schachhändler Kamp geschätzt, würden dem Spiel am Ende treu bleiben - "wenn's hoch kommt".

Schach lernen mit Stefan Kindermann: neun Trainingsvideos

© SZ/hij
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Pressebild The Queen's Gambit, Netflix

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